Eine Gaststätte ohne Luxus
Inhaberin Marion Göttsche kann endlich wieder aufatmen. Ihre Fischgaststätte ist wieder normal zu erreichen. Foto Sonnleitner
Marion Göttsche wirkt abgekämpft und erleichtert zugleich. Dass sie morgens schon zentnerweise Kartoffelsalat selber gemacht hat, ist da eher schon Routine. Doch der Pressetermin zwischendrin war für die Inhaberin der Veddeler Fischgaststätte hoffentlich der Abschluss einer anderthalbjährigen Stressphase.
Solange war drumherum Baustelle, es entstand eine zweispurige östliche Anbindung der Haupthafenroute. Diese ist nun abgeschlossen und Göttsche, die starke Umsatzeinbußen hinnehmen musste, kann endlich aufatmen.
Es ist Nachmittag und immer noch recht voll. Gerade verlässt eine Traube junger Frauen das Kult-Restaurant, das 1932 seine Pforten öffnete. Sie kommen aus Koblenz und sagen unisono: „Echt urig und lecker“ oder „sehr rustikal“. Man liebe die übriggebliebene „Nostalgie“. Drinnen wirbeln zwei Servicefrauen plus Küchenpersonal herum. Der Klassiker ist der Backfisch in drei verschiedenen Größen. Mit Kartoffelsalat versteht sich.
Das Interieur ist klassisch und vermittelt hamburgische Hafenatmosphäre. Ein riesiger Plastikkrebs hängt ebenso an der Wand wie ein rot-weißer Rettungsring, überall Fotos und Gemälde von Segelschiffen und Fischkuttern. Gut 300 Gäste finden hier an fünf Tagen die Woche Platz. „Jung und Alt“ seien dabei, berichtet Göttsche, „Bauarbeiter wie Schlipsträger, Stammgäste und Touristen“.
Göttsche führt den Betrieb seit 2006 und hat „nichts verändert“, wie sie bestätigt, weder die Einrichtung, noch Rezepturen. Der Gast komme „nach Hause in sein Wohnzimmer“, betont sie. Auch die graumarmorierten Resopaltische seien schon recht alt, in der Mitte des Lokals steht felsenfest eine braune Säule, deren Höhe die Wasserhöhe der Sturmflut 1962 anzeigt.
Es ist eine Gaststätte ohne Luxus“, sagt Göttsche, wohlwissend, dass das kleine Restaurant längst Kultcharakter besitzt. Stolz ist sie auch auf die Urkunde, die ihr bescheinigt, ein „historisches Wirtshaus“ zu führen. Sie hat den Laden vor zehn Jahren von dem Ehepaar Matthes übernommen, „viele Hafenarbeiter“ seien hier früher hergekommen, berichtet Stammgast Bernie Puttfarken, seine Frau Renate kam schon Anfang der 1950er-Jahre als Mädchen hierher.
Früher habe es noch Schnitzel und Bratwurst gegeben, so Chefin Göttsche, die stilsicher im weißen Kittel, immer fein rausgeputzt, durch den Laden flitzt. Hier ein Händeschütteln, dort eine Tischreservierung. Neben dem Tresen befindet sich der Stammtisch. Dort sitzen zu dürfen, müsse man sich erst durch regelmäßiges Kommen erarbeiten. Ungefähr 50 Wimpel von Firmen, die sich hier treffen, stehen in der Ecke: von Eurogate, Sharp oder DHL.
Göttsche kauft dreimal die Woche isländischen Seelachs auf dem Fischmarkt, Basis vieler Gerichte. Die Zeiten, als alte Stammgäste ihre Zwiebelringe noch selber mitbrachten, seien vorbei, sagt Göttsche, die 2003 von Berlin nach Hamburg zog, wo sie im Öffentlichen Dienst in der Diakonie gearbeitet hat. Dafür gibt es jetzt Fischburger, das Klientel werde jünger. „Auch hier geht es um nichts anderes, als um den Dienst am Menschen“, schmunzelt sie und reicht den nächsten dampfenden Backfisch rüber.