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Altes Land

Die Geschichte eines Altländer Adelsgeschlechts

Dort, wo heute die Gefängnisinsel Hahnöfersand (im Hintergrund ist das Osttor zu sehen) liegt, hat einst das mit dem Festland vereinte Dorf Zesterfleth gestanden. Eine verheerende Sturmflut im 14. Jahrhundert zerstörte das Dorf mitsamt der Kirche. Fotos: Richter

Dort, wo heute die Gefängnisinsel Hahnöfersand (im Hintergrund ist das Osttor zu sehen) liegt, hat einst das mit dem Festland vereinte Dorf Zesterfleth gestanden. Eine verheerende Sturmflut im 14. Jahrhundert zerstörte das Dorf mitsamt der Kirche. Fotos: Richter

Die Zesterfleths sind über Jahrhunderte eine der bedeutendsten Adelsfamilien im Elbe-Weser-Dreieck gewesen. Eine Buchveröffentlichung gibt Auskunft über die Altländer Adels Familie, aus der Vögte, Burgmannen, Domherren und Richter hervorgegangen sind.

Von Anping Richter Donnerstag, 14.12.2017, 14:25 Uhr

Das „Urkundenbuch der Herren von Zesterfleth“ hat der Landschaftsverband herausgegeben. Schon der Ursprung des Adelsgeschlechts ist sagenumwoben: Ihren Namen trägt die Familie nach einem in der Elbe versunkenen Dorf mit einer Kirche.

Dieses Altländer Atlantis gab es aber wirklich, und zwar etwa dort, wo heute die zu Jork gehörende Insel Hahnöfersand liegt. Bei einer verheerenden Sturmflut im 14. Jahrhundert wurde Zesterfleth größtenteils zerstört und von seinen Bewohnern aufgegeben. Einige Schätze aus der alten Kirche wurden gerettet und sind bis heute in der Nachfolgerkirche St. Nikolai in Jork-Borstel in Gebrauch: das kostbare Bronzetaufbecken von 1325 und die Stundenglocke außen am Kirchturm, die in Borstel bis heute die Stunde schlägt.

Die Familie Zesterfleth wählte sich nach der Flut allerdings einen neuen Hauptsitz: 1377 bezog sie Bergfried, einen befestigten, von Gräben umschlossenen Hof in Steinkirchen, wo in der Kirche St. Martini et Nicolai auch die Familiengruft liegt. Dort, wo sich einst Bergfried befand, steht heute ein gleichnamiges Seniorenheim.

Die Bronzetaufe von 1325 aus Zesterfleth steht heute in St. Nikolai.

Der Besitz, der Einfluss und die Beziehungen der Familie Zesterfleth reichten aber weit über das Alte Land hinaus: Sie erstreckten sich über Buxtehude, Horneburg, Stade und das Land Kehdingen, auf die Stader Geest, bis Bremen, Verden und darüber hinaus. Ein verdienter Forscher hat sich die letzten rund 15 Jahre seines Lebens mit dem Urkundenbuch der Zesterfleths beschäftigt: Der im März 2016 verstorbene Mikrobiologe und Historiker Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Hans Georg Trüper hat die 300 noch weitgehend unerschlossenen Urkunden aus den Jahren 1232 bis 1677 im Staatsarchiv in Stade aufbereitet.

Die kostbaren, von der Zeit schon etwas mitgenommenen Originale müssen nun nicht mehr zur Hand genommen werden, um die Quellen zu studieren: In dem jetzt vom Landschaftsverband Stade herausgegebenen „Urkundenbuch der Herren von Zesterfleth“, das am Dienstag im Museum Altes Land vorgestellt wurde, sind sie komplett nachzulesen.
Dr. Bernd Kappelhoff, der ehemalige Präsident des Niedersächsischen Landesarchivs, stellte den Herausgeber und das Buch vor einem etwa 50-köpfigen, interessierten Publikum vor: Aus den Dokumenten, in denen es vornehmlich um Rechte, Besitzerwerb und Eheverträge geht, ist laut Kappelhoff nicht nur die Familiengeschichte gut rekonstruierbar. Sie geben ebenso Aufschluss über das Verhältnis der Zesterfleths zu ihrer Landesherrschaft wie zu ihren Hintersassen und erzählen somit auch etwas über Menschen, die ansonsten nirgends Erwähnung gefunden haben.

„Das ist ein absolutes Unikum, aus dem Alten Land gibt es kein zweites erhaltenes Adelsarchiv“, erläutert Kappelhoff. Über Jahrhunderte besetzten Familienmitglieder der Zesterfleths Schlüsselpositionen, was sich wirtschaftlich und in ihrem Ansehen niederschlug: Die sogenannten Herren von Zesterfleth waren Angehörige der Stiftsministerialität des Erzbischofs von Bremen und der sich aus ihr entwickelnden Ritterschaft des Herzogtums Bremen. Sie stellten Vögte von Buxtehude, Amtmänner in Bederkesa, Burgmannen zu Horneburg und Brobergen, Domherren im Bremer und im Lübecker Domkapitel.

Mehrere Zesterfleths wurden auch Nonnen oder Mönche, die in Klöstern der Region eine führende Rolle spielten. Johann der V. von Zesterfleth wurde sogar Bischof von Verden. Laut Bernd Kappelhoff war der letzte Zesterfleth Christian Arnold von Zesterfleth (1750-1820), ein Richter des Oberappellationsgerichts in Celle. Er geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten und musste den Stammsitz Bergfried und seine anderen Güter – auch das Gut Wiegersen gehörte dazu – an Graf Eduard von Kielmannsegg (1874-1941), den Mann seiner Tochter Juliane, übergeben.

Einige Zesterfleths, wenn auch nicht aus genau diesem Zweig, gibt es aber immer noch. Eine von ihnen war bei der Buchvorstellung dabei: Christa Schliecker aus Hüll, vielen bekannt als Vorsitzende des Landfrauenvereins Großenwörden. Die geborene Zesterfleth ist auf dem gleichnamigen Hof in Grünendeich aufgewachsen.

Von ihrem Vater Heinrich Zesterfleth hat sie die Familienchronik und den Siegelring geerbt, die sie den Fachleuten an diesem Abend zeigte. Christa Schliecker ist mit Erzählungen aus ihrer langen und ereignisreichen Familiengeschichte groß geworden – und mit dem Blick auf die vielen Dinge in der Kirche St. Marien in Grünendeich, die von den Zesterfleths gestiftet wurden: Der Altar, die Kanzel, die Taufe und die Nordempore gehören dazu. Das Familienwappen mit den drei Messerklingen ziert übrigens nicht nur Christa Schlieckers Ring, sondern auch das Gemeindewappen von Guderhandviertel – und das Urkundenbuch des Landschaftverbands. Dessen Geschäftsführer Hans-Eckhard Dannenberg freute sich über ein Gespräch mit einer lebenden Zesterfleth – und gab ihr das neue Buch gleich mit.

Das „Urkundenbuch der Herren von Zesterfleth 1232-1677“, bearbeitet von Hans Georg Trüper, ist 2017 beim Wallstein-Verlag in Göttingen als Band 51 in der Schriftenreihe des Landschaftsverbandes der ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden sowie unter den Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen (291) erschienen. Das Buch ist in Leinen gebunden, hat 410 Seiten, kostet 39,90 Euro und ist zu bestellen unter der ISBN-Nr. 978-3-8353-3142-6.

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