Zähl Pixel
Auf einen Espresso mit...

Die Karl Meyer AG: Viel mehr als einfach nur Müll

Dr. Axel Meyer, Vorstand der Karl-Meyer-Gruppe,

Dr. Axel Meyer, Vorstand der Karl-Meyer-Gruppe,

Kaffeetrinker sind unter den Bossen offenbar selten geworden. „Ich habe für mein Leben genügend Kaffee getrunken“, sagt Dr. Axel Meyer, Vorstand der Karl-Meyer-Gruppe, und füllt sich heißen Tee in eine orange Tasse.

Von Karsten von Borstel Mittwoch, 21.02.2018, 10:00 Uhr

Im Hintergrund fahren Müllwagen in derselben Knallfarbe vorbei. Im Gespräch geht es darum, wie wichtig die Region für das Familienunternehmen ist – und über das emotionsgeladene Thema Müll.

„Ein abstrakter Boss bin ich nicht“, sagt Axel Meyer. 27 Jahre ist er im Familienunternehmen, seit 2012 Vorstand der Karl Meyer AG. „Viele der Mitarbeiter kennen mich sogar noch länger“, sagt der promovierte Volkswirt. Vier von fünf Angestellten kenne er persönlich, schätzt er. Nicht nur in Wischhafen und im Landkreis, sondern in Niederlassungen bis Berlin oder Hessen. Angst vor dem Chef müsse jedoch keiner haben. „Das ist wohl der Vorteil von Mittelständlern“, sagt er, grinst und nippt an seinem Tee.

Die Karl Meyer AG – das ist nicht nur Müllentsorgung, sondern Bildungsakademie, ein Logistikunternehmen, ein Autohaus, Energiesysteme, eine Reederei mit 15 Schiffen. 1978 hatte das Unternehmen aus Wischhafen einen Entsorgungsauftrag auf Helgoland gewonnen. Schnell kam die Logistik dazu, ein Klärwerk, das Kanalsystem. Es komme bis heute immer noch etwas dazu. Warum?

„Wir versuchen, Ideen zu entwickeln und merken, dass oft bei anderen auch Bedarf besteht“, so der Vorstand. Neue Geschäftsfelder seien nicht immer strategisch geplant, sondern entstünden im Dialog mit Kunden. Trotz der Vielseitigkeit kennen die meisten Menschen die Firma als Müllentsorger. „Klar, wir werden für das wahrgenommen, was wir hauptsächlich machen. In Berlin ist das Altglas – oder in Husum der Schiffsmakler.“

TAGEBLATT: Mancher spricht trotzdem noch platt von „Müll-Meyer“. Stört Sie das nicht?

Doch, das reduziert uns und die Mitarbeiter. Das wird der Sache nicht gerecht. Heute ist es mehr die Vermarktung von Rohstoffen. Müll verbindet man immer noch mit etwas, das wegkommt. Das stimmt so nicht. Wir sind besonders im Recyceln sehr stark.

Aus der Vorstandsetage im hellen Gebäude ist ein orangefarbener Mülllastwagen auf dem Areal zu sehen. In der Hauptstadt kümmert sich Karl Meyer um die Entsorgung von Altglas, auch in Brandenburg. In der Heimat hatte die Gruppe eine Ausschreibung im Dualen System kürzlich an die Firma Optisys verloren. Der Anbieter war bereits öfter negativ aufgefallen, weil er Glascontainer nicht aufgestellt oder nicht ordnungsgemäß geleert hatte. Karl Meyer hat die Aufgabe jahrelang zur Zufriedenheit gemacht.

TAGEBLATT: Wenn Sie die Schwierigkeiten mit dem neuen Anbieter aus Hamburg sehen: Freut Sie das oder ärgern Sie sich noch?

Es ist ärgerlich, wenn man einen Zuschlag nicht bekommt, immerhin hängt Infrastruktur daran. Wir haben ein Interesse, unsere Aufträge wiederzubekommen. Wenn ein Unternehmen beauftragt wird, das den Auftrag nicht erfüllen kann, dann ist Wettbewerb nicht gegeben. Die Firma Optisys hatte sich eigentlich schon selbst disqualifiziert.

Doch es gehöre dazu, den Zuschlag mal nicht zu bekommen. Noch dieses Jahr wird der Auftrag für die Entsorgung der Gelben Säcke im Landkreis neu vergeben. Dafür ist derzeit die Karl-Meyer-Gruppe zuständig. Hat Axel Meyer Sorge, den nächsten Großauftrag zu verlieren? „Nein, Flächenaufträge wie dieser sind unser tägliches Geschäft, das können wir gut“, sagt er.

Stichwort Gelbe Säcke: Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Beschwerden über die Dicke der Plastiksäcke – obwohl das bei der Vergabe festgesetzt wird. Für Unternehmen aus der Branche sei es wichtig, auf Transparenz zu setzen und schnell zu reagieren, wie im Fall des kürzlich eingestellten Umweltkalenders im Landkreis, als viele Menschen unsicher waren, wann Leerungen stattfinden oder woher sie ihre Coupons bekommen.

TAGEBLATT: Warum ist das ganze Thema Müllentsorgung Ihrer Meinung nach so emotionsgeladen?

Ich glaube, es betrifft jeden. Das ist wie beim Thema Schule, mit dem jeder irgendwie zu tun hat. Hinzu kommt: Die Zuständigkeiten und das Duale System sind für die meisten Bürger kaum zu durchblicken.

Wohin mit welchem Müll? Der Landkreis ist für die öffentlich-rechtliche Abfuhr und Entsorgung von Restmüll, Bio-Müll und Sperrmüll zuständig. Gelbe Säcke und Altglascontainer werden vom Dualen System organisiert und vom Käufer der Verpackungen finanziert. „Da muss man schon auf Zack sein“, sagt Axel Meyer.

Der gläserne Konferenztisch ist überdimensioniert für das Interview. Der Volkswirt schenkt Tee nach. Kekse stehen bereit. Keiner greift zu. Auf dem Unternehmensgelände ist es gegen halb 12 vergleichsweise ruhig. 700 Mitarbeiter zählt die Gruppe, verteilt auf alle Standorte. Davon arbeiten aktuell 368 im Landkreis Stade, allein 200 in Kehdingen. Trotz der Zahlen verstehe sich die Karl Meyer AG aber nicht als „Big Player“, wie Axel Meyer sagt.

TAGEBLATT: Karl Meyer gehört neben den zwei, drei anderen Großen im Landkreis zu den attraktiven Arbeitgebern, hört man oft. Würden Sie das unterschreiben?

Ich bin sehr vorsichtig, was die eigene Wahrnehmung angeht (lacht). Aber zumindest hört man das gern. Wir finden immer noch gute Azubis, doch auch für uns ist es beispielsweise bei den Lkw-Fahrern schwieriger geworden, Mitarbeiter zu finden.

Dass die Gruppe trotz der bundesweiten Tätigkeit verwurzelt ist, sieht man nicht nur an Messeteilnahmen in der Region. Wichtig sei die richtige Ansprache und Darstellung der Vielseitigkeit, um zu zeigen: Es gibt neben der Großindustrie den Mittelstand – und die Familienunternehmen.

Wenn man zehn Tassen Kaffee am Tag trinkt, kommt man gar nicht mehr zur Ruhe“, sagt Axel Meyer. Zu den Frühaufstehern gehört er nicht. Sein Tag beginnt morgens zwischen halb 9 und 9 Uhr. Einen Kaffee zum Wachwerden brauche er nicht. Jedenfalls nicht mehr. Leidenschaftlicher Teetrinker? „Ganz sicher nicht“, sagt der Vorstand.

TAGEBLATT-Redakteur Karsten von Borstel trifft monatlich eine Person aus der heimischen Wirtschaft, um über aktuelle Probleme ihrer Branche zu sprechen. Ob Café, Bäcker oder Kantine: Die Akteure wählen den Treffpunkt, und es muss nicht zwingend ein Espresso sein. Denn die Wahl des Kaffees – das die Theorie des Autors – verrät etwas über den Gesprächspartner selbst.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.