Die Volksbank verliert ein Gesicht
Es wird nirgendwo so viel gelogen wie auf Beerdigungen oder Abschieden. Und wenn nicht gelogen wird, ist es langweilig – gesagt von Reinhard Dunker bei seiner nicht langweiligen Verabschiedung aus dem Vorstand der Volksbank Stade-Cuxhaven vor 450 Gästen.
37 Jahre bei der Volksbank Stade-Cuxhaven, davon 20 Jahre mit Henning Porth im Vorstand: Für viele Kunden und die Öffentlichkeit war Reinhard Dunker das Gesicht der Volksbank Stade-Cuxhaven. Ein letztlich immer jovialer Banker, der Kundennähe und wirtschaftliche Entwicklung in der Region gleichermaßen proklamierte und lebte.
Weil er keine Lobesworte bei der Verabschiedung aus dem Job wollte, gab es am Donnerstagabend nur Worte seines langjährigen Vorstandskollegen Henning Porth und vom Aufsichtsratschef Axel Lohse („Herr Dunker hat in 37 Jahren 22 100 Kredite vergeben“), dazu eine politische Rede vom CDU-Europaabgeordneten David McAllister. Der ehemalige Ministerpräsident gilt als Freund der Volksbank Stade-Cuxhaven, wie wohl alle Anwesenden bei der launigen Verabschiedung von Reinhard Dunker, der in seiner Abschiedsrede an die Anfänge seines beruflichen Schaffens vor 50 Jahren erinnerte, eine Zeit, in der 60 Prozent der Haushalte keinen Fernseher, 70 Prozent kein Auto und 80 Prozent kein Telefon hatte.
Als 15-Jähriger gab ihm sein damaliger Chef bei der Spar- und Darlehnskasse Vilsen diese Marschroute: „Es gibt bei uns eine Regel: Der Lehrling ist morgens der Erste, der kommt und abends, der Letzte, der geht.“ Für Dunker war das letztlich eine Maxime seines Schaffens, die er bis zuletzt umgesetzt hat. Dass er mit seinem damaligen Zeugnis heute bei ihm nicht eingestellt werden würde, mochte er nicht verschweigen.
Als Leiter der Kreditabteilung kam der junge Banker 1980 zur Volksbank Stade, die dann später auch unter seiner Regie drei Fusionen erlebte: mit den Volksbanken Himmelpforten, dem Alten Land und Cuxhaven-Hadeln. Dunker räumte ein: „Nicht alles, was wir von Cuxhaven übernahmen, war gut.“ Wie ein Sechs-Familienhaus, dessen Baugrenzen überschritten wurden und dessen Nutzung von den Behörden untersagt wurde. Dass Reinhard Dunker das jahrelange Problem mit einem Brief an den damaligen Cuxhavener Bürgermeister elegant lösen wollte, brachte ihm und seinem Vorstandskollegen eine Anklage wegen versuchter Bestechung ein. Einer ersten Verurteilung folgte vor der Berufungsverhandlung die Einstellung gegen Zahlung eines erheblichen Geldbetrages. Dunker beklagte am Donnerstag, dass Personen, die im öffentlichen Leben stehen, quasi vogelfrei seien und die Zeitungen mit Bild und vollem Namen berichten dürfen. Dunker und auch Porth bedankten sich für die damalige Unterstützung von Mitarbeitern und Aufsichtsrat. Dunker meinte gar: „Es ist uns gelungen, nicht nur einen Reputationsschaden für die Bank zu verhindern, sondern sogar für die Entwicklung davon zu profitieren, weil Neukunden sich eine solche Bank wünschten, die sich so um Kunden kümmere. Das hat die Staatsanwaltschaft noch mehr geärgert.“
Inhaltlich sah und sieht der scheidende Vorstand „seine Volksbank“ gut aufgestellt. Als gelungene Beispiele von Problemlösungen in der Region nannte er die Bebauung der jahrelangen Brandruine des „Altländer Hofs“ in Jork und die Finanzierung des Rathausquartiers in Buxtehude. „Als wir zum wiederholten Male durch die Medien darauf aufmerksam gemacht wurden, dass sich kein Kreditinstitut findet, haben wir gemeinsam mit der Sparkasse Stade-Altes Land die 20-Millionen-Euro-Maßnahme begleitet.“ In diesem Zusammenhang meinte der Banker: „Ich war nie ängstlich und so haben wir Sachen angepackt, an die sich andere nicht herantrauten.“
Reinhard Dunkers Fazit zum Abschied: „Ich hinterlasse ein gut bestelltes Haus, eine starke Führungsmannschaft, ein tolles Mitarbeiterteam und einen guten Kundenstamm mit viel Potenzial.“ Das Credo seiner jetzt „Ex-Bank“ skizzierte er so: „Wir bringen Ihnen den Regenschirm, wenn es regnet.“
Sein jetzt ehemaliger Vorstands-Kollege Henning Porth plauderte aus dem Nähkästchen. So habe Dunker jahrelang Rechtschreibunterricht in der Bank erteilt, Fehler wurden mit einem Euro bestraft. Dass Dunker früher bei kritischen Fragen zur Zigarette gegriffen habe, was er seit langem nicht mehr mache, könne nur bedeuten, dass es keine großen Probleme in der Volksbank mehr gibt, meinte er augenzwinkernd.
Für die Problemlage war am Donnerstagabend David McAllister zuständig, der drei Wochen vor den Wahlen allerdings jegliche Parteipolitik vermied und über die Lage in Europa redete. McAllister sprach von einer schwierigen Lage der EU, die Krise sei 2007 in zahlreichen Staaten mit der weltweiten Wirtschaftskrise entstanden. Der Stabilitätspakt sei ein gutes Instrumentarium, müsse aber konsequent angewendet werden. Auch wenn einer der großen Staaten wie Frankreich dagegen verstoße, dürfe das nicht toleriert werden. „Die Regeln gelten für alle.“ Alles andere komme in den kleinen Mitgliedsländern nicht gut an.
Grundsätzlich nannte McAllister die Union eine Erfolgsgeschichte. „Je weiter sie sich von Europa wegbewegen, desto größer ist der Respekt und die Bewunderung über das, was wir erreicht haben.“ Ob dies auch in Zukunft gelte, sei keinesfalls klar. Ohne das Vereinigte Königreich werde die EU anders werden. Dabei gelte es nicht, die Briten zu bestrafen, das Vereinigte Königreich bleibe weiterhin ein wichtiger Partner. „Wir müssen diesen Bruch fair bewältigen.“ Aber am Ende so, dass ein Mitgliedsland der EU nicht schlechter gestellt sein dürfe, als ein freiwillig ausgeschiedenes Land.
„Ernste Lage, aber zunehmender Grund zum Optimismus“, meinte McAllister am Ende. „Der Brexit war ein Weckruf, ein Warnsignal.“ Die jüngsten Wahlen in den Mitgliedsstaaten hätten gezeigt, dass die Menschen den Populisten wieder die Stirn zeigen.
Reinhard Dunkers Nachfolger im jetzt wieder zweiköpfigen Vorstand ist Ulrich Sievert, der seit zweieinhalb Jahren bereits als drittes Vorstandsmitglied Erfahrung sammeln konnte.