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Dieser Tante-Emma-Laden ist Frauensache

Drei Generationen, von denen zwei aktiv im Laden arbeiten: Brigitte und Inga Duvenhorst, Emma und Katja Stelling (von links). Selbst in der Küche beim Frühstück ist der Laden immer präsent. Oben links ist das Bild zu sehen, das die Videokamera von nebenan sendet. Fotos: Fehlbus

Drei Generationen, von denen zwei aktiv im Laden arbeiten: Brigitte und Inga Duvenhorst, Emma und Katja Stelling (von links). Selbst in der Küche beim Frühstück ist der Laden immer präsent. Oben links ist das Bild zu sehen, das die Videokamera von nebenan sendet. Fotos: Fehlbus

Tante Emmas Laden – in keinem Fall wäre die Beschreibung passender als bei Duvenhorst in Bargstedt. Seit Emma Duvenhorst 1958 den Laden mit ihrem Mann aufbaute, haben hier Frauen das Sagen. 

Von Miriam Fehlbus Dienstag, 04.07.2017, 16:26 Uhr

Dass fast 60 Jahre später wieder eine Emma aus der Familie durch den Verkaufsraum streift, könnte als positives Signal für die Zukunft gesehen werden. Zumindest arbeitet schon die dritte Generation tatkräftig mit am Fortbestand.

Bis auf ein paar Tage Urlaub im Jahr ist Brigitte Duvenhorst irgendwie immer im Laden erreichbar. Wenn ein Paket auf die Reise geht, der Einkauf für das Mittagessen erledigt werden soll oder die Tischdecke zur Wäscherei gebracht werden muss – die Chefin steht für ihre Kunden bereit. Von der ersten Brötchenanlieferung bis zum Packen des Präsentkorbs. 5 bis 19 Uhr. Zwischendurch in der Mittagspause schmeißt die dreifache Mutter den eigenen Haushalt. Seit 45 Jahren. Heute sind die Kinder schon selbst Eltern. Und Tochter Katja (42) und ihr Mann haben ihre Jüngste Emma genannt. Nicht ganz ohne Hintergedanken an die Mitbegründerin des Ladens, der im Leben von Katja Stelling, geborene Duvenhorst, zwangsläufig eine große Rolle spielte.

Michel (13) hilft schon einmal an der Seite von Papa Ingo Duvenhorst mit. Hier ist er bei den Schreibwaren.

„Als Kinder sind wir morgens manchmal im Schlafanzug in den Laden gelaufen“, erzählt Katja. Die Kinder genossen, dass ihre Mutter immer ansprechbar war. Die Übergänge zwischen Privatwohnung und Laden waren fließend. Lange war die Küche im Erdgeschoss der Ort, an dem die Familie zum Essen zusammenkam. Heute ist der Platz mit dem Video-Bildschirm über dem Tisch zwar ein Treffpunkt für die Kaffeepause, aber die privaten Räume liegen etwas entfernt im Obergeschoss. Der Einstieg zum Ausstieg?

„Meine Schwiegermutter hat zu mir gesagt: ,Pass auf, dass du das nicht zu lange machst. Ich mache das schon 25 Jahre‘“, erinnert sich Brigitte Duvenhorst. Als sie 18 Jahre alt war, stieg die heute 63-Jährige mit in den Laden ein. An ihrer Seite: Ehemann Wilfried Duvenhorst. Der 66-Jährige arbeitete bis zur Rente hauptberuflich bei der Dow – und nach Feierabend im Laden. So ein Familienbetrieb braucht viele Hände, auch die zuverlässiger Mitarbeiter und Teilzeitkräfte. Darauf könne sie sich bis heute verlassen, sagt Brigitte Duvenhorst.

Die ersten Kunden im Laden morgens ab 6 Uhr wollen was zu essen zum Mitnehmen und einen Kaffee. Geschmierte Brötchen gibt es, sie werden immer frisch zubereitet. „Dafür gibt es auch die ein Zentimeter dicke Käsescheibe drauf, wenn das gewünscht ist“, sagt Wilfried Duvenhorst. Ganz Tante Emma Laden: Hier gibt es nichts, das es nicht gibt. Mausefalle, Wäscheleine, Küchenreiniger, Mehl, Eis, Fertiggerichte und frische Schlachter-Ware, Geschenke, Zeitschriften, alles für die Schule. „Früher hielt der Schulbus noch hier unten“, erzählt Brigitte Duvenhorst. Da ging nicht selten morgens die Tür zum Laden auf, und ein Schulkind raste zur Schreibwarenecke. „Schnell, schnell, ich brauche noch ein Heft für die Arbeit.“ Heute kommen die Grundschüler eher nachmittags vorbei, manchmal erledigen den Last-Minute-Einkauf vor der schriftlichen Deutsch- oder Mathematikarbeit Mütter. Die Zeiten ändern sich. Auch in Bargstedt.

Der Bargstedter Dorfladen im Jahr 1964 war fester Bestandteil des Wohnhauses der Familie Duvenhorst. 1982 ist der Anbau da. Der alte Ladenbereich ist Wohnzimmer geworden. Heute ist dies wieder anders.

Als der Tante-Emma-Laden von Emma Duvenhorst seine Türen öffnete, gab es Konkurrenz im Ort. Fünf Läden mit Lebensmitteln und weiteren Angeboten gab es zwischenzeitlich, erinnern sich Wilfried und Brigitte Duvenhorst. Bis 1973 wurde in ihrem Laden alles abgewogen und über den Tresen verkauft. Dann stellte die Familie das Geschäft auf Selbstbedienung (SB) um. „Wir waren der erste SB-Laden im Ort, da hatten wir einige gute Jahre“, erinnert sich Wilfried Duvenhorst.

Heute heißt die neue Idee der großen Supermärkte Erlebniseinkauf. Da kann ein kaum 300 Quadratmeter großer Laden wie der in Bargstedt nicht mithalten. Trotzdem gibt es die Angebote, die Edeka für seine Kunden bereitstellt, zum gleichen Preis. Seit 1972 ist der Nahversorger, inzwischen der einzige im Ort, „Edeka“. Dass in diesen Tagen kein großes „E“ mehr an der Fassade hängt, sondern nur die Farben und Werbeplakate auf die Kette hinweisen, liegt daran, dass der Dorfladen eigentlich zu klein für das neue Edeka-Konzept ist. Aber nicht wenige Stimmen sagen, er sei unverzichtbar für Bargstedt. Auch wenn die meisten ihren Großeinkauf woanders tätigen.

„Wir haben einmal ausgerechnet, dass jeder Kunde durchschnittlich für fünf Euro bei uns einkauft“, sagt Ingo Duvenhorst, der noch ein weiteres Angebot am Laufen hält: Duvenhorst hat auch Partyservice. Alles fürs Fest mit Gästen bis zu 200 Personen lädt der 44-Jährige auf einen Anhänger. Getränke werden im Notfall nachgeliefert. Und es soll auch schon entscheidende Spiele auf dem benachbarten Fußballplatz gegeben haben, bei denen Duvenhorst dafür sorgte, dass die überraschend notwendig gewordene Feier an einem Sonntag nicht zu trocken ausfiel.

Ingos Frau Inga kümmert sich im Laden um die Abteilung mit den Schreibwaren. Schwester Katja hat die Geschenke-Ecke im Blick, und die jüngste Duvenhorst-Tochter Ina macht die Buchhaltung. Selbst die Enkel packen teilweise schon mit an. Alle sind in der Nähe wohnen geblieben. „Ohne Familie geht es nicht“, sagt Brigitte Duvenhorst.

Brigitte Duvenhorst gibt Enkelin Emma mit der Zange ein Gummitier aus dem Süßigkeiten-Regal.

Die kleine Emma darf sich etwas an der Kasse aussuchen. Fürs Foto. Es wird ein Gummi-Tier mit Zuckerschaum für ein paar Cent. Viele Kinder haben in dem Tante-Emma-Laden in Bargstedt gelernt, mit Geld umzugehen und es genossen, zum ersten Mal alleine einkaufen zu gehen. Auf die Frage, wie es mit dem Geschäft in fünf bis zehn Jahren weitergehen soll, gibt es an diesem Tag keine eindeutige Antwort. „Den Laden haben immer die Frauen geschmissen“, sagt Ingo Duvenhorst, der wie sein Vater heute nach Feierabend Kisten stapelt und Partywagen packt. „Wir Männer arbeiten nur im Hintergrund“, sagt Wilfried Duvenhorst. Das mag auch daran liegen, dass der Verdienst woanders höher ist. Der Dorfladen ist so eine Sache mit viel Herzblut.

Im Wahrig-Lexikon steht unter Tante-Emma-Laden, dass es sich um ein kleines Einzelhandelsgeschäft handele, dessen Zahl stark zurückgehe. Tante Emma, das stehe für eine Frau, zu der man als Nachbar noch ein persönliches Verhältnis habe. Dies gilt für beide Seiten. Aber die kleinen Läden brauchen auch Kunden, die kaufen. Und seien es Briefmarken bei der „Post“, die es seit 19 Jahren auch bei Duvenhorst gibt.

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