Ein kluger Bauer und seine Kartoffeln
Alles im Griff: Agraringenieur Claus Tobaben ist bei gutem Wetter von morgens bis abends im Ernteeinsatz. Die Ernte startete gut, doch noch ist ein Drittel der Kartoffeln im Boden. Nach viel Regen in den vergangenen Tagen versuchen Mitarbeiter und Familie, jetzt wieder zu starten. Fotos Lepél
Da gibt es dieses alte Sprichwort, nach dem die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln ernten. Es suggeriert, dass jemand ohne Anstrengung und ohne dass er es verdient hätte, erfolgreich sein kann. Mitnichten, wie ein Besuch beim Kartoffelbauern Claus Tobaben in Apensen unterstreicht.
„Was? Du brauchst eine Vogelscheuche? Wie man die baut? Vielleicht nimmst du einfach einen alten Besen, dann stopfst du Stroh in Säcke. Und du brauchst ein altes Karohemd und ein Käppi...“ Beate Tobaben (siehe Foto) sitzt in ihrem Büro in dem großen alten Bauernhaus der Familie am Heisterbusch in Apensen. Während sie telefoniert, steht sie auf, gestikuliert, erklärt. „Entschuldigung“, sagt sie, nachdem das Telefonat beendet ist. „Das war Kundenbetreuung. Ein Abnehmer von uns möchte seinen Hofladen mit einer Vogelscheuche dekorieren.“
Als hätte die studierte Betriebswirtin jetzt in der Erntezeit nicht schon genug zu tun. Während ihr Mann Claus auf den Feldern rund um Apensen die Kartoffelernte durchzieht, klingelt bei ihr fast ununterbrochen das Telefon. Und immer wieder kommen Fahrer herein, stellen sich vor ihren Schreibtisch und wollen über die nächste Tour informiert werden. Es geht um Sorten, Mengen, Anfragen, Preise. Die zweifache Mutter ist auf dem Goldgelb-Kartoffelgut der Familie Tobaben für den Vertrieb und das Marketing zuständig. Ein Arbeitsbereich, der dank der geschickten und kenntnisreichen Betriebsführung der Tobabens in den vergangenen Jahren immer wichtiger und umfangreicher geworden ist.
Familie Tobaben ist das beste Beispiel dafür, dass das Sprichwort mit den dümmsten Bauern und den dicksten Kartoffeln nicht stimmt. „Den Kartoffelanbau muss man klug managen, damit der Boden gesund bleibt“, erklärt Beate Tobaben.
Den traditionellen landwirtschaftlichen Betrieb führt ihr Mann Claus. Der Agraringenieur steuert den Hof in die Zukunft, indem er die Spezialisierung und die Konzentration auf den Schwerpunkt Kartoffelanbau vorantreibt. Zwar wurden auf dem Hof schon seit Generationen gute Speisekartoffeln angebaut, doch heute gehören frische Ideen, ein aufwendiges Marketing und nachhaltige Kundenbetreuung zum erfolgreichen Wirtschaften. „Man darf nicht in der Menge verschwinden“, sagt Beate Tobaben. „Wir müssen den Kunden darauf aufmerksam machen, dass unsere unbehandelten Kartoffeln etwas Besonderes sind und direkt vom Hof kommen.“
Tobabens Erdäpfel, die jetzt frisch aus der Erde geholt werden, sind überregional bekannt. Die Familie beliefert die Elbphilharmonie und viele Gastronomen in und um Hamburg und Bremen. Das Familienunternehmen verfügt über 130 Hektar eigenes Land und baut auf 60 Hektar Kartoffeln an. Außerdem werden zusätzlich Flächen mit Kollegen und Nachbarn getauscht, weil auf dem gleichen Acker nur alle vier Jahre Kartoffeln angebaut werden können, damit der Boden fruchtbar und sein Mineralstoffhaushalt ausgeglichen bleibt. Für den erfolgreichen Kartoffelanbau spielt die Einhaltung der Fruchtfolge eine wichtige Rolle, weil die Pflanzen nur dadurch optimal mit Nährstoffen versorgt werden und widerstandsfähig gegenüber Schädlingen und Krankheiten sind. „Wir stellen immer die Qualität vor die Masse“, sagt Beate Tobaben. „Unsere Kartoffeln kommen ohne Zusatzstoffe oder Behandlung ins Lager und zu den Kunden.“
Die ersten Tage lief die Ernte auf Hochtouren. Dann kam der Regen. Auf aufgeweichtem Boden fahren sich die Maschinen schnell fest. Der Arbeitstag von Beate und Claus Tobaben beginnt allerdings das gesamte Jahr über um 6 Uhr morgens, seit sie keine Kühe mehr haben, sondern nur noch ein paar Schweine. Als Erstes werden die Wagen mit der auszuliefernden Ware gepackt und auf den Weg in den Großraum von Hamburg und Bremen geschickt. Anschließend geht es für Claus Tobaben und sein Ernteteam auf den Acker. Überall duftet es nach frischer Erde. Wenn das Wetter mitspielt, werden die Kartoffeln bis es dunkel wird aus dem Boden geholt, zum Hof gefahren, in große Holzkisten verpackt und in riesigen Lagerhallen eingelagert. Mit der richtigen Kühlung bleiben sie dort monatelang frisch und können es geschmacklich noch zur Spargelzeit mit den Frühkartoffeln aus Nordafrika aufnehmen.
„Es gibt eine fast unüberschaubare Vielfalt an Kartoffelsorten – weltweit sind über 5000 Sorten bekannt“, weiß Beate Tobaben. „Wir konzentrieren uns auf gute Speisekartoffeln. Auf unseren Acker kommen nur Sorten, die wirklich mit gutem Geschmack und schöner Optik überzeugen. Sie müssen auf dem Teller klasse sein und dazu verführen, doch noch eine mehr zu essen.“ Das könnten moderne Sorten sein, echte Klassiker, aber auch sehr alte Kartoffelsorten. Das Goldgelb-Kartoffelgut ist nämlich auch für seine exotischen Kartoffelsorten bekannt. Die Raritäten sind wie der „Blaue Schwede“ lila oder wie die „Mandelkartoffeln“ besonders nussig im Geschmack. Mit diesen aufwendig zu pflegenden und langsam reifenden Sorten hat sich die Familie Tobaben ein Alleinstellungsmerkmal jenseits der Industriekartoffel erarbeitet.
„Das Arbeiten auf dem Hof macht mir immer noch viel Spaß“, sagt Claus Tobaben. „Es ist schön, wenn sich aus unseren Ideen etwas entwickelt.“ Dennoch sei es ein risikoreicher und anstrengender Beruf, ergänzt seine Frau: „Nicht umsonst geben jedes Jahr so viele Landwirte auf.“ Die Zukunft auf dem Kartoffelgut der Familie scheint allerdings in einer Hinsicht gesichert: Der ältere der beiden Söhne hat sein landwirtschaftliches Studium aufgenommen. Weil es ja eben nicht die dümmsten Bauern sind, die die dicksten Kartoffeln ernten...
Andreas Richters auf einem Kartoffelacker bei Hollenbeck: Dem Landwirt und seinen Berufskollegen macht die Nässe zu schaffen. Foto Klempow
Von Grit Klempow
BARGSTEDT. Das Feld ist ein Jammer. Das Wasser steht hoch in den Furchen zwischen den Pflanzreihen, und schon wieder regnet es. Andreas Richters gräbt am Montagnachmittag eine Knolle aus und prüft sie. Er ist keiner, der jammert, lieber macht er. Aber machen – das ist zurzeit kaum drin.
Die Kartoffelernte ruht nach den mehr als ergiebigen Niederschlägen in den letzten Tagen und Wochen. Eine Niederschlagsmenge von 135 Millimetern hat Andreas Richters für die letzte Woche gemessen. „Das ist wahnsinnig extrem.“ Sonst sind schon um die 30 Millimeter nicht gerade wenig.
Andreas Richters bewirtschaftet 113 Hektar. Der Betrieb in Frankenmoor bei Bargstedt ist schon seit 1992 auf den Kartoffelanbau spezialisiert, aber ein solch nasses Jahr ist selten. Schon im April gab es reichlich Regen. Zu reichlich, wenn es nach den Kartoffeln geht. „Alles, was nicht ideal ist, bedeutet Stress für die Kartoffel“, sagt Richters. Ist der Boden zu nass, erwärmt sich die Erde nicht so schnell wie sie sollte, die Wurzeln prägen sich nicht aus, die Kartoffeln faulen. Luftbilder zeigen schon im Frühjahr große Flecken auf den Feldern, wo die Nässe den Pflanzen zusetzte.
Die Ernte der Kartoffeln beginnt Anfang September. Eingebracht ist sie bei Richters’ längst nicht, auf 36 Hektar sind die Kartoffeln noch im Boden. Dabei sei sein Betrieb schon relativ weit, sagt Richters. Damit das Roden noch klappen kann, braucht es jetzt ein paar trockene Tage, damit das Wasser abzieht. Wärme und Wind würden auch dabei helfen. „Die Pflanzen ziehen jetzt kein Wasser mehr aus dem Boden, das ist sonst auch noch was anderes“, sagt der Junglandwirt. Bis zum Frost können die Knollen noch geerntet werden – wenn der Boden es denn zulässt und der Roder aufs Feld fahren kann.
Das Zuviel an Nässe bedeutet für die Pflanzen zurzeit vor allem ein Weniger an Sauerstoff im Boden. Das führt kurz gesagt dazu, dass die Kartoffeln „ersticken“ – und damit vergammeln können. Etwa 6000 Tonnen Kartoffeln erntet der Frankenmoorer Betrieb jährlich. Allein die reinen Schäden machen bisher einen Ausfall von fünf Prozent aus, die Kosten aber bleiben gleich. „Man lebt davon und dafür, wenn dann so viel so schnell kaputt geht, ist das schon beängstigend“, sagt Richters nachdenklich. Er hat den Betrieb erst im letzten Jahr übernommen.
Aber das Jammern ist nicht sein Ding. „Wir leben ja mit dem Wetter, das gehört dazu.“ Für Richters und seine Berufskollegen heißt es jetzt geduldig sein. „Wir bleiben optimistisch.“ (gh)