Die erste deutsche Frau Kapitän
Selfie mit Kapitänin: Ein Zehnjähriger bittet um ein Foto.
Um 2.30 Uhr war für Nicole Langosch die Nacht zu Ende, kurz danach stand sie auf der Brücke der „AIDAsol“. Auf Höhe Brunsbüttel übernahm sie selbst das Ruder und steuerte das riesige Kreuzfahrtschiff in die aufgehende Sonne und den Hamburger Hafen.
Von Manfred Ertel
Als nach der „langen Revierfahrt“, wie die sechs Stunden lange Passage von Cuxhaven die Elbe rauf nach Hamburg unter Seeleuten genannt wird, am Sonnabend endlich die Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm-Höft in Schulau und danach Blankenese und Altona aus dem Morgendunst auftauchten, war die Freude groß. „Toll, Hamburg ist ein Traum“, sagt sie, und ihre ganze Begeisterung schwingt in diesen knappen Worten mit.
Nicole Langosch (34) ist seit 4. März die erste deutsche „Frau Kapitän“, die ein Kreuzfahrtschiff führt – und zugleich eine von zweien in Europa. Sie lässt sich nicht mehr so leicht begeistern. Sie ist als Nautikerin auf einem Containerschiff gefahren, durch den Panama-Kanal und die halbe Welt geschippert, hat Praktika bei der EU in Brüssel und einem Logistikkonzern in Auckland absolviert.
Seit gut sechs Wochen kommandiert die Hamburgerin die 253 Meter lange „AIDAsol“, die Platz für knapp 2700 Kreuzfahrer bietet. Und ihr Heimathafen hatte es ihr da natürlich besonders angetan. „Beim ersten Mal wollte ich schon selbst einlaufen“, sagt sie und meint damit natürlich das erste Mal als Kapitän. Auch das Auslaufen wollte sie sich nicht nehmen lassen: „Da bin ich wieder auf der Brücke.“
Es ist eine ungewöhnliche Karriere für eine junge Frau, die in Osterode im Westharz geboren und im hessischen Herborn groß geworden ist. Ihre Liebe zur Seefahrt entwickelte Nicole Langosch beim Segeln, nach dem Abitur wurde aus Spaß bald Ernst. Sie studierte Nautik für das Kapitänspatent in Leer, später auch noch Schiffslogistik und begann das Studium gleich mit einem Praktikum auf einem Containerschiff. Schnell war ihr klar, dass sie sobald als möglich auf einem Kreuzfahrtschiff anheuern wollte. „Vor allem das soziale Leben ist dort attraktiver“, stellte sie früh fest, „du bist nicht die einzige Frau unter gerade mal 20 Crewmitgliedern“, sondern eine von vielen unter 620 wie zum Beispiel auf der „AIDAsol“.
Es war nicht ihr ausgemachter Karriereplan, bereits mit 34 Jahren unbedingt Kapitän zu sein: „Ich bin nicht so top-ehrgeizig“, sagt sie. Aber dann sah sie die jungen Männer, von denen einige schon mit 30 oder 31 Jahren ein Schiff kommandierten und dachte: „Das kann ich auch.“
Inzwischen wird der Wahl-Hamburgerin ihre besondere Rolle „natürlich immer bewusster: Ich weiß, dass wir jetzt wirklich Geschichte schreiben“, sagt sie. Darauf ist sie auch ein bisschen stolz. Doch damit will sich die Nautikerin, die fließend Englisch, Spanisch und Französisch sowie immer besser Italienisch spricht, nicht zufriedengeben. Sie möchte ihre Erfahrung weitertragen und andere junge Frauen motivieren, diesen Weg bis zum Ende zu gehen. Nicht nur, weil ein stellvertretender Käpt’n auf der „AIDAsol“ ebenfalls eine Frau ist – eine weibliche Doppelspitze sozusagen. Nicole Langosch weiß wie schwer die Entscheidung gerade für Frauen ist. Der Kapitänsberuf sei nach wie vor nicht besonders familienfreundlich, räumt sie ein. Drei Monate an Bord, 24 Stunden täglich in Bereitschaft, danach drei Monate an Land, in die auch Fort- und Weiterbildung fallen – ein normales Privatleben sieht anders aus.
Was sie trotzdem so reizt, ist „dieses internationale Umfeld“, sagt sie. Das könne sie in Hamburg zwar auch haben, aber nicht in dieser Kombination mit technischen und nautischen Herausforderungen: „Ein Schiff im Hafen anzulegen, ist schon ein tolles Gefühl.“
Nicole Langosch jedenfalls und ihren Passagieren gefällt’s, trotz des Hypes um ihre Person. Vorurteile über die Frau am Ruder bekommt sie weder in der Crew noch bei den Passagieren zu spüren. „Die Leute waren in den Köpfen sehr offen“, sagt sie rückblickend, viele hätten sich sogar gefreut und sie direkt angesprochen: „Endlich mal eine Frau.“ Sprüche bekommt sie keine zu hören, nicht einmal von altgedienten Lotsen auf der Elbe. Kürzlich hat ein Lotse vor den Kanaren mal kurz gestutzt, als sie ihn an Bord begrüßte, das war’s dann aber auch schon. Nicole Langosch muss schmunzeln bei der Erinnerung daran.
Immer wieder wird sie von Passagieren bestürmt und erst recht von Kindern, die mit ihr Selfies machen wollen. Das macht sie meistens gern. „Ich bin sehr nett“, sagt sie über sich, „ich kann aber auch sehr bestimmt sein“, fügt sie schnell hinzu, als wenn sonst doch noch Zweifel an weiblichen Schiffführungsqualitäten aufkommen könnten. „Ich führe nicht anders als Männer, aber sehr kollegial“, sagt sie, „und ich habe sehr klare Vorstellungen.“
Von ihren männlichen Kollegen habe sie sich das Gute abgeguckt, das Schlechte mache sie einfach anders. „Ein guter Kapitän hat klare Zielvorstellungen, ist aber immer offen und ansprechbar für seine Mannschaft. Denn hinter einem guten Kapitän steht immer ein Team“, das ist ihr wichtig.
Ein Zehnjähriger unterbricht sie auf dem Sonnendeck und bittet noch schnell um ein gemeinsames Foto vor dem Abschied. Nicole Langosch lacht und willigt ein. Wieder mal. Noch hält sie den Rummel um ihre Person ganz gut aus. Vor allem an Bord. „Im Moment lebe ich hier ja auf meiner kleinen Insel“, sagt sie. Das wird sich womöglich ändern, wenn sie demnächst mal wieder an Land ist, in ihrer Wohnung in Hamburg. Da lebt sie allein. Trotzdem freut sie sich darauf. „Das ist meine Heimat.“