Die „Frau gegen Blau“ hofft auf Fortsetzung in Schwerin
Die amtierende Ministerpräsidentin Schwesig gibt ihre Stimme ab. Foto: Jens Büttner/dpa
Nach dem Sieg in Sachsen-Anhalt hat die AfD auch in Mecklenburg-Vorpommern ein Rekordergebnis erzielt. Doch die SPD hat zuletzt enorm Boden gut gemacht. Reicht das zum Weiterregieren?
Schwerin. Es zeugt von gesundem Selbstbewusstsein, dass die SPD die Orangerie im Schweriner Schloss für ihre Wahlparty angemietet hat. Der prächtige Renaissancebau - einst Sitz der Mecklenburger Herzöge - ist seit 1990 der Sitz des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern. Seit nunmehr 28 Jahren hat hier die SPD das Sagen, doch noch vor Monaten deutete einiges darauf hin, dass ihre Zeit abgelaufen ist.
Nach einem harten und polarisierenden Wahlkampf konnte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig aber entgegen dem Bundestrend deutlich gegenüber der AfD aufholen. Nun hofft sie auf Koalitionspartner.
Nach den Prognosen von ARD und ZDF liefern sich AfD und SPD bei den Landtagswahlen ein enges Rennen um den Sieg - mit einem knappen Vorsprung für die AfD. Laut der von Infratest dimap im Auftrag der ARD erstellten Nachwahlbefragung haben 37 bis 38 Prozent für die AfD gestimmt, 35,5 bis 36,5 Prozent für die SPD. Neben den beiden ziehen demnach noch die Linke mit 6,0 bis 7,5 Prozent in den Landtag, CDU, Grüne und BSW müssen um den Einzug in den Landtag bangen. Im Gegensatz zur SPD fehlen der AfD mögliche Koalitionspartner.
Schwesigs energischer Wahlkampf
Dass die SPD in Schwerin die Option hat, weiterzuregieren - trotz des schlechten Images der Bundesregierung, an der die Sozialdemokraten ja ebenfalls beteiligt sind - hat die Partei vor allem Schwesig zu verdanken.
Vor ziemlich genau einem Jahr landete die SPD in Mecklenburg-Vorpommern einer Infratest-Umfrage zufolge bei mauen 19 Prozent. Die AfD hatte zu dem Zeitpunkt doppelt so viel. Selbst zu Beginn des Sommers lagen die Sozialdemokraten noch abgeschlagen auf Rang zwei mit deutlich unter 30 Prozent. Doch die Amtsinhaberin machte die Abstimmung zu einer Richtungswahl und inszenierte sich als „Frau gegen Blau“. Mit Erfolg für die eigene Partei: Im Verlaufe des Wahlkampfs holte die SPD immer weiter auf.

Schwesig präsentierte sich im Wahlkampf als Frau gegen Blau. Foto: Jens Büttner/dpa
Neben ihren Verpflichtungen als Ministerpräsidentin tourte Schwesig unermüdlich durch das flächenmäßig immerhin sechstgrößte Bundesland Deutschlands. Bei den Wahlkampfterminen gab sie sich als Kümmerin. Nicht die Reden auf der Bühne brachten ihr den großen Zuspruch, sondern die Einzelgespräche mit den Bürgern danach. Sie schüttelte jede Hand, die sich ihr ausstreckte, ließ sich mit jedem ablichten, der es wollte. Wichtiger aber noch: Sie hörte sich jede Klage der Bürger an und versprach Abhilfe, wenn möglich.
Auf Distanz zur Bundesregierung
Schwesig ist es bei brisanten Themen wie der Rentenreform oder den Spritpreisen gelungen, auf Distanz zur gerade in Mecklenburg-Vorpommern unbeliebten Bundesregierung zu gehen. Sie inszenierte sich als Garant für Stabilität und Demokratie. Hilfreich für ihre Selbstdarstellung dürften zudem mehrere Milliardenverträge mit der Wirtschaft gewesen, die just zur Wahlkampfzeit unterzeichnet wurden; sei es der Aufbau eines riesigen Rechenzentrums bei Rostock von der Schwarz-Gruppe oder ein Großauftrag für Konverterplatten, den die Rostocker Werft bekam.
In den TV-Duellen gegen den AfD-Ministerpräsidentenkandidaten Leif-Erik Holm zeigte sie sich wiederum sehr aggressiv und trieb den Herausforderer teilweise in die Enge. Beide Kandidaten warfen sich immer wieder die Verbreitung von Lügen und Halbwahrheiten vor.
Gewinn auf Kosten der kleineren Parteien
Mit der These, sie allein könne eine AfD-Regierung in Schwerin verhindern, konnte Schwesig Stück für Stück den großen Rückstand aufholen. Dies ging allerdings vor allem zulasten der kleineren Parteien - zu der in MV inzwischen auch die CDU gezählt werden muss, die laut Prognosen ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in der bundesdeutschen Geschichte überhaupt einfahren dürfte. Dementsprechend groß war der Unmut der Parteien, die sich im Lagerwahlkampf zerrieben fühlten. Dass am Wahlabend so viele Parteien um den Einzug ins Parlament zittern müssen, ist Folge davon.
AfD stark in MV, aber schwächer als in Sachsen-Anhalt
Rein statistisch kann die AfD ihr Ergebnis im Nordosten als weiteren Erfolg verbuchen nach dem Sieg in Sachsen-Anhalt. Im Vergleich zur Landtagswahl vor fünf Jahren (16,7 Prozent) haben die Blauen ihr Ergebnis mehr als verdoppelt. Im Wahlkampf punkten konnte die Partei vor allem mit den Migrationsängsten der Menschen und den damit verbundenen Themen wie Innere Sicherheit und Soziales. Doch den Durchbruch wie in Sachsen-Anhalt schaffen die Rechtspopulisten in Mecklenburg-Vorpommern nicht.

Der AfD-Kandidat für das Ministerpräsidentenamt Leif-Erik Holm bei der Stimmabgabe. Foto: Jens Büttner/dpa
Gut möglich, dass das seltsame Konstrukt der Doppelspitze mit Leif-Erik Holm und Enrico Schult noch Zähler gekostet hat. Der eine wollte Regierungschef in Schwerin werden, der andere war Spitzenkandidat auf der Wahlliste. Es entstand zumindest der Eindruck, dass sich Holm, den die AfD großplakatig als Ministerpräsident anpries, für den Fall rückversichert hatte, dass es nicht klappt. Statt seine Partei als Oppositionschef im kleinen Schwerin anzuführen, bleibt er Bundestagsabgeordneter in Berlin.
Wie geht es weiter?
Die AfD hat im Wahlkampf immer mal wieder der CDU Avancen gemacht, allerdings haben die Christdemokraten sowohl einer Zusammenarbeit mit der AfD als auch mit den Linken eine generelle Absage erteilt. Das erschwert auch Schwesig die Regierungsbildung, wenn die CDU reinkommt. Allein für Rot-Rot reicht es womöglich nicht. Eine Option wäre die Erweiterung auf Rot-Rot-Grün oder eventuell sogar eine rot-schwarz-grüne Koalition. Dafür müssten die Grünen aber tatsächlich in den Landtag einziehen.