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Eine Welt nur in Schwarz und Weiß

Der Künstler und Musiker Kyle Egret (23) ist in Hammah aufgewachsen. Jetzt stellt er seine Werke in der Villa von Issendorff aus. Seine verzierte Toilettenschüssel wollte bislang aber kein Händler vertreiben. Foto Beneke

Der Künstler und Musiker Kyle Egret (23) ist in Hammah aufgewachsen. Jetzt stellt er seine Werke in der Villa von Issendorff aus. Seine verzierte Toilettenschüssel wollte bislang aber kein Händler vertreiben. Foto Beneke

Künstler Kyle Egret eröffnet Ausstellung in Villa von Issendorff – Tausendsassa konzertiert zum Auftakt in Kirche St. Marien.

Von Daniel Beneke Sonntag, 31.01.2016, 18:02 Uhr

Architektonische Zeichnungen im Flur, bemaltes Porzellan im Saal und sogar eine verzierte Toilettenschüssel im Wintergarten – die ausschließlich mit schwarzer Farbe auf weißem Grund versehenen Zeugnisse kreativen Schaffens beeindrucken. Jetzt sind die neuesten Werke des umtriebigen Nachwuchskünstlers Kyle Egret unter dem Motto „Life goes on with or without us“ („Das Leben geht weiter, mit oder ohne uns“) bis zum 14. Februar in den Räumen der Villa in Issendorff in Himmelpforten zu sehen.

Gebäude haben es dem 23-Jährigen angetan. Das mag damit zusammenhängen, dass der Großvater von Kyle Egret als Architekt gearbeitet hat. Der Freigeist wollte lange in seine Fußstapfen treten, entschied sich aber schließlich für die Kunst. Inspiration holt er sich weiterhin bei den Zeichnungen von Opa. So verwundert es nicht, dass futuristische Außenansichten großer Häuserkomplexe die Schau prägen, die dienstags und donnerstags von 15.30 bis 18.30 Uhr sowie mittwochs 10 bis 12 Uhr in das herrschaftliche Anwesen mitten im Christkinddorf einlädt.

Die Linien verlaufen akkurat – wie von einem Laserdrucker auf Papier gebracht. „Bei mir ist alles echt“, betont Kyle Egret, der Wert darauf legt, auf technische Unterstützung zu verzichten. „Ich nehme höchstens Mal ein Lineal.“ Nicht einmal Hilfslinien oder Skizzen benötigt er, durch jahrelanges Training kann der Künstler selbst lange Linien mit dem hochwertigen schwarzen Fineliner frei Hand zeichnen. Meist arbeitet er mit feinen Filzstiften, deren Tinte nicht so schnell ausbleibt. Ab und zu greift der Individualist auch zu Acrylfarbe. Immer sind es schwarze Dreiecke, Quadrate, Kreise und Linien, die seine großformatigen Passepartouts prägen.

Bisweilen versieht der 23-Jährige sie mit englischen Begriffen wie „Life“ (Leben), „Time“ (Zeit), „Love“ (Liebe) oder „Exit“ (Ausgang). Manchmal schneidet er seine Bilder auseinander und klebt sie in anderen Arrangements wieder zusammen. „Ich habe immer eine Idee. Aber was dabei raus kommt, weiß ich oft selber nicht“, beschreibt Kyle Egret, der zu Hause in einem kleinen Atelier arbeitet, seine Vorgehensweise. „Ich bemale alles, was mir in die Finger kommt.“ In der Tat: Kleidung, Porzellan und Kloschüsseln tragen ebenfalls seine Handschrift und die Signatur „Ke“. Händler, die seine extravaganten Kreationen in ihren Geschäften zeigen oder in die Serienfertigung geben möchten, hat er bislang allerdings noch nicht gefunden. „Alle sind begeistert und schreiben nette Absagen“, sagt der Künstler, der in Hammah aufgewachsen und in Stade aufs Vincent-Lübeck-Gymnasium gegangen ist. „Aber ich gebe da nicht auf. Denn die Besucher meiner Ausstellungen reißen mir die Teile aus den Händen.“

Ganz in schwarz gekleidet steht der Kreative in der Villa. Zur schwarzen Jeans schwarze Turnschuhe und ein schwarzes Sakko, darunter ein schwarzes T-Shirt mit grauem Aufdruck. Er ist nicht sonderlich groß, hat eine schlaksige Gestalt. Spricht ohne Punkt und Komma, aber in ruhigem Ton. Streut immer wieder geheimnisvolle Anekdoten ein. Die magische Zahl sieben fasziniere ihn. Auf jedem Preisschild – alle Bilder der Ausstellung stehen zum Verkauf – kommt sie vor. Auf seiner Visitenkarte sind in seinem Namen die Buchstaben y und g hervorgehoben, sodass die Zahl 49 entsteht. „Sieben Mal sieben“, flüstert der Schöngeist dem Reporter zu.

Dass Kyle Egret eine künstlerische Laufbahn einschlagen wird, war früh abzusehen. Bereits während der Schulzeit zeichnete er und entdeckte sein musikalisches Talent. Direkt nach dem Abitur startete der Hobbymusiker am Konservatorium ein klassisches Gitarrenstudium, das er mit dem Diplom abschloss. Inzwischen gibt der 23-Jährige selbst Unterricht an der Kreisjugendmusikschule in Stade, tritt bei Konzerten auf und möchte verstärkt Alben veröffentlichen. Am Freitag gastierte der Singer-Songwriter mit seinem Saiteninstrument in der Kirche St. Marien in Himmelpforten. Live gibt es nur ihn und seine Gitarre, für die CD-Aufnahmen verzerrt er die Klänge und belegt sie mit mehrstimmigem Gesang. „Aber ich benutze keine fremden Sounds“, versichert Kyle Egret, der auf gekaufte Synthesizer- oder Schlagwerk-Töne verzichtet. Er sei Autodidakt und habe nie eine Kunsthochschule von innen gesehen, sagt der Hammaher und kokettiert mit Ausstellungen in Hamburg und Großbritannien. Immer wieder sei er auf Förderer getroffen, die ihn in seinem kreativen Handwerk bestärkt haben, berichtet der 23-Jährige. Auf keinen Fall wolle er sich dem Publikum anbiedern, sondern nur das zeichnen, was ihm gefällt.

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