Diese Karte zeigt Angst-Orte in Hamburg
Tunnel sind typische Angst-Räume. Foto: imago/McPHOTO
Hunderte rote Punkte bedecken die Hamburger Stadtkarte. Hinter fast jeder der Markierungen verbirgt sich zumindest eine unangenehme Situation oder gar eine Straftat.
Von Julian Willuhn
Hastige Schritte durch einen düsteren Park. Ein unerwünschter Anmachspruch. Ein körperlicher Angriff. All diese Vorfälle sammelt die Organisation Plan International Deutschland gerade im Internet. Auf einer interaktiven Karte können Frauen und Mädchen Orte in Hamburg markieren, an denen sie belästigt wurden, angegriffen wurden oder sich einfach nur unwohl fühlten.
„Wir wollen ein Bewusstsein für das Problem schaffen – viele deutsche Großstädte gelten als sicher. Für Mädchen und Frauen sind sie es aber oft nicht“, sagt Anne Rütten, die das Projekt für Plan International koordiniert. Noch bis zum 13. März kann die Karte genutzt werden. Anschließend will das Team die Daten auswerten und die Ergebnisse der Stadt Hamburg zur Verfügung stellen. „Wer genau unser Ansprechpartner sein wird, hängt von den Problemen ab, die wir identifizieren“, sagt Rütten.
Projekt läuft auch in anderen Städten
Wirft man zurzeit einen Blick auf die Karte, fallen viele schlecht beleuchtete Unterführungen oder Wege durch Parks auf, die für Unbehagen sorgen. An Orten wie Bahnstationen oder unter Brücken werden auch Belästigungen durch Betrunkene oder Drogennutzer beklagt. Rütten: „Städte sollten bei ihrer Planung eigentlich von vornherein mehr Rücksicht auf das Sicherheitsgefühl von Frauen und Mädchen nehmen.“ Um wirklich tiefgreifende Veränderungen zu erreichen, sei aber die ganze Gesellschaft gefordert.
Das Projekt läuft derzeit außer in Hamburg auch in Berlin, München und Köln. Aus Städten wie Lima (Peru) oder Kampala (Uganda) liegen Ergebnisse vor, genau wie für Sydney und Madrid. Die vielleicht überraschende Erkenntnis: Die vermeintlich sichereren Städte der „westlichen“ Welt schneiden kaum besser ab. Rütten: „Natürlich sind die Erfahrungen subjektiv – aber die Unterschiede sind anscheinend nicht besonders groß.“
Unangenehme Erfahrungen werden rot auf der Karte markiert, sichere und gut ausgeleuchtete Bereiche grün. Foto: Screenshot. Zum Vergößern auf die Karte klicken.
Manches Verhalten ist nicht harmlos
Stadtplaner können jeden Winkel Hamburgs ausleuchten. Der Innensenator kann Polizisten an jeder Ecke postieren und Kameras in jede U-Bahn-Station hängen. Vielleicht hilft das ja ein bisschen. Vielleicht auch nicht. Die wirkliche Revolution muss aber in unseren Köpfen passieren. Jeder muss verstehen, dass Frauen und Mädchen durch Straßen und durch Parks laufen dürfen. Bei Tag und bei Nacht. Im Bikini und in einer Burka. Laut und leise. Betrunken und nüchtern. Und dass nichts, aber auch gar nichts, ein Grund für Pfiffe, anzügliche Sprüche oder unerwünschte Berührungen ist. Ja, natürlich: Auch Männer haben ein Recht, nicht belästigt zu werden.
Aber es sind viel mehr Frauen von sexueller Belästigung und Übergriffen betroffen, und die überwältigende Zahl der Täter ist männlich. Und deswegen liegt es vor allem an mir und meinen Geschlechtsgenossen. Wir müssen aufhören, Frauen die Schuld an Übergriffen zu geben. Wir müssen begreifen, dass manche Verhaltensweisen eben nicht harmlos oder normal sind. Wir müssen auf uns selbst schauen und erkennen, wann wir Grenzen überschreiten oder Angst auslösen – auch wenn es überhaupt nicht unsere Absicht war. Und wir alle müssen – natürlich – Zivilcourage zeigen, wenn es nötig ist.
Das erfordert Mut. Es ist oft unbequem. Aber es wird uns weiter bringen als alle Straßenlaternen, alle Polizeistreifen und alle Überwachungssysteme dieser Welt.
Unangenehme Erfahrungen werden rot auf der Karte markiert, sichere und gut ausgeleuchtete Bereiche grün. Foto: Screenshot