TDrosseln und Stare sind sehr trinkfest
Stare haben deutlich mehr den Alkohol abbauende Enzyme im Blut als Menschen.
Der Genuss von Alkohol ist nicht gesund. Er führt bei uns Menschen zu Orientierungslosigkeit, schweren Organschäden oder Demenz. Allerdings scheinen manche Säugetiere Alkohol zu mögen.
Von Wolfgang Kurtze
Bekannt sind Filmaufnahmen von Pavianen oder Elefanten, die nach dem Genuss von vergorenen Früchten nicht sehr orientiert wirkten. Experimente an Laborratten zeigen, dass auch sie ein Suchtverhalten entwickeln können. Ihre Alkohol-Toleranz entspricht etwa der des Menschen.
Seit langem ist bekannt, dass auch wirbellose Tiere sehr an Alkohol interessiert sind. Als Untersuchungsobjekte dienten Nachtfalter. Um die Bestände an Nachtfaltern zu erfassen, gibt es im Wesentlichen drei Methoden: Lichtfang durch Blendung, Luft-Saugfallen und Köderfang. Beim Köderfang werden zum Beispiel Fruchtstücke mit etwas Alkohol versetzt. Das Prinzip funktioniert ausgezeichnet. Die Tiere saugen mit Begeisterung am Köder und bleiben an ihm sitzen. So lässt sich ihre Anzahl gut ermitteln. Untersuchungen an Fruchtfliegen deuten ebenfalls an, dass sie eine hohe Alkoholtoleranz aufweisen. Fruchtfliegen saugen gern an überreifen Früchten, die größere Alkoholmengen aufweisen. Etwa fünf vollreife Birnen haben so viel Alkohol wie ein Glas Bier. Wespen oder Schmetterlingen ist anzusehen, dass sie solch ein Zucker-Alkoholgemisch mögen, denn sie verweilen lange und seelenruhig beim Genuss der Früchte. Bei Vögeln scheint sicher zu sein, dass Körnerfresser wie Meisen nicht trinkfest sind. Anders ist es bei Fruchtfressern wie Staren, Amseln oder Wacholderdrosseln. Sie fressen gern von gegorenen Früchten.
Enzyme bauen Alkohol ab
Stare wurden hinsichtlich ihrer Alkoholtoleranz genauer untersucht. Das Ergebnis: Sie sind extrem trinkfest. Im Vergleich zu uns Menschen haben sie deutlich mehr den Alkohol abbauende Enzyme im Blut. Umgerechnet auf das durchschnittliche Gewicht eines Menschen könnten Stare alle zehn Minuten eine Flasche Wein austrinken. Wenn diese Berechnung stimmt: Unfassbar! Aber in Bezug auf ihre Ernährung ist es eine sinnvolle Anpassung. Denn eine schlechte Orientierung während des Fluges wäre tödlich, und die Stare könnten allzu leicht von Greifvögeln erbeutet werden.
Was kreucht und fleucht denn da in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge.