TDiese Treppe führt in den Keller des Physikus
Beim Stadtbrand von 1659 brannten viele Häsuer ab, aber mindestens 100 mittelalterliche Keller sind in der Stader Altstadt noch erhalten. Einer davon liegt unter der Contor-Buchhandlung – und gehörte über Generationen der Familie des Stadtphysikus.
„So, wollen wir in die Katakomben steigen?“, fragt Sabine Gahde und öffnet eine graue Metalltür in einem Hinterraum der Contor-Buchhandlung in der Hökerstraße 4. Dahinter führt eine Holztreppe hinunter in den Keller. Die Stufen knarren bei jedem Schritt. Ein Riss in der weiß getünchten Mauer macht das rote Backsteinmauerwerk sichtbar und lässt nichts Gutes ahnen. Sorgen macht sich die Buchhändlerin aber nicht: Das Haus gehört der Stadt Stade, die Denkmalpflege hat den Keller unter die Lupe genommen – alles einsturzsicher.
Unten sind auf den ersten Blick vor allem Kartons und Regale zu sehen. Dieser Keller dient schon seit Jahrhunderten als Lagerraum. Auf den zweiten Blick fallen die gewölbten Stützbögen und ungewöhnlich tiefen Nischen der Kellerfenster auf. Von der inneren Wand bis zur blinden Scheibe des kleinen Fensters, die durch Spinnweben zu erkennen ist, dürften es eineinhalb Meter sein. Solche dicken Mauern, erklärt Stadtarchäologe Dr. Andreas Schäfer, sind typisch für die mindestens 100 mittelalterlichen Keller, die es in Stade noch gibt. Nachweislich war die Hökerstraße mindestens seit dem Jahr 1000 besiedelt. Beim Stadtbrand von 1659 brannten viele Häuser bis auf die Grundmauern ab. Die Keller blieben meist erhalten, wie der Ratskeller und der Keller in der Hökerstraße 26 mit ihren schönen Gewölbedecken. Eine Arbeitsgemeinschaft des Athenaeums hat dazu in den 90er Jahren ein Kellerkataster erstellt, das bisher unvollendet geblieben ist.
Keller dürfte Arznei-Lager gewesen sein
Die neuen Häuser wurden auf den alten Grundmauern errichtet – auch das in der Hökerstraße 4. Was Sabine Gahdes Vorgänger damals in ihrem Keller gelagert haben, kann anhand der Liste der ehemaligen Eigentümer gemutmaßt werden. Mit Sicherheit Wein, Bier und Nahrungsmittel, vielleicht aber auch die ein oder andere Arznei: Ende des 17. Jahrhunderts wohnte hier, wie in einem Aufsatz des ehemaligen Stadtarchivars Dr. Jürgen Bohmbach zu lesen ist, der Stader Stadtphysikus.
Dr. Gustav Daniel Linstorp war kein Quacksalber, sondern studierter Mediziner, der 1689 vom Rat bestellt wurde und neben seiner Praxis Aufgaben des Gesundheitsamtes wahrnahm – beispielsweise in Seuchenzeiten. Trotz eines Eigentümerfamilienwechsels blieb das Haus bis 1910 fast durchgehend in ärztlicher Hand. Drei Generationen der Arztfamilie Tiedemann residierten hier, darunter der Wissenschaftler Dr. Johann Friedrich Tiedemann, Stadtphysikus seit 1831, also in Zeiten der Cholera. 1910 verkaufte die Familie an die Stadt Stade, die das Haus zur Sparkasse umbauen ließ. 1928 zog das Arbeitsamt ein, 1931 Feinkosthändler Wolters. 2002 folgte die Contor-Buchhandlung aus der Kleinen Schmiedestraße, wo 1981 das schwere Metallschild hing, das die heutige Buchhändlerin Sabine Gahde unter dem Kellerfenster aufbewahrt – noch ein Stück Stader Geschichte.
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