Zähl Pixel
Archiv

EM 2016: Warum Wolfgang Nitschke nur mit Langeweile kämpfte

Fußball-Experte Wolfgang Nitschke ist schon viel um die Welt gereist: Hier spricht er mit einem chinesischen Soldaten über Fußball.

Fußball-Experte Wolfgang Nitschke ist schon viel um die Welt gereist: Hier spricht er mit einem chinesischen Soldaten über Fußball.

Der Buxtehuder Fußball-Trainer Wolfgang Nitschke hat das Viertelfinalspielzwischen Deutschland und Italien bei Chianti und Antipasti gesehen. Doch was er sah, gefiel ihm nicht. Für das TAGEBLATT analysiert die BSV-Legende den deutschen "Knappsieg".

Von Tim Scholz Montag, 04.07.2016, 15:29 Uhr

Sonnabend, 21 Uhr: Die Nachbarn Jochen und Holger fiebern mit mir vorm Fernseher. Mit Chianti-Wein und Antipasti zollen wir Gegner Italien gebührenden Respekt. Chianti und Antipasti waren gut, das Spiel hingegen hat uns insgesamt weniger gefallen.

Die Pressestimmen nach dem deutschen Knappsieg gegen Italien waren überschwänglich: „Das Trauma Italien ist besiegt“ – „Vergessen wir die Pleiten 1982, 2006 oder 2012 – wir haben 2016!“ – „Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn! Endlich haben wir Italien geschlagen, nach 46 Jahren voller Schmerzen die schwarze Serie geknackt.“
Im Überschwang des Erfolges geraten aber schnell aufgetretene Missstände in den Hintergrund. Denn keine Frage: Es gab Diverses zu bemängeln bei diesem historischen Triumph

Am Ende waren es das Glück und die Nerven, die den Sieger hervorbrachten – und kein taktischer Masterplan, der den Klassiker entschied. Wer behauptet, dass der Erfolg durch die neue Taktik zustande gekommen ist, liegt falsch: Es stand 1:1 nach 120 Minuten und das Elfmeterschießen hätte locker auch einen anderen Ausgang nehmen können.

Italien ist bekannt für eine exzellente Abwehr. Ein logisches Gegenmittel wäre gewesen, die deutsche Offensive besonders stark zu machen. Angeordnet wurde das genaue Gegenteil: Verstärkung der Defensive.

Die deutsche Mannschaft wurde nach der starken spielerischen Leistung gegen die Slowakei erheblich umgebaut. Für mich hätte es allerdings keine Veranlassung gegeben, eine andere Elf aufzustellen. Der Sieg über Italien kam aber nicht wegen der neuen Taktik zustande, sondern trotz der Taktik.

ARD-Experte Mehmet Scholl sah in der taktischen Anpassung an den Gegner eine Schwächung. Ich werte es als falsch, dass wir unsere Ausrichtung an die Italiener anpassten. Denn das Vertrauen auf eine massiertere Abwehr ging eindeutig zulasten des eigenen Angriffsschwungs. Hier hatte das DFB-Team wenig zu bieten: kaum echte Kombinationen, kaum Torgelegenheiten.

Kämpfte Deutschland gegen die Slowakei noch mit Ideenreichtum, kämpften wir gegen Italien über weite Strecken nur noch mit der Langeweile.
Zudem erwies es sich gegen eine biedere Offensive der Italiener als völlig unnötig, sich defensiv neu zu orientieren – diesen italienischen Angriff hätte auch die „alte“ Formation unter Kontrolle gehalten.

Jogi Löw hat einmal mehr auf einen angeblich starken Kontrahenten reagiert und sein zuvor intaktes Team umgebaut. Damit ist er schon des Öfteren gescheitert. Diesmal gab es ein Happy End beim Lotteriespiel „Elfmeterschießen“. Dennoch wurde überdeutlich, dass spielerisch wenig zusammenpasste und es insgesamt ein schwaches Viertelfinale war. Den im Spiel zuvor besten Akteur, Julian Draxler, draußen zu lassen, fällt schon fast unter das Motto: Wer über gewisse Dinge nicht den Verstand verliert, der hat keinen zu verlieren.

Die Entscheidung hatte historische Ausmaße: Noch nie wurden so viele Elfer bei einer Endrunde verschossen beziehungsweise gehalten. Beim Wettbewerb vom ominösen Punkt aus zeigten beide Teams ähnlich schwaches Niveau wie vorher in den 120 Minuten. Bei diesem „Bolzplatz-Bingo“ wurden von 18 Strafstößen sage und schreibe sieben verschossen. Darunter unter anderem der Fehlschuss von Thomas Müller, der bei dieser EM noch nichts getroffen hat und sich nicht unbedingt anbot, zum auserlesenen Kreis der Schützen zu gehören. Wären andere Spieler so glücklos und ineffektiv, wären sie wohl schon längst nicht mehr dabei. Wegen der Verletzten werden wir ihn am Donnerstag gegen Frankreich aber brauchen.

„Hector, der Ritter ohne Furcht und Tadel“ ist ein bekannter italienischer Film aus dem Jahr 1976. Darin ist der kürzlich verstorbene Bud Spencer der große Held, 2016 war Jonas Hector der umjubelte Mann: Er verwandelte nervenstark zum Sieg und bügelte zusammen mit Manuel Neuer die Fehlschüsse von Müller, Özil und Schweinsteiger aus.

Sich am Gegner zu orientieren und dabei die eigenen Stärken einzuschränken, ist genauso unnütz, als wenn man elektrische Heizdecken in die Wüste exportiert.
Jogi, sieh zu, dass wir wieder couragierter zu Werke gehen, wenn wir im Halbfinale auf Frankreich treffen. Egal, wie es ausgeht: Diesmal werden Beaujolais-Wein und Baguette schmecken.

Mehr zur EM im Landkreis und Frankreich finden Sie hier...

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.