Ein Sehnsuchtsort: Der Ponyhof
Josi Julitz und Campino. Foto: Wolf
Für viele gibt es am Wochenende nur eins: Auf zu den Ponys! Fast vier Millionen Deutsche über 14 Jahre bezeichnen sich nach Angaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) selbst als Reiter. Das TAGEBLATT machte eine Stippvisite auf dem Moorhof in Buxtehude.
Von Lisa Wolf
Jimi ist 98 Zentimeter groß, 26 Jahre alt und braun-weiß gescheckt. Sorgfältig striegelt ihn Fiona Müller, sieben Jahre. Ihre Mutter Sarah will währenddessen Jimi das Zaumzeug anlegen. „Nicht so, Mama!“, sagt Fiona streng und kümmert sich lieber selbst darum. Jeden Sonntag verbringt sie hier am Moorhof Zeit mit ihrem Pflegepony.
Jedes der Pferde am Hof wird am Wochenende von einem Reitschüler umsorgt. „Wir legen viel Wert darauf, dass die Kinder den kompletten Umgang mit den Pferden lernen“, sagt Gabi Carini, die zusammen mit ihrem Lebensgefährten Hinrich Gahde den Moorhof führt. 20 Ponys und Pferde stehen für die Reitschüler bereit. In Ferienkursen, beim Reitunterricht oder beim Versorgen der Pflegepferde lernen sie den Umgang mit den Tieren. „Das Pony holen, putzen, satteln, trensen“, sagt Carini, „die Kinder sind an allem beteiligt.“
Eine Gruppe von fünf Reitern verlässt den Hof für einen Ausritt im angrenzenden Buxtehuder Moor. Ab ungefähr fünf Jahren können Kinder hier langsam ans Reiten herangeführt werden, die Ältesten sind schon über 20. „Gerade die Kleinen genießen es, die Pferde zu berühren. Das Reiten spricht die Sinne an“, sagt Carini. „Viele Kinder sind dabei sehr entspannt und können sich fallen lassen.“
Fiona hat ihr Pony inzwischen fertig vorbereitet und auch ihre Freundin Aurélie Milleg, sieben Jahre, ist mit ihrem Pony Sissy bereit. Die Zügel fest in der Hand führen sie Jimi und Sissy Richtung Hofeingang. „Aurélie ist schon mit fünf Jahren zur Schule gekommen“, sagt ihre Mutter Geraldine. Aurélie sei sehr intelligent und oft kopftechnisch sehr ausgelastet. Die Familie lebt auf einem Resthof in Neukloster. „Ich wollte gerne, dass Aurélie hier das Erdnahe hat.“
Trotz des trüben Wetters an diesem Sonntagmittag ist am Hof viel los. An der Außenseite der Halle putzen und satteln mehrere Kinder und Jugendliche ihre Ponys und Pferde. Andere gehen mit den Pferden eine Runde um den Hof spazieren. In der Halle springen zwei Reiter mit ihren Pferden über aufgestellte Hindernisse. Die Zuchtstuten und Nachwuchspferde des Hofs schauen aus ihren Boxen. Und mittendrin: der rot-weiße Hofkater Garfield. Ponyhof-Feeling.
Fiona und Aurélie steigen in den Sattel, während ihre Mütter die Ponys am Strick festhalten. Für Fionas Mutter Sarah ist die Selbstständigkeit, die die Kleinen im Umgang mit den Pferden lernen, besonders wichtig. „Dazu sind sie hier draußen, können einfach mal machen.“ Dazu komme die familiäre Atmosphäre am Hof und die eingeschworene Gemeinschaft. Die älteren und erfahreneren Reitschüler unterstützen jüngere wie Fiona und Aurélie, wenn ihre Mütter nicht dabei sind.
Endlich geht es los: Sarah und Geraldine führen die Ponys, auf denen Fiona und Aurélie Platz genommen haben, ins Moor.
Fast 100 Reitschüler, darunter immer mehr Jungen, nehmen zurzeit Unterricht am Hof. Täglich ab etwa 15.30 Uhr geht es los. „Am Anfang steht der Spaß im Vordergrund. Wir lassen die Kinder auch mal über Stangen reiten, sie sollen ein Gefühl für das Reiten entwickeln“, sagt Carini. Es gehe nicht um Leistung. Für Kinder ab fünf Jahren gibt es auch Schnupperkurse in den Ferien.
Ein Knackpunkt ist oft die Pubertät. „Dann sind häufig andere Interessen wichtiger als das Reiten“, sagt Carini. „Das Abitur steht an, eine Ausbildung oder der erste Freund.“ Bei Josi Julitz, 26 Jahre, war es anders: Als Kind lernte sie auf Shetland-Pony Lilly das Reiten. Zusammen mit Jimi war es eins der ersten Pferde auf dem Hof. „Ich habe damals hier mehr Zeit verbracht als zu Hause“, sagt sie lächelnd. „Mich fasziniert, dass Pferde so treue Seelen sind. Es ist eine Partnerschaft.“ Die Pubertät löste bei ihr keinen Knick aus – erst während des Studiums musste sie ihre Leidenschaft drei Jahre ruhen lassen, da der Hof zu weit entfernt war.
„Die Sehnsucht war aber immer weiter da“, sagt Julitz. Und nach dem Studium hat sie sich den Traum vom eigenen Pferd erfüllt; Campino stammt aus der Zucht von Gabi Carini und Hinrich Gahde. Damit ist sie eine von knapp 900 000 Pferdebesitzern in Deutschland. Von ihrem ersten Pferd am Hof, Shetland-Pony Lilly, unterscheidet er sich deutlich: Campino misst etwa 1,80 Meter Stockmaß. Josi ist zusammen mit ihm im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Hof groß geworden. „Reiten ist für mich der schönste Sport, den ich mir vorstellen kann.“