„Die deutsche Theaterlandschaft steckt in den Institutionen fest“
Stadeum-Chefin Silvia Stolz (38) möchte im kommenden Jahr die erste eigene kleine Theaterproduktion des Stader Kulturhauses anstoßen. Foto Husung
Seit Ende 2018 ist Silvia Stolz als Leiterin im Stadeum im Amt und damit eine der wichtigsten Figuren der hiesigen Kulturszene. TAGEBLATT-Kulturredakteur Sven Husung hat mit der 38-Jährigen über ihre Vision für das Stadeum und kulturelle Teilhabe als Menschenrecht gesprochen.
TAGEBLATT: „Vorzeigehaus“ und „Leuchtturm“– das Stadeum wurde bei der großen Theatertagung in Stade (INTHEGA) im Mai über den Klee gelobt. Haben Sie sich in ein gemachtes Nest gesetzt?
Silvia Stolz: Das Stadeum hatte bisher eine gute Leitung und wird sie weiterhin haben. Zur Einordnung: In Deutschland gibt es in etwa 500 Häuser, die Theater auf der Basis von Gastspielen anbieten. Die also Theater abseits der Großstädte und den Staats- und Stadttheatern und damit ohne eigene Ensembles zeigen. Das Stadeum ist eines der größten Häuser in diesem Bereich und genießt in der Branche einen exzellenten Ruf. Eine Tatsache, die hier in der Region gar nicht so bekannt ist. Für mich war das einer der Gründe, mich auf den Posten zu bewerben.
Welche Vorteile bietet das Stadeum denn aus Ihrer Sicht gegenüber vergleichbaren Kulturhäusern?
Ich kenne kein Haus, das so flexibel und multifunktional genutzt werden kann. Es hat aber auch mit der enormen Breite des Angebots zu tun. Ich weiß durch meine Tätigkeit bei der Konzertdirektion Landgraf, die regelmäßig mit Stücken im Stadeum gastiert, dass die Gastierenden zudem sehr zufrieden mit den technischen Abläufen sind.
Das ist der Status Quo. Wie sieht Ihre Vision für ein Stadeum der Zukunft aus? Oder bleibt alles beim Alten?
Mir ist immer wichtig, künstlerische Aspekte mit kulturpolitischen zu verbinden und niemals das Publikum aus dem Blick zu verlieren. Ich möchte nicht nur Kunstförderung betreiben, sondern auch für Kulturvermittlung und Teilhabe sorgen und das Angebot noch vielfältiger aufstellen.
Das ist sehr allgemein formuliert. Was bedeutet das konkret?
Einer der Schwerpunkte ist beispielsweise das junge Theater. Da sind wir schon ganz gut aufgestellt, aber ich sehe weiteres Entwicklungspotenzial. Mit unserem neuen Kinderabo wollen wir ab der Spielzeit 2019/20 einen näheren Zugang zum Theater vermitteln.
Und auf welchem Weg?
Bei diesen Veranstaltungen befinden sich die Kinder mit den Künstlern zusammen auf der Bühne. Es ist ein großer Unterschied, ob ich mich als Zuschauer direkt auf der Bühne befinde und sehe, was der Schauspieler macht, oder ob ich mit Abstand davor sitze. Wir wollen auch mehr auf Vermittlung setzen. Es wird oft über kulturelle Teilhabe gesprochen. Da gibt es aber einen qualitativen Unterschied. Sollen die Menschen Theater nur konsumieren können oder bekommen sie noch einen anderen Zugang? Wenn die Schauspielerin Ruth Meyer, unsere Kinder- und Jugendtheaterreferentin, in die Schulen geht und vorab etwas zu einem Stück erzählt und über die Art und Weise der Inszenierung spricht, verstehen die Schüler hinterher im besten Fall mehr. Dann haben wir eine andere Qualität von Teilhabe erreicht.
Haben Sie auch Ideen dafür, wie Sie ein junges Publikum direkt ansprechen können? Also ohne den Umweg über die Schulen?
Dafür müssen wir noch einmal in anderen Formaten denken, als wir es aktuell tun. Wir recherchieren gerade zu Poetry Slams und Podcast-Formaten in Verbindung mit dem Theater. 2020 holen wir den Sänger Pietro Lombardi nach Stade, das gehört sicher auch dazu.
Pietro Lombardi würde Ihr Kollege Jörg Gade vom Theater für Niedersachsen in Hildesheim wohl nicht buchen. „Kunst für ein kunstinteressiertes Publikum zu produzieren“ – das sei sein zentraler Auftrag, für den er auch eingestellt wurde, sagte er bei der INTHEGA-Tagung in Stade. Das klingt wie der Gegenentwurf zu Ihrer Herangehensweise. Was steht in ihrem Arbeitsvertrag?
Diese Aussage fand ich wahnsinnig interessant. Aus der sogenannten Nicht-Besucherforschung wissen wir, dass 50 Prozent der Menschen nie ins Theater gehen. Wenn ich dann sage, vor allem Kunst für ein kunstinteressiertes Publikum zu machen, gestalte ich mein Angebot ausschließlich für die Menschen, die sehr oft ins Theater gehen. Das sind laut Untersuchungen rund 10 Prozent der Menschen. Den Rest machen die Gelegenheitsbesucher aus. Mit einem solchen Ansatz verenge ich den Blick ziemlich stark. Das funktioniert vielleicht in der Großstadt, wo jeder Kulturanbieter seine Nische bedienen kann. Aber unser Anspruch in Stade muss selbstverständlich sein, deutlich breiter zu denken und möglichst allen ein Angebot zu machen. Da sind wir wieder bei dem Stichwort Teilhabe. Teilhabe ist ein Menschenrecht in der Demokratie und deswegen halte ich es für dringend notwendig, allen Menschen einen Zugang zur Theater und Kultur zu verschaffen. Einen konkreten Auftrag habe ich dafür aber nicht bekommen.
Teilhabe ist auch ein großes Thema in dem Buch „Theater in der Provinz“, das Sie als Herausgeberin und Autorin mitgestaltet haben. Was ist das Anliegen des Sammelbandes?
{picture1s} Uns ging es darum, das Theater jenseits der Metropolen aufzugreifen.Aber vielleicht sprechen wir erst einmal über den Titel. Der Begriff „Provinz“ ist immer noch ein heikler Begriff, der emotionalisiert und polarisiert. Viele verbinden damit Rückständigkeit. Dabei sind Provinzen ihrer antiken Bedeutung nach schlicht Bereiche, die außerhalb eines Landes, aber innerhalb eines Herrschaftsterritoriums liegen. Die Niederländer nennen sogar ihre normalen Landesteile Provinzen. Was ich damit sagen will: Der Begriff „Provinz“ sagt über das Gebiet und eine Qualität eigentlich gar nichts aus. Weil wir wussten, dass der Titel polarisiert, haben wir uns letztendlich dafür entschieden.
Und was erfährt der Leser?
Die deutsche Theaterlandschaft steckt aktuell in den Institutionen fest. Fördergelder fließen dorthin, wo die Häuser sind, und weniger dort, wo die Bevölkerung lebt. 90 Prozent der Kulturförderung geht in die Großstädte, dort leben aber nur ein Drittel der Menschen. Das muss sich ändern. Unser Ziel war es, die Akteure der Theaterlandschaft zusammenzubringen und den Austausch zu fördern. Also den Deutschen Bühnenverein, die Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (INTHEGA), die Amateurtheater, den Bund der Theatergemeinden und die freien Theater an einen Tisch zu bringen. Mit einer Tagung in Memmingen im vergangenen Jahr, die dem Buch vorausging, haben wir das erstmals geschafft. Außerdem wollen wir den Blick weiten und das Theater im ländlichen Raum überhaupt einmal in die Diskussion miteinbeziehen.
In ihrem Beitrag „Traditionen auf dem Prüfstand“ brechen Sie eine Lanze für Eigenproduktionen auch von Häusern außerhalb der Metropolen. Wann kommt das erste Stück „made by Stadeum“?
Zumindest eine kleine Produktion – ein Zweipersonen-Stück – wollen wir im nächsten Jahr angehen. Mehr kann und möchte ich dazu aber noch nicht sagen. Für Kulturanbieter ist es wichtig, Identifikation zu stiften. Das geht über den Spielplan, ein wiedererkennbares Profil, von dem der Außenstehende sagen kann: Das ist das Stadeum. Und das geht auch über Eigenproduktionen. Also ein Theater in der Provinz, statt für die Provinz. Nur dann ist es möglich, Geschichten vor Ort zu entdecken und die Region und vielleicht sogar Bürger in eigene Inszenierungen einzubeziehen. Dazu haben nur sehr wenige Gastspieltheater in Deutschland die Möglichkeit, mir fallen nur drei oder vier ein. Der Förderkreis im Stadeum hat auf unsere Idee schon positiv reagiert.
Für einzelne Projekte hat das Stadeum in der Vergangenheit mit dem Kulturbüro der Stadt Buxtehude kooperiert, zum Beispiel bei dem Bewegtbildtheater „Antigone. Stimmen“ auf der Halepaghen-Bühne. Werden Sie diese Zusammenarbeit fortsetzen?
Ja. Es macht Sinn, besonders große oder kostspielige und damit risikobehaftete Veranstaltungen gemeinsam zu organisieren. Wir haben uns schon darauf verständigt, das fortzusetzen.
Theater kann auch außerhalb der klassischen Bühnensituation stattfinden. Das Theater „Das letzte Kleinod“ aus Geestenseth macht es vor und reist mit dem Zug durch Deutschland und Europa und gibt Aufführungen an ungewöhnlichen Orten, ganz ohne feste Spielstätte. Das Ensemble war auch schon mehrfach im Stader Bahnhof zu sehen. Ist das ein möglicher Weg für das Stadeum?
Das Konzept ist sehr spannend. Unser Holk Kulturfest geht in diese Richtung, dort wird auch draußen gespielt. Zum Beispiel in der Festung Grauerort in Bützfleth und im Innenhof des Johannisklosters in der Stader Altstadt. Ich kann mir gut vorstellen, in diesem Rahmen noch stärker den öffentlichen Raum zu bespielen und noch mehr mögliche Spielorte zu entdecken. Ich habe dafür schon verschiedene Ideen und muss jetzt schauen, was wir davon wirklich realisieren können.
„Theater in der Provinz. Künstlerische Vielfalt und kulturelle Teilhabe als Programm“, herausgegeben von Wolfgang Schneider, Katharina M. Schröck und Silvia Stolz. Verlag Theater der Zeit 2019, Paperback mit 252 Seiten, ISBN 978-3-95749-195-4. Preis: 18 Euro.
STADE. Im Stadeum können Kinder ab vier Jahren und ihre Begleiter ab der Spielzeit 2019/2020 das Geschehen bei vier Theaterstücken aus nächster Nähe verfolgen. Bei den Veranstaltungen des „Kinder Abos“ befinden sich die Zuschauer gemeinsam mit den Künstlern auf der Bühne. Das Stadeum verspricht ein noch intensiveres Theatererlebnis, dreimal auf der kleinen Studiobühne und einmal im großen Saal. Die Reihe startet Sonntag, 15. September, ab 15 Uhr mit dem Figurentheater „Wo die wilden Kerle wohnen“. Es folgt „Nils Holgersson und die Wildgänse“ als Handschattentheater am Sonntag, 16. Februar 2020, ab 15 Uhr. Außerdem dabei: Die Aufführung „Zinnober in der grauen Stadt“ am Sonntag, 19. April 2020, ab 15 Uhr. Den Abschluss bildet das Singspiel „Ferdi und die Feuerwehr“ am Sonntag, 10. Mai 2020, um 15 Uhr. (hus)
Das Abo kostet 34 Euro. Infos: 0 41 41/ 40 91 20.