Die ersten Jungstörche in Neu Wulmstorf seit Jahrzehnten
Bereit zum Abflug: Am Freitag sind die beiden Jungstörche im Nest von Landwirt Gerd Meyer in den Wulmstorfer Wiesen zum ersten Mal ausgeflogen. Die beiden sind gerade die Attraktion für die Bewohner im benachbarten Wohngebiet Apfelgarten. Fotos: Michaelis
Über den regen Zuwachs an Jungvögeln freuen sich in diesen Tagen nicht nur die Storchenliebhaber im Landkreis Stade: Auch in Neu Wulmstorf beobachten Bürger und Landwirte derzeit erfreut die vielen Jungstörche, die zum Teil noch auf ihren Nestern hocken.
In den Wulmstorfer Wiesen ist erstmals seit Jahrzehnten Storchennachwuchs angekommen. Und in Rübke herrscht Storchen-Hochbetrieb.
Rübkes Ortsvorsteher Uwe Klindtworth huscht ein glückliches Lächeln übers Gesicht, wenn er zu dem Neuankömmling emporblickt, der in zehn Metern Höhe in seinem mit viel Liebe gebauten Nest hockt und ins Rübker Moor blickt: „Wir haben hier unsere eigenen Störche, nicht nur die Buxtehuder, und wir tun auch etwas dafür“, sagt Klindtworth mit ein wenig Stolz in der Stimme in Anspielung auf den TAGEBLATT-Bericht über den Rekord beim Storchenzuwachs im Landkreis Stade.
Der Jungstorch im Nest auf dem Hof von Uwe Klindtworth in Rübke wartet auf Futter ...
In Rübke brütet bereits seit vielen Jahren jedes Jahr ein Storchenpaar auf dem ortsbekannten Nest im Rübker Bruch. Dort hat es auch diesmal wieder Nachwuchs gegeben, allerdings hat nur einer der beiden Jungvögel überlebt. Der zweite lag eines Morgens tot am Boden unter dem Mast, wohl von den Eltern aus dem Nest geworfen, berichtet Tom Sauerland. Sauerland ist Storchenbetreuer im Landkreis Harburg und beobachtet in diesen Tagen mit seinen Kollegen genau das Ausfliegen der Jungstörche im Kreis.
Bisher Nest nur zum Übernachten genutzt
Bei Uwe Klindtworth jedoch ist jetzt erstmals Storchennachwuchs angekommen: Vor 14 Jahren hat er den Mast mit dem Weidekranz auf seinem Hof aufgebaut, doch gebrütet hat dort bisher noch nie ein Paar, erzählt er. Zwar gab es immer wieder Versuche von Paaren, sich dort niederzulassen, aber bevor sie ihr Nest bauen konnten, wurden sie stets von den Störchen aus dem wenige Hundert Meter entfernten Rübker Bruch weggejagt, erzählt Klindtworth. Die nutzten dann später immer auch sein Nest zum Übernachten, wenn ihre Jungen größer wurden und es im Rübker Bruch zu eng für alle wurde, vermutet Klindtworth. Diesmal aber hat sich ein Storchenpaar nicht wegjagen lassen, und Anfang Mai ist der erste Jungstorch bei ihm geschlüpft. „Das ist das erste Mal nach 14 Jahren, dass hier einer groß wird“, stellt er fest.
... kurz darauf kommt der Elternstorch angeflogen und es gibt Abendessen.
Damit das gelingt, hat er keine Mühen gescheut und das Nest nach Anleitung des Storchenbetreuers im vergangenen Jahr noch einmal verbessert. Mit dem Hubsteiger ist er hochgefahren, hat zusätzliche Stöcke in den Rahmen geflochten und die strohgefüllte Mulde mit kleinen Stöcken festgesteckt. „Die haben sie dann auch gleich mit verbaut“ , berichtet der Ortsvorsteher. Genauso erfreut wie Klindtworth ist der Neu Wulmstorfer Landwirt Gerhard Meyer. Er darf sich rühmen, in diesem Jahr den ersten Storchennachwuchs seit Menschengedenken im Hauptort Neu Wulmstorf bei sich zu beherbergen.
Darauf hat auch er eine ganze Weile warten müssen: Bereits vor neun Jahren hatte er auf einem Baumstamm, der mitten auf einer seiner Weiden in den Wulmstorfer Wiesen steht, eine Nisthilfe für Störche gebaut. Die Pappel, die sein Großvater gepflanzt hatte, war abgestorben, und hatte in etwa zwölf Metern Höhe eine Dreier-Gabel – ideal für ein Storchennest, dachte sich Meyer, sägte den Baum über der Gabel ab und setzte eine Nisthilfe darauf. Viele Jahre lang allerdings ohne Erfolg.
Weiden liegen mitten im ausgewiesenen EU-Vogelschutzgebiet
Im vergangenen Jahr war dann erstmals ein Storchenmännchen gekommen, doch das Weibchen sei ihm wieder abgehauen, erzählt der alteingesessene Neu Wulmstorfer Landwirt, der auf den weiten Weiden im Neu Wulmstorfer Norden seine Charolais-Rinder und Wasserbüffel stehen hat.
In diesem Jahr hat es nun endlich geklappt: Im März kam der männliche Storch, drei Wochen später dann der weibliche, und seit Ende Mai hat außer Rübke auch der Hauptort Neu Wulmstorf zwei Jungstörche zu bieten – die täglich von den Familien und den vielen Kindern im angrenzenden Wohngebiet Apfelgarten begeistert unter Beobachtung genommen werden. „So lange ich denken kann, hat in Neu Wulmstorf noch nie ein Storchenpaar einen Bruterfolg gehabt: Das ist bombig, fast wie ein Sechser im Lotto“, freut sich Meyer. Und ein passenderes Domizil als seine Weiden könnten die jungen Störche eigentlich auch kaum finden, findet Meyer: Schließlich liegen seine Weiden mitten im ausgewiesenen EU-Vogelschutzgebiet „Moore bei Buxtehude“.
Im Landkreis Harburg ist die Zahl der Weißstörche kontinuierlich gestiegen
Ähnlich wie im Nachbarkreis Stade ist auch im Landkreis Harburg die Zahl der Weißstörche in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. 2018 war ein Rekordjahr für die Weißstörche im Kreis Harburg: 40 Paare hatten den Sommer im Landkreis verbracht und 77 Jungvögel großgezogen. Für die Bilanz des Storchenjahrs 2020 sei es aber noch zu früh, sagt Storchenbetreuer Sauerland. Im September werden er und seine Kollegen dann bilanzieren, wie das Jahr 2020 mit den ersten Jungstörchen in Neu Wulmstorf gelaufen ist. Bis dahin können Storchenfreunde auf der Internet-Seite der Storchenbetreuer das Geschehen verfolgen. Dort listen die Betreuer ihre aktuellen Beobachtungen zu allen Nestern auf, und zwei Nester im östlichen Kreisgebiet können live per Webcam beobachtet werden.
Im altbekannten Nest im Rübker Bruch hockt nur noch ein Jungstorch. Der zweite lag eines Morgens tot am Boden.