Ein Bunker ist Hamburgs größte Thermoskanne
Der graue Koloss in Wilhelmburgs Mitte ist vom Kriegsmonument zum hochmodernen Energiespeicher geworden. Foto: Sonnleitner
Groß, grau und mächtig ragt er unweit der Elbe über Wilhelmsburg: der Energiebunker ist einen Besuch wert. Der einstige Flakbunker ist historisches Monument, inzwischen ein regeneratives Kraftwerk und hat weit oben ein Café mit bestem Blick über Hamburg.
Von Martin Sonnleitner
Der Bunker ist also alles andere als starr, sondern Ausflugsziel mitten im südlichen Hamburg. An einem gewöhnlichen Sonntag im frühen Juli sind dann auch alle diese Komponenten vereint. Der Bunker ist 1943 in nur einem halben Jahr Bauzeit aus 80 000 Tonnen Stahlbeton errichtet worden. Sein Fassungsvermögen ist voluminös, er ist 42 Meter hoch und hat 57 mal 57 Meter Grundfläche. „Dennoch spielt sich das Leben nur auf den beiden Stockwerken 0 und 8 ab“, erklärt Sebastian Maaß, der Führungen durch den Energiebunker macht.
Er erläutert einer kleinen Gruppe Interessierter, welch „Raritäten“ Flakbunker in Deutschland waren und sind. Ganze zwei gibt es in Hamburg, vier in Berlin. Doch während der am Heiligengeistfeld in der Innenstadt sehr bekannt ist, fristet der Bunker in Wilhelmsburg insgesamt ein noch eher unbekanntes Dasein. Dabei wurde im Rahmen der Internationalen Bauausstellung IBA dort viel bewegt. Zwischen 2010 und 2013 wurde die Ruine, die über 60 Jahre lang leerstand, aufwendig saniert – allein 25 000 Tonnen Schutt wurden aus dem Bunkerinneren entfernt – und zu einem regenerativen Kraftwerk mit Großwärmespeicher ausgebaut.
Im „Café vju“ oben im Bunker und von der Aussichtsplattform bietet sich ein großartiger Blick über Hamburg. Foto IBA/Stachowske
Die Elbinseln sollen im Rahmen des Klimaschutzkonzeptes „Erneuerbares Wilhelmsburg“ bis 2050 zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgt werden. Als riesiger Wärmespeicher und Nahwärmenetz spielt der Energiebunker eine tragende Rolle. Er versorgt das Reiherstiegviertel mit klimafreundlicher Wärme und speist erneuerbaren Strom in das Hamburger Verteilnetz ein. „Es ist ein großes Symbol für die Transformation eines alten Kriegsobjektes für zivile Zwecke“, sagt der damalige IBA-Geschäftsführer Uli Hellweg.
Auch Johannes Huhmann führt eine Gruppe durch den Bunker. Bei ihm liegt der Schwerpunkt auf dem historischen Kontext. Der Flakbunker an der Neuhöfer Straße wurde als Symbol für die angebliche Wehrhaftigkeit der Heimatfront errichtet, diente dem Schutz der Stadt mit ihrem kriegswichtigen Hafen und Industrien. Viele Tausende Menschen suchten Schutz vor den alliierten Luftangriffen. Gleichzeitig war der Bunker mit seinen Flaktürmen Teil der deutschen Kriegsmaschinerie.
Im Jahr 1947 wurde das Gebäude von der britischen Armee durch eine gezielte Sprengung im Inneren völlig zerstört. Sechs der acht Etagen stürzten ein, der Rest war nicht mehr ohne Gefahr zu betreten. Nur die äußere Hülle mit bis zu drei Meter dicken Wänden und bis zu vier Meter dicken Decken blieb nahezu unzerstört.
Historiker Huhmann und seine kleine Gruppe stehen auf der Terrasse des achten Stocks in 30 Meter Höhe. Sie genießen von hier den 360-Grad-Blick über Wilhelmsburg, den Hafen, Hamburgs City-Skyline, bis hinüber zu den Harburger Bergen. Überall liefern Kuben Informationen zur Geschichte und Gegenwart des Bunkers. „Eine spektakuläre Aussicht, viele Hamburger kennen das gar nicht“, sagt er. Dann zeigt und erklärt er die alten Geschütztürme, die riesenhaft über den Köpfen der Besucher ragen.
Außen erinnert die Architektur nur noch wenig an den Zweiten Weltkrieg. Auf dem Dach und an der Südseite zum weithin sichtbaren Energiebunker sorgt eine Solarthermie-Anlage für klimafreundliches Heizen und Warmwasser. Innen dominiert dann der Wärmespeicher. Mit einer intelligenten Verknüpfung aus Solarenergie, Biomethan, Holzhackschnitzeln und Abwärme aus einem benachbarten Industriebetrieb kann der Energiebunker circa 22 500 Megawattstunden Wärme und fast 3000 Megawattstunden Strom erzeugen. Das entspricht dem Wärmebedarf von circa 3000 und dem Strombedarf von etwa 1000 Haushalten. Damit erreicht das lokale Kraftwerk eine CO2-Einsparung von 95 Prozent, das sind circa 6600 Tonnen CO2 im Jahr.
Energie-Experte Maaß und seine Gruppe sind gerade in den Katakomben des Bunkers knapp unter der Erdoberfläche, wo riesige Metallrohre das Geschehen dominieren. Es raucht, dampft und zischt wenig für die Größe der Anlage. Hier fußt ein Pufferspeicher mit dem Fassungsvermögen für zwei Millionen Liter Wasser. Er ist das Herz des Energiebunkers. Gerade fläzt sich ein kleines Mädchen am Rande der Anlage in rote Kissen, die auf Europaletten liegen. Die Besichtigung hier ist leger und ungezwungen, es hat Freizeitcharakter, nicht den Muff von Industrieanlagen.
Oben im achten Stock können die Besucher dann die Seele im „Café vju“ baumeln lassen. „Unter Ihren Füßen: die größte Thermoskanne Hamburgs“, steht auf einer Tafel an der Wand geschrieben. Es ist gerade viel los im glasumrankten Café. Es gibt Kuchen, Kalt- und Heißgetränke, Snacks und Eintopf zur Stärkung für die Bunkerbesichtigung. Viele Produkte sind regionaler Herkunft, der Kaffee wurde wasserschonend hergestellt. Auch auf der Terrasse draußen ist was los. Einige kommen einfach zum Abspannen her und lesen ein Buch.
- Öffnungszeiten Energiebunker: Freitag 12 bis18 Uhr, Sonnabend und Sonntag 10 bis 18 Uhr.
- Adresse: Neuhöferstraße 7. Führungen: jeden Sonnabend und Sonntag 14 Uhr, 15 Uhr und 16 Uhr. Treffpunkt: vor der Kaffeerösterei in der 8. Etage im Energiebunker.
Das TAGEBLATT stellt in lockerer Folge zehn schöne Plätze im Süderelbe-Raum vor, die einen Ausflug lohnen. Heute: der Energiebunker in Wilhelmsburg.