Die Sauerkrautfabrik: Bunter Ort der Gegenkultur
Schon von außen ist die Ecke am Kleinen Schippsee als autonomes Kulturzentrum zu erkennen: die Sauerkrautfabrik im Herzen Harburgs.
Im Gebäude der alten Sauerkrautfabrik in Harburg betreibt der Verein Weltraum ein alternatives Kulturzentrum. Angebot und das Programm werden allein über Spenden finanziert. Jetzt plant der Verein eine neue Initiative für solidarische Stadtteilpolitik.
Von Kevin Gollasch
Nahe der S-Bahn-Haltestelle Harburg-Rathaus, etwas versteckt hinter dem Kaufhaus Karstadt, steht ein sehr auffälliges Haus. „Wir sind ein bunter Vogel“, sagt Michele Bauer. Der 31-Jährige ist Mitglied des Vereins Weltraum e.V., dem Träger des bunt bemalten Kulturzentrums „Sauerkrautfabrik“.
Die Sauerkrautfabrik ging aus einer Initiative hervor, die 2011 versuchte, ein ehemaliges Freizeitzentrum in Harburg als soziales Zentrum zu nutzen, wie Bauer erzählt. Als dieser Plan scheiterte, weil eine Musikschule in das Gebäude einzog, gründete sich der Verein. Nach einem kurzen Intermezzo in Heimfeld zog der Verein Ende 2014 nach Harburg in das Gebäude der ehemaligen Sauerkrautfabrik, daher auch der Name. „Der Platz in Heimfeld wurde uns einfach zu klein“, berichtet Kim Less. In den neuen Räumen sei nun mit 150 Quadratmetern genug Platz für alle möglichen Veranstaltungen. Auch die 22-Jährige ist Mitglied im Weltraum e.V. und darüber hinaus ebenfalls aktiv in der Sauerkrautfabrik. Denn dort darf sich jeder einbringen. „Das Zentrum ist basisdemokratisch organisiert und selbstverwaltet“, berichtet Bauer. „Der Verein ist nur der Träger und überlässt es allen, die sich einbringen wollen, die Räume und auch das Programm zu gestalten.“
Geboten wird deshalb auch ein abwechslungsreiches Programm. Die Sauerkrautfabrik bietet Räumlichkeiten, in denen sich verschiedene politische und soziale Gruppen treffen können. Dazu gibt es regelmäßige Veranstaltungen wie zum Beispiel einen Kneipenabend, die „Küche für alle“ (Küfa) oder eine Rechtsberatung für Flüchtlinge, die zwei Jahre lang stattfand, aber inzwischen wegen Platzmangels in Räume der TU Harburg umgezogen ist.
In der Küfa kocht eine eigene Gruppe ein Mal in der Woche veganes Essen, das dann gegen eine Spende angeboten wird. Auch hier darf jeder, der Lust hat, vorbeikommen und beim Kochen helfen.
Überhaupt läuft in der Sauerkrautfabrik alles gegen Spende. „Hier verdient niemand etwas“, bekräftigt Bauer. „Die Getränke an der Theke, Konzerte und Eintrittspreise sind grundsätzlich gegen Spende, die Raumnutzung ist für alle Nutzer gratis.“
Dieses Konzept soll es ermöglichen, dass sich jeder die Veranstaltungen leisten kann. Aber es mache die Arbeit auch schwerer, so Bauer. „Das Projekt ist nicht einfach. Wir stecken viel Arbeit hinein, aber es kann sehr lange dauern bis ein Projekt besprochen und umgesetzt ist. Trotzdem lohnt sich das Ganze natürlich und wir haben dabei alle ziemlich viel Spaß.“ Außer über Spenden finanziert sich das Projekt über Fördermitgliedschaften des Weltraum e.V., der sich einmal in der Woche trifft, um zu besprechen, was es zu tun gibt.
Denn auch das Gebäude selbst macht viel Arbeit. Die alte Sauerkrautfabrik wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus Trümmern gebaut. „Das merkt man an der Bausubstanz“, erzählt Less. „Wir stecken hier viel Arbeit rein, um das Gebäude zu erhalten und schöner zu machen“, ergänzt Bauer. „Dem Vermieter kommt das gelegen und er lässt uns dabei viel Freiraum, wie man ja an der Fassade sieht. Aber wir wollen so auch verhindern, dass ein weiteres altes Gebäude in Harburg abgerissen wird.“ Ihre Arbeit in dem Projekt sehen sie deshalb auch als Widerstand gegen die Verdrängung von unkommerziellen Orten und günstigem Wohnraum in Harburg.
Für die Zukunft haben die Aktiven der Sauerkrautfabrik große Pläne. „Uns steht ein großes Bauprojekt bevor“, sagt Bauer. „Im oberen Stockwerk soll eine Werkstatt, ein Sport- und Seminarraum und ein Fotolabor entstehen.“
Das größte Projekt sei aber eine neue Initiative für Stadtteilpolitik. „Wir wollen ein solidarisches Stadtteilprojekt für alle Leute in Harburg sein“, sagt Michele Bauer. Deshalb wollen sie sich in Zukunft noch mehr in Harburger Themen, wie hohe Mietpreise, den politischen Rechtsruck oder die Verdrängung von Obdachlosen einbringen. Außerdem solle ein Hilfscafé entstehen, bei dem Unterstützung zu Themen wie Mietrecht, dem Jobcenter oder ganz praktische Hilfe bei Reparaturen angeboten wird.
„Wir ackern uns hier ganz schön ab und machen das auch gerne“, sagt Bauer. „Aber unsere Forderung nach mehr unkommerziellem Raum für alle Harburger steht nach wie vor.“