Dr. Matthias Schlicht: Gottgläubig und zweifelnd
NDR-Frau Anke Harnack liest ihre Lieblingspassagen aus dem Buch „Christentum“ von Matthias Schlicht (rechts) vor. Foto Felsch
Volles Haus in der Malerschule, als Dr. Matthias Schlicht am Donnerstag sein neuestes Buch „Christentum“ präsentierte. Rund 150 Zuschauer waren gekommen, als Anke Harnack vom NDR dem beliebten und bekannten Pastor der St. Paulus-Kirche auf den Zahn fühlte.
Ein überzeugter Fan äußert sich gleich zu Beginn des Abends: Dieter Klar vom Vorstand des Kulturforums liebt besonders die Geschichte vom Kiez und von Tante Anni, die mit Gott in direkter Verbindung steht: „Das ist alles so rührend geschrieben und gleichzeitig zweifelnd, das gefällt mir.“
Auch Anke Harnack ist angetan von den Geschichten, die einen zum Lachen bringen, aber manchmal auch eine Träne verdrücken lassen und liest mit sichtlichem Vergnügen und in schönstem Hamburger Slang die Story vom „Schlüpferstürmer“. Schlicht erzählt augenzwinkernd die Episode, wie er vor etwa 30 Jahren mit dem horizontalen Gewerbe Bekanntschaft machte. Und vermittelt eine für ihn wichtige Botschaft: Er verbindet mit den Erinnerungen, dass auf St. Pauli Menschen mit ganz viel Herz leben und arbeiten: „Ich habe Puffmütter kennengelernt, denen ich durchaus einen Kindergarten anvertrauen würde, weil sie unheimlich ehrlich und warmherzig sind.“ Er wolle das „Gewerbe“ nicht glorifizieren, aber es sei falsch, mit den Fingern auf diese Leute zu zeigen. Und das ist nicht mal eben so dahergesagt, sondern ernst gemeint.
Wie überhaupt nicht alles lustig sei in dem Buch, stellt die NDR-Moderatorin fest, die Schlicht vor einiger Zeit in einer Talkshow mit Barbara Schöneberger getroffen hat. Sie sei gerne nach Buxtehude gekommen, um die Lesung zu unterstützen. Und sie hat einen Tipp parat: Taschentücher bereitlegen, da der Autor auch bedrückende Erlebnisse schildere. Das sei eben alles genauso passiert, erklärt Schlicht, er habe gerade deswegen diesen Beruf gewählt, weil der Pastorenjob positive und traurige Ereignisse mit sich bringe. Nicht nur Taufen und Hochzeiten, auch Beerdigungen sind sozusagen sein tägliches Brot.
Ob es vielleicht Kollegen gäbe, denen sein Humor vielleicht zu weit gehe, will Harnack wissen. Das mag schon sein, antwortet Schlicht, denn leider kenne er aus der Priesterausbildung Pastoren, die glauben, sie seien etwas Besseres als die „normalen Gemeindemitglieder“. Von so einer Gesinnung ist der 55-Jährige jedoch meilenweit entfernt, wie die Zuschauer, die ihn noch nicht kannten, feststellen dürfen. Matthias Schlicht gibt sich nicht nur in seinen Büchern (das erste „Glaubenspfeffer“ ist bereits ein großer Erfolg) wie ein ganz normaler Mensch, mit Stärken und Schwächen, der die Kirche ehrlich lobt und an Gott glaubt, aber der auch zweifelt und infrage stellt.
Auf herrlich unkonventionelle Art plaudert der Kirchenmann aus dem Nähkästchen, gibt seine Meinung vom viel-zu-frühen Weihnachtsrummel zum Besten, liest vor, wie er in seinem Lieblingsweinlokal den Aschermittwoch einläutete und ist um schlagfertige Antworten nie verlegen. Als Anke Harnack ihn fragt, ob es Zufall oder Absicht sei, dass sein Buch ausgerechnet im Lutherjahr erscheine, meint er nur: „Zufällige Absicht.“ Und erntet erneut Lacher.
Überhaupt amüsiert sich das Publikum prächtig und merkt gar nicht, wie die Zeit vergeht. Nach einer guten Stunde endet die Veranstaltung, die eindrucksvoll untermalt wird von dem genialen Pianisten Frederik Feindt, der mit seiner Musik sogar zum Mitsingen animiert. Aber bevor sich endgültig die Türen der Malerschule schließen, muss der beliebte Pastor noch sein Buch signieren, das die Zuschauer am Verkaufsstand der „Allerleih-Buchhandlung“ erwerben können. Zum Preis von 14,99 Euro. Und davon machen viele gleich mehrfach Gebrauch. Immerhin, daran hat Pastor Schlicht in seinem Buch ja erinnert, ist es nie zu früh, sich um Weihnachtsgeschenke zu kümmern.