Zähl Pixel
Archiv

Die Moped-Metzger gehen ans Werk

Metzgermeister und -gesellen an der Schlachtbank. Von links: Philipp Wehner, André Brandt und die Chefs Heinz Wehner und Mario Gerken. Fotos Stief

Metzgermeister und -gesellen an der Schlachtbank. Von links: Philipp Wehner, André Brandt und die Chefs Heinz Wehner und Mario Gerken. Fotos Stief

Heinz Wehner und Mario Gerken sind ganz nette Kerle. Aber wenn sie ein Motorrad auf ihrer Werkbank haben, gibt es kein Halten mehr. Dann muss geschlachtet werden. Aus gutem Grund: Kunden aus aller Welt warten auf die Motorrad-Einzelteile von den „Moped-Metzgern aus Apensen“.

Von Wilfried Stief Sonntag, 01.04.2018, 16:00 Uhr

Motorrad kaufen, auseinanderbauen, Teile ins Netz stellen, verkaufen und abschicken. Klingt ganz einfach, ist es aber nicht. Zumal die Moped-Metzger, wie sie sich werbewirksam nennen, nicht die Teile von ein paar Motorrädern an den Mann bringen, sondern die Teile von Hunderten von Bikes.

40 000 Einzelteile haben die beiden Unternehmer in Sachen Motorrad im Angebot. Es gibt lange Regale nur mit Tanks, dann wieder Regale mit Sitzbänken, mit Schwingen. Und Felgen noch und nöcher. Allerdings hauptsächlich die vom Hinterrad, erklären Heinz Wehner und Mario Gerken. Die vom Vorderrad sind oft lädiert, da die Männer aus Apensen viele Unfallmotorräder einkaufen. Und wenn die Vorderradfelge in Ordnung ist, geht sie schnell weg, denn irgendwo auf der Welt hat gerade jemand seinen Bock irgendwo gegen gesemmelt und braucht Ersatz.

Die umtriebigen Motorradschrauber haben sich in den vergangenen Jahren in einem Markt etabliert, in dem viel Bewegung ist und viele auch ihr Geschäft an die Wand fahren. Jüngstes Beispiel ist da das ZTK in Schneverdingen, ein großes Motorradkaufhaus, das vielen Bikern in der Saison als Ausflugsziel dient. Im Landkreis Stade ist die Zahl der Firmen, die mit Motorrädern zu tun haben, arg geschrumpft, lassen sich fast an einer Hand abzählen.

Bei den Motorrad-Metzgern in Apensen läuft der Laden wie frisch geschmiert. Dabei liegen die Anfänge schon einige Jahre zurück. 2003 fing Heinz Wehner an, Motorräder zu schlachten – schon damals nannte er sich Metzger. Noch im ganz kleinen Rahmen, zuhause in der Garage. Dann kam Mario Gerken dazu, die Arbeit wurde immer mehr. 2013 machten sich dann beide so richtig selbstständig, Heinz Wehner zum Beispiel kündigte dazu seinen festen Arbeitsplatz im Hamburger Hafen.

Dass sich der durchaus gewagte scheinende Schritt gelohnt hat, zeigte sich in den Jahren drauf weiter. Denn das Ende der Fahnenstange war noch nicht erreicht. Ehefrau Kerstin Wehner machte die Buchführung und arbeitete im Lager, Sohn Philipp schraubte mit und immer noch wuchs die Firma weiter. Heute beschäftigen die beiden Metzger in ihrer Moped-Schlachterei sieben Mitarbeiter. Auf ein gutes Betriebsklima legen Gerken und Wehner großen wert.

Die Einkaufsphilosophie der Unternehmer ist ein Grund für den Erfolg. Sie kaufen schlichtweg alles auf. Jung und Alt, neu und gebraucht. Von einem großen norditalienischen Motorradhändler, der pleite ging, übernahmen sie die ganze Ersatzteil-Palette – die Ware kam im prall gefüllten 40-Tonner. Einem Sammler kauften sie an die drei Dutzend Kawasakis ab – alles Z 200-Modelle. Für eine Unfallmaschine fahren Gerken und Wehner mal eben quer durch Deutschland. Ohne lange zu fackeln, denn der Markt ist umkämpft.

Das A und O des funktionierenden Betriebs ist die Lagerhaltung. Wenn ein Käufer über Ebay die Ware kauft oder ersteigert, muss sie nach der Bezahlung umgehend ausgeliefert werden. Dazu muss sie aber schnell gefunden werden. Die Spezialistinnen dafür sind Sonja Taschendorf und Kerstin Wehner. Zahlen- und Buchstabenkombinationen weisen den Weg und führen in den vielen Schubladen der Apothekerschränke auch zu den kleinsten Teilen. Bei den Motorradmetzgern ist Ordnung nicht das halbe, sondern das ganze Geschäftsleben.

Am Ende steht dann der Versand. An besonderen Wochenenden, und da gehört Ostern auf alle Fälle dazu – müssen dann alle ran. Die Leute hatten Zeit zu bestellen und erwarten ihre Teile.

Reklamationen gebe es übrigens selten, sagen Heinz Wehner und Mario Gerken. Manchmal werde gemeckert, weil es verschiedene Definitionen gibt, was Gebrauchsspuren und leichte Kratzer sind. Aber ein Viertel der Kundschaft sind Händler, die an ein gebrauchtes Motorrad gerne ein gebrauchtes Teil bauen, weil dann alles aus einem Guss ist.

Stillstand gibt es in der Werkstatt nicht. Eine Ducati ist reingekommen. Ab auf die Schlachtbank. Heinz Wehner und Mario Gerken greifen zum Werkzeug und beginnen mit dem Zerlegen.

 

Im Versand: Aida Lühnen packt mit an.

Haben im großen Lager auch bei kleinen Teilen den Überblick: Sonja Taschendorf und Kerstin Wehner.

Haben im großen Lager auch bei kleinen Teilen den Überblick: Sonja Taschendorf und Kerstin Wehner.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.