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Ein Blick in den Abgrund der Seele

Einen tiefen Blick in die Abgründe menschlicher Seelen verschafft Dennis Kelly mit seinem Stück „Die Opferung von Gorge Mastromas“, das am Mittwochabend im Halepaghen-Theater aufgeführt wurde und schon in der Pause für Gesprächsstoff sorgte.

Von Franziska Felsch Donnerstag, 12.11.2015, 14:38 Uhr

Dank der Emotionalität der Schauspieler, die in Spielszenen und dann wieder aus Erzählersicht dem Publikum bittere Wahrheiten vermittelten, entstand von Anfang an eine beklemmende Atmosphäre. Nicht jeder blieb „bis zum bitteren Ende.“ Vielleicht erinnerte das Thema zu sehr an die Wirklichkeit – was ganz im Sinne des zeitgenössischen Autors ist, der Ende der 1960er ohne „goldene Löffel“ geboren in verschiedenen aufreibenden Jobs sein Glück versuchte, das er schließlich als Theaterschreiber fand. Auch mit diesem Stück, das soziale Sprengkraft enthält, provoziert der mittlerweile erfolgreiche Brite, stellt unbequeme Fragen nach ethischen Wertmaßstäben, überlässt aber die Antworten jedem selbst. Ein Schachzug, mit dem er die Zuschauer wie in einen Sog mitten hinein in die spannungsgeladene Bühnenhandlung zieht.

Mit wenigen Figuren, dafür um so mehr Text in präziser Sprache, die nichts beschönigt und jede Distanz ausschließt, beschreibt Kelly das Dilemma, sich für oder gegen die Moral zu entscheiden. Seine Hauptperson Gorge erliegt der Versuchung in Gestalt einer schönen, knallharten Geschäftsfrau, sich vom Paulus zum Saulus zu wandeln. Und muss dabei feststellen, wie leicht es ist, Menschen wie Marionetten zu (ver)führen, denn die Leute wollen belogen werden. Parallelen zum heutigen Geschehen auf der Welt drängen sich auf, gierige Machtmenschen betrügen um Milliarden und kommen ungeschoren davon. Scheinbar.

In dem Stück mit dem alttestamentarisch anmutenden Titel ist der Aufsteiger, der am Ende alles und doch nichts hat, auch ein Opfer. Einmal die falsche Entscheidung getroffen, wird der „Global Player“ bald zur lebenden Leiche – alle, die noch irgendwelche Gefühle für ihn hegten, wenden sich ab. Kelly, der Meister dramatischer Konstruktionen, verrät nicht, was mit seiner Hauptfigur passiert. Nur so viel: Es gibt Dinge, die lassen sich mit Geld nicht kaufen. Schon gar nicht die Erlösung. Obwohl die Moral von der Geschichte hinlänglich bekannt ist – Unehrlichkeit und Skrupellosigkeit zahlen sich nie aus, sondern schaden der Seele – ist es ein empfehlenswertes Stück, das zum Nachdenken anregen sollte.

Marscha Zimmermann spielt die menschenverachtende Karrierefrau perfekt, nur Julian Mehne ist schwer vorstellbar als eiskalter Emporkömmling, er wirkt zu weich, zu sanft, ist eher ein Softie als ein Hardliner. Um so mehr Glaubhaftigkeit beweist Markus Knüfken, der seinen Bruder darstellt. Die Inszenierung von Peter Lotschak hinterließ Eindruck und die Zuschauer bedankten sich mit minutenlangem Beifall.

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