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Diese Kunstwerke gehen voll unter die Haut

Sally Martens an ihrem Arbeitsplatz im Buxtehuder Tattoo-Studio „Black Eyes Tattoo“. Foto Felsch

Sally Martens an ihrem Arbeitsplatz im Buxtehuder Tattoo-Studio „Black Eyes Tattoo“. Foto Felsch

Das Klischee vom wilden Rocker, der mit seiner Maschine mal eben vorfährt, um sich ein Tattoo stechen zu lassen, stimmt nicht – zumindest nicht mehr. „Banker, Rechtsanwälte oder die Hausfrau von nebenan kommen zu uns“, sagt Artist Sally Martens.

Von Franziska Felsch Mittwoch, 21.03.2018, 08:00 Uhr

Hinter dicken Milchglasscheiben, in dem renovierten Laden in der Hauptstraße mit viel Gold und Schwarz sowie auffallend vielen Totenschädeln lässt sich gerade eine junge Frau behandeln. Ab und an ist ein leises „Au“ zu hören, kurz darauf ein Aufatmen. Nach dem Motto: Schön, wenn der Schmerz nachlässt. Oder wie Sally Martens aus dem „Black Eyes Tattoo“-Studio in Buxtehude schmunzelnd hinzufügt: „Wer schön sein will, muss leiden.“ Aber jetzt wieder ernst: „So schlimm wie es sich die meisten Leute vorstellen, ist es gar nicht.“

Tattoo-Artist Sally muss es wissen, ihr Körper ist zu rund 70 Prozent tätowiert. Das, was zu sehen ist, Arme, Finger, Gesicht und Hals, machen einen ästhetischen Eindruck. Eindeutig vom Fachmann. „Eins habe ich überarbeiten lassen“, sagt die 31-Jährige und zeigt ihren rechten Arm. Entweder weglasern oder neu machen, das sei möglich, wenn jemand mit seinen Tattoos nicht mehr zufrieden ist oder sie stümperhaft gemacht wurden.

Das Schrecklichste, was sie gesehen habe, sei eine völlig verhunzte Feder mit einem unleserlichen Schriftzug auf dem Dekolleté. Der jungen Frau kann geholfen werden. Das „Übermalen“ gehört zu den Künsten, die richtige Tattoo-Artists beherrschen. Bei den „Kollegen“, die das privat machen, sei Vorsicht geboten, sagt Sally, die erst als Piercerin angefangen hat und dann von Chef Lutz angelernt wurde. Eine Ausbildung gibt es nämlich noch nicht. Leider, bedauert Sally, und rät daher: „Schauen Sie sich das Studio an, ob es dort hygienisch ist, und die gegenseitige Sympathie ist ebenso wichtig, denn meistens reicht eine Sitzung nicht, gerade großflächige Tattoos brauchen Zeit.“

Aber wie ist es denn nun mit der Kunst, die unter die Haut geht, wie schmerzhaft ist das tatsächlich? „Na ja, das am Hals tat schon ein bisschen weh, es ist auszuhalten, gerade mit den neuen Maschinen, die superschnell arbeiten“, beruhigt die Expertin. Okay, wenn sie etwas anderes gesagt hätte, würde sie wohl auch weniger zu tun haben. Sie und ihre Kollegen – mit Chef Lutz sind es vier. Jeder hat sein Spezialgebiet. Das reicht von „Watercolour“ über knallbunt, female, realistic bis hin zu Mandala-Motiven. Trends gibt es eigentlich nicht. Die Wünsche der Kunden sind so vielfältig wie sie selbst. „Heutzutage kommen alle Schichten und Altersgruppen, es ist in, sich ein Tattoo stechen zu lassen und längst nicht mehr verpönt“, weiß Sally.

Ihre älteste Kundin hat sich mit 87 zum ersten Mal einen Schmetterling auf dem Unterarm gewünscht. Auch BSV-Spielerinnen gehören zu den Kunden. Überhaupt viele Frauen. Und die verlangen nicht nur Schnörkel und Blumen. Dennoch: Rosen und Lilien stehen zurzeit auf der Wunschliste ganz oben. Die Unendlichkeitsschleife, der Totenkopf und der Anker, ein Motiv, das eher den Seeleuten zugeschrieben wird, ist erstaunlicherweise auch beliebt. „Damit wollen die Leute ihre Heimatverbundenheit hervorheben“, sagt Sally.

Also sind es doch die Bodenständigen, Menschen wie du und ich? Just bei der Frage marschiert ein Mann durch die Tür, der dem Klischee, zumindest dem alten, voll entspricht. Tattoos an allen Stellen, die nicht von der schwarzen Lederkluft verdeckt sind. Ein Stammkunde, der freundschaftlichen Begrüßung nach einer, der weiß, was er will und bei dem keine große Beratung mehr benötigt wird, wie sie zum Service gehört: Hilfe bei der Entscheidung, vor allem bei den „Ersttätern“, damit es auch noch nach Jahren gefällt.

Ein Video zur Entstehung eines Tattoos und eine Bildergalerie mit weiteren Tätowierungen der TAGEBLATT-Leser im Internet unter:

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