Doris Kunstmann: Zwischen Tournee und Oma-Pflichten
„Obwohl ich es als Waage grundsätzlich harmonisch mag, würde ich niemals in einer kaputten Beziehung verharren“, sagt Doris Kunstmann. Foto Andrae
„Können wir das Garderobengespräch nicht lieber in zwanzig Minuten im Hotel führen? Ich habe ja noch etwas gut bei Ihnen ...“, bittet Doris Kunstmann lächelnd mit gekonntem Augenaufschlag. Wer könnte da Nein sagen? Außerdem hat sie Recht:
Als sie vergangene Woche während der „Bella Figura“-Generalprobe einen Kellerraum aufsuchen wollte, um in Ruhe mit dem TAGEBLATT zu telefonieren, fiel sie die Treppe hinunter und verletzte sich an beiden Knien – und das am Tag der Premiere. Also? „Kein Problem. Bis gleich in der Hotel-Bar.“
Die Vorstellung ist geschafft. Jetzt ist Entspannung angesagt. Warmer Kerzenschein statt kaltem Garderobenlicht. Doris Kunstmann hat ihr biederes Bühnenkleid gegen eine weich fallende Leopardenprint-Tunika getauscht und bestellt einen samtigen Rotwein. Ein schönes, stimmiges Bild. Trotz ihres Alters (Jahrgang 1944) und der Tatsache, dass sie gerade über zwei Stunden auf der Bühne stand, wirkt die Schauspielerin frisch, geradezu gelöst. Bewundernswert. „Ach, nein“, wehrt sie ab, „ich mache Tourneetheater seit 30 Jahren. Mir macht das Spaß. Wenn man zu Hause sitzt, dann kommen doch nur die Wehwehchen. Da arbeite ich lieber.“
Im Stück „Bella Figura“ geht es um Paare, die außer Verachtung kaum noch etwas füreinander übrig haben und sich trotzdem nicht trennen. Könnte das Doris Kunstmann auch passieren? „Nein“, ist sie sich sicher. Schluss bedeute für sie auch Schluss, mit allen Konsequenzen. Sie sei zwar Sternzeichen Waage und könne sich oft nicht entscheiden, aber wenn es in einer Beziehung nicht mehr stimme, gebe es für sie nur einen Weg: „Dann bin ich weg.“ Als Beispiel führt sie eine Zeit an, als sie mit einem Regisseur liiert war und mit ihm in Rom gelebt hat. Das sei nicht gut gegangen. „Als deutsche Frau mit langen blonden Haaren wurde ich ständig angesprochen. Mein Freund ist vor Eifersucht gestorben. Mit einem Italiener kann man einfach nicht zusammenleben.“ Neigt Kunstmann selbst auch zur Eifersucht? „Nein.“ Da ist sie sich sicher. Und nicht nur das: „Eifersucht ist ein Gefühl, das ich nicht nachvollziehen kann.“
Um den Hals trägt die gebürtige Hamburgerin eine Kette, an der ein goldener Engel baumelt. Ihr Talisman. Überhaupt sind Engel ein großes Thema. „Ich habe überall Engel. Auch in meiner Garderobe sind immer welche.“ Wobei es sich nicht immer um Deko-Objekte handelt. „Manchmal sprechen Engel mit mir; ich sehe sie zwar nicht, aber in Gefahrensituationen sind sie da und reden mit mir.“ Ein Phänomen, das nicht immer auf Verständnis stoße. Was Doris Kunstmann allerdings nicht sonderlich beeindruckt: „Das ist mir so piepegal“, sagt sie und lacht ihr angenehmes Lachen, das leise und tief zugleich klingt und irgendwie sehr nett. Was sie vermutlich auch ist: „Als Waage mag ich es gern liebevoll und harmonisch.“ Auch das „Bella Figura“-Theaterteam verstehe sich zum Glück bestens. „Das ist auch ganz wichtig“ – zumal die Tournee noch bis Mitte März andauert.
Wenn sie zu Hause ist, verbringt Doris Kunstmann die Wochenenden gern mit ihren beiden Enkelkindern. Ihr Zuhause, das ist in Pöseldorf, wo sie auch einen kleinen Garten hat. „Aber leider keine Tiere.“ Als ihr Sohn Marc klein war, hatten die Kunstmanns immer einen Hund. Doris Kunstmann hätte gern einen neuen Hund. Wegen der Enkel und des Tierwunsches würde die Schauspielerin gern zusammen mit der Familie in einem Doppelhaus auf dem Land wohnen. „Aber es gestaltet sich gar nicht so einfach, etwas Passendes zu finden.“
Mittlerweile ist es kurz vor Mitternacht. Wohin geht die Tourneetheater-Reise denn morgen? „Weiß ich gar nicht“, stellt Doris Kunstmann fest, fragt nach und erfährt: nach Recklinghausen. Tourneetheater zu spielen bedeute nun mal, kreuz und quer durchs Land zu fahren. Aber das sei erst morgen früh dran. Und für heute ist jetzt Schluss – denn das Weinglas ist immer noch fast voll, und die Kollegen und Freunde am Nebentisch warten schon.
BUXTEHUDE. Im Drama „Bella Figura“, das in der ausverkauften Halepaghen-Aula zu sehen war, geht es – wie in den meisten Stücken von Yasmina Reza – um schwierige zwischenmenschliche Beziehungen, die unter Druck immer mehr zu bröckeln beginnen. Für eine solche darstellerische Tour de Force braucht es eine verlässliche, engagiert aufspielende Truppe, und die gibt es hier: Heio von Stetten gibt seinen betrügerischen, von der Pleite bedrohten Boris als zynisch-desillusionierten Mittelschichtstypen. Doris Kunstmann ist die leicht naive, durch Schmerz- und Beruhigungsmittel dauersedierte Yvonne, die nicht viel mitkriegt oder zumindest so tut, als ob. Boris’ Geliebte Andrea wird verkörpert von Julia Hansen, die ihre Figur – die durch und durch frustrierte, ständig und gleich mehrere Drogenarten auf einmal einwerfende Andrea – so anstrengend, laut, schrill und unangenehm gestaltet, dass manchmal allein das Zusehen nervt. Aber: Genau so soll es ja auch sein, denn hier geht es schließlich um die schmerzhafte Aufdeckung zugedeckter Lebenslügen und um das peinliche Sichtbarwerden von unrettbaren Zerrüttungszuständen. Peinlich – das dürfte ohnehin als Oberbegriff dieses Stückes dienen, das nicht die tiefgründige Bissigkeit ihres berühmten Paarhöllen-Dramas „Der Gott des Gemetzels“ erreicht, aber einen Abend lang kurzweilige Unterhaltung mit einigen komödiantischen und zahlreichen Fremdschäm-Effekten bietet.
Übrigens: Wer für die Vorstellung in Buxtehude keine Karte mehr bekommen hat, kann sich das Stück in zwei Monaten in Stade ansehen. Am 14. März kommt das Ensemble ins Stadeum. Beginn ist um 19.45 Uhr. Karten gibt es an den bekannten Vorverkaufsstellen und unter 0 41 41/ 40 91 40.