TDiese Hennen werden sogar ins Bett gebracht
Oliver Holtermann stieg vor drei Jahren in die Eierproduktion mit Freilandhennen ein. Fotos: Ahrens
Die Förderkette der Futteranlage rattert. Körner aus Mais, Raps, Soja, Weizen und Mineralien bahnen sich durch hungrige Schnäbel von 12 000 Legehennen. So viele Hühner und trotzdem Premium-Tierwohl - wie läuft das auf dem Hof Holtermann in Harsefeld?
"Das Geräusch erkennen sie, dann ist hier ordentlich Bewegung drin“, sagt Landwirt Oliver Holtermann (43) aus Harsefeld-Weißenfelde. Hektisch flattern die Hennen am späten Nachmittag durch den Stall, um die größten Körner des Futternachschubs zu erhaschen. Sechs Mal am Tag wiederholt sich dieses Prozedere, das nächste Mal in zwei Stunden. Die Euphorie der Hühner ist trotzdem ungebremst.
Im Stall unten ist die Luft etwas diesig, die Hühner wirbeln Staub auf. Oliver Holtermann blickt seelenruhig aus dem Besucherraum auf seine aufgescheuchte Hühnerherde. 2018 füllte er den Stall mit Freilandauslauf mit den ersten Hühnern. Eigentlich übernahm er 2002 mit dem Familienbetrieb konventionelle Milchviehhaltung. Oliver Holtermann hat sich der Eierproduktion unter dem Siegel des Tierschutzverbandes verschrieben. Zusätzlich betreibt er eine Biogasanlage und bewirtschaftet 200 Hektar Acker- und 70 Hektar Grünfläche.
Besucher jederzeit willkommen
Wer sich von der Haltungsform überzeugen will, kann jeden Tag von 8 bis 18 Uhr ohne Anmeldung auf dem Hof im Horster Weg 1A vorbeischauen, den Freilauf der Hühner beobachten oder vom Besucherraum in den Stall blicken. „Wir wollen transparent für jeden sein und das Vertrauen in die Landwirtschaft stärken“, beschreibt Oliver Holtermann seine Intention.
Die Fütterung funktioniert vollautomatisch. Doch in diesen Tagen ist ein besonders prüfender Blick des Fachmannes gefordert: Die 12 000 Hennen sind erst vor drei Wochen in den Stall gezogen. Weil die Tiere in ihrer neuen Umgebung noch unsicher sind, brauchen sie zu Beginn mehr Aufmerksamkeit. „Wenn sie langsam anfangen, Eier zu legen, machen sie das am liebsten in den Ecken. Wir müssen sie auseinandertreiben, damit sie sich nicht gegenseitig erdrücken“, sagt Holtermann. Die Eier lägen anfangs oft auf dem Boden und nicht in den Nestern. „Wenn wir die Eier nicht vom Boden wegsammeln, liegen an der Stelle am nächsten Tag schon 100 Stück mehr.“
Im Stall legt sich die Aufregung langsam. Viele Hühner spazieren durch die Klappe in den „Wintergarten“, den sogenannten Kaltscharrraum. Der Weg auf die sieben Hektar große Freifläche bleibt ihnen noch versperrt. Erst, wenn die Orte für Futter, Wasser und Nest verinnerlicht sind, dürfen die Hennen unter freiem Himmel scharren. In ein paar Tagen ist es so weit. „Im Moment bringen wir sie abends noch ins Bett“, erzählt Oliver Holtermann.
Heike Köpp und Chris Meybohm bringen die Eier sicher in die Pappe.
Für Beschäftigung ist gesorgt
Die Routine zur Schlafenszeit: Bevor um 21.30 Uhr das Licht im Stall ausgeht, müssen alle Hühner im Stall auf einer Stange sitzen. Erlischt es, irren sie sonst blind und orientierungslos umher. Weil das nicht alle Hennen sofort verstehen, muss Oliver Holtermann einige abends zu ihrer Sicherheit eigenhändig hochheben. Haben sich die Hennen eingelebt und der Freilandauslauf ist eröffnet, stellt die große Fläche aber kein Problem mehr dar. Sobald es im Freien dunkel wird, laufen die Hennen in den beleuchteten Stall und bringen sich selbst in Position.
Oliver Holtermann stapft durch den Wintergarten. Die Hennen schwanken in ihrem Lauftempo zwischen Misstrauen, Neugier und Panik. Sein Blick streift geübt über das Meer an Federn. Er erkenne schnell, ob es ihnen gut geht: „Diese hier waren von Anfang an friedlich untereinander.“ Die große Herde ist in Gruppen von jeweils 3000 Tieren unterteilt. Wenn sich der Landwirt ein Huhn packt, spürt er zwischen zwei Fingern den Magen. Der fühlt sich an wie ein gefülltes Kirschkernkissen – und das sei gut so, sagt der Landwirt: „Wir haben überall Pickschalen mit kleinen Steinen, die die Hennen fressen, um das Körnerfutter im Magen zu zermahlen.“
Beschäftigung bieten Staubbäder, Picksteine und Luzerne-Ballen. All das sind Kriterien des „Tierschutzlabels Premiumstufe“, unter dem Holtermann seine Eier als Marke „Premium-Ei“ verkauft. Die Gütestufe des Deutschen Tierschutzverbandes geht über die gesetzlichen Anforderungen für Freilandhaltung heraus. Bio darf der Landwirt trotzdem noch nicht auf seine Eierpappen schreiben. Das soll sich in Zukunft ändern.
Bio-Eier-Produktion ist geplant
„Der einzige Unterschied ist bisher, dass wir zwar gentechnikfreies Futter verwenden, das aber nicht biologisch angebaut wurde“, erklärt Holtermann. Er plant, auf dem Gelände in Harsefeld-Weißenfelde einen weiteren Stall zu bauen und dort Bio-Eier zu produzieren. „Und dann können wir vergleichen, was bei den Verbrauchern besser geht.“
Seine Premium-Eier sind bei Rewe, Edeka und Famila in der Region, aber auch bis nach Hamburg und im eigenen Hofladen im Sortiment. Der Hof bestückt die Regale selbst.
Dafür muss das Ei aus dem Huhn in die Pappe. Aus den abgeschrägten Nestern kullern die Eier auf ein Fließband. Es fällt auf: Alle sind braun. „Ich verbinde braune Eier viel mehr mit Freilandhaltung als weiße“, so Holtermann. Doch weiße Hühner würden immer beliebter. Sie brauchen weniger Futter und legen mehr Eier. Ein wichtiger Punkt, sagt Holtermann: „Die Futterkosten sind im letzten Jahr explodiert.“ Das mache sich am Eierpreis bemerkbar.
Das Fließband führt in den Nebenraum in eine Stempelmaschine. „Wir drucken das Haltbarkeitsdatum für mehr Transparenz direkt auf das Ei“, erklärt Oliver Holtermann. Ab jetzt sind sie mindestens 28 Tage haltbar. Heike Köpp und Chris Meybohm stehen bereit, um die Eier in ihre Pappen zu legen. Eine Maschine sortiert die Größen nach Gewicht von XL bis S. Die befüllten Pappen werden schon morgen in den Supermarktregalen liegen.
Eine Maschine sortiert die Größen nach Gewicht von XL bis S.
Brüderhähne werden mitbezahlt
Die Pappen, kistenweise gestapelt bis unters Dach, zieren neuerdings ein kleines Küken. Das soll zeigen: Die Holtermanns setzen sich jetzt aktiv gegen das Töten männlicher Küken ein. Wenn Holtermann 12 000 Legehennen im Alter von 17 bis 20 Wochen kauft, bezahlt er ebenso viele Brüderhähne im gleichen Alter mit. Das verhindert, dass sie schon kurz nach dem Schlüpfen ohne weiteren Nutzen getötet werden. Rechtlich ist dieses Prozedere erst ab nächstem Jahr verboten.
Die Brüder der Holtermann’schen Legehennen werden wie sie zunächst aufgezogen. Statt in den Freilandstall gehen sie danach aber in den Schlachthof und werden vorrangig zu Tierfutter verarbeitet. Hier will Oliver Holtermann nachbessern: „Ich bin mit Unternehmen im Gespräch, die daran arbeiten, das sehr spezielle Fleisch der Hähne trotzdem zu Lebensmitteln weiterzuverarbeiten.“
Um kurz vor 18 Uhr steht das Eierband bei Holtermanns noch nicht still. Der Chef überprüft gerade den Computer. In einer halben Stunde steht die nächste Fütterung an. Jeden Tag herrscht derselbe, durchtaktete Ablauf. Alle 14 Monate gibt es aber eine Ausnahme – dann ziehen wieder 12 000 neue Legehennen ein. Die Eingewöhnungszeit beginnt wieder. Und weil die Hennen in dieser Zeit noch keine Eier legen, fehlen etwa zwei Wochen lang die gelben „Premium-Ei“-Schachteln in den Regalen der Supermärkte.
24 Stunden
Für die Serie „24 Stunden: Reportagen rund um die Uhr“ verbringen TAGEBLATT-Redakteure je eine Stunde an einem Ort in der Region. Start und Ende der Serie ist um 0 Uhr, was 24 Stunden und damit 24 Serienteile ergibt. Und das sind die geplanten Folgen in diesem Sommer:
Teil 1: Andruck beim TAGEBLATT
Teil 2: In der Rettungsleitstelle
Teil 4: In der Intensivstation
Teil 7: Krafttraining beim BSV
Teil 8: Packen des Verkaufswagens
Teil 9: Der Spül- und Saugwagen
Teil 10: Rattenfänger bei der Arbeit
Teil 11: 1000 Essen in der Küche
Teil 15: Bei der Wasserschutzpolizei
Teil 18: Auf der Eier-Farm
Teil 19: Beim Strandwächter
Teil 20: Ausbildung zum Jagdhund
Teil 21: Am Lühe-Anleger
Teil 22: Katzen fangen
Teil 23: Kneipen-Kehraus
Teil 24: Der letzte Zug