Eintauchen in die Welt der Gärten
Die Arbeit im eigenen Garten macht Renate Hücking den Kopf frei für ihre Bücher. Foto Helfferich
Vor 32 Jahren kaufte die Autorin Renate Hücking eine kleine Reetdachkate am Elbdeich in Krummendeich. Dazu gehörte ein Grundstück mit Gemüsegarten und Blumenbeet. Nach und nach hat der Garten ihr Leben verändert.
Sie beschäftigt sich nicht mehr mit dem Weltgeschehen, sondern schreibt Bücher über die Sucht nach Grün und Oasen der Sehnsucht. Gerade ist ihr neuestes Werk im Suhrkamp/Insel-Verlag erschienen. Ein Besuch in Krummendeich.
Ein wenig geduckt und verwinkelt steht die kleine Kate am Krummendeicher Elbdeich. Von ihrem Schreibtisch aus blickt Renate Hücking auf ihren noch etwas kahlen Garten. Die Frühblüher haben eben erst den Weg ans Licht gefunden. Das Gras kämpft sich durch den Moosbewuchs. „Ich liebe meinen Garten“, sagt die Autorin, „aber ich vernachlässige ihn in Zeiten, wenn ich schreibe.“
Gerade hat Renate Hücking wieder eine solche Arbeitsphase hinter sich. Ende März ist ihr Buch „Unterwegs zu den Gärten dieser Welt“ erschienen. Gut zwei Jahre hat sie daran gesessen. „Das Vergnüglichste ist immer die Recherche. Die Arbeit danach, das Schreiben, ist einsam und langwierig“, erzählt die 71-Jährige. Sie beschreibt sich als langsame Schreiberin und als Perfektionistin. „Bevor ich den Computer abstelle, muss die geschriebene Seite so sein, dass mir am nächsten Tag nicht die Haare zu Berge stehen, wenn ich sie lese.“
Renate Hücking schreibt keine Gartenbücher im herkömmlichen Sinne. Der Gartenfreund findet darin keine praktischen Tipps für die eigene Gartengestaltung. Die Autorin erzählt Geschichten von Menschen, die ihren Gärten verfallen sind. „Pflanzenjäger“ (2004), „Oasen der Sehnsucht“ (2006), „Süchtig nach Grün“ (2009), „Die Beute der Pflanzenjäger“ (2010), „Blumenmalerinnen“ (2012) und zuletzt „Mit Goethe im Garten“ (2015) heißen ihre Bücher. Alle drehen sich um Gärten, Pflanzen und die Jagd nach besonderen Arten. Und alle geben Einblick in eine Zeit, in der Menschen weite Reisen auf sich genommen haben, um sich Anregungen für ihren eigenen Garten – meist parkähnliche Anlagen – zu holen oder Pflanzen aus fernen Ländern zu entdecken, um sie in Europa zu kultivieren.
Renate Hückings eigene Gartenleidenschaft hat sich langsam entwickelt. Als die Städterin vor 32 Jahren das kleine Häuschen am Deich kaufte, erwarb sie auch das Grundstück mit Gemüsegarten und einem ovalen Beet mit Löwenmäulchen. Doch zunächst stand die grundlegende Renovierung des Hauses an. Wenn Hücking am Freitagabend nach einer stressigen Nachrichtenwoche aus Hamburg nach Krummendeich kam, tobte sie sich im Garten allenfalls mit dem Rasenmäher aus.
„Mit 40 fangen Frauen zu gärtnern an und machen Gartenreisen“, bedient Hücking das Klischee. Und so war es auch bei ihr: Als ein Freund ihr zum 40. Geburtstag 40 kleine Buchsbäumchen schenkte, gab es kein Zurück mehr. „Da musste ich mir einen Plan machen“, erzählt sie, „der Garten sollte ja zur Landschaft und zum Haus passen.“ Sie informierte sich, wurde Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur, besuchte Gartenplanungsseminare, unternahm Gartenreisen. Und schon bald war auch Renate Hücking der Sucht nach Grün verfallen. Nach und nach buddelte sie sich durch ihr Grundstück, pflanzte Rosen, Phlox, Helenium und Stockrosen. Schuf Gartenräume, setzte eine Lingusterhecke, die sie so beschnitt, dass ihre wellenartige Form dennoch den Blick in die Kehdinger Weite zulässt. Zur Krönung ließ sie sich von einem Handwerker aus alten Fenstern einen Pavillon zimmern, in den sie sich an raueren Tagen vor dem Wind zurückzieht.
Anfang 50 machte die Wahl-Krummendeicherin einen Schnitt und verabschiedete sich von der ARD. „Ich wollte etwas Neues machen“, erzählt sie. Zunächst dachte sie über eine „kleine, aber feine Gartenreiseagentur“ nach. „Aber ich bin keine Geschäftsfrau“, erkannte sie. Also machte sie das, was sie konnte: Recherchieren und schreiben – nur jetzt über Gärten und Pflanzen.
Während ihrer ersten Gartenreise, nach Cornwall, hatte sie eine neue Welt entdeckt: Menschen, die sich auf bestimmte Pflanzen spezialisierten und alles über sie wussten. „Erstaunlicherweise waren das fast alles Männer, wahre Rhododendren-Spezialisten.“ Ständig sei von Plant Huntern die Rede gewesen, „bis ich begriff, dass es sich um Pflanzenjäger handelte, die im 18. Jahrhundert aus dem britischen Empire in die Welt zogen, um exotische Pflanzen nach Europa zu holen“. Einen Teil der Beute erhielt der englische Landadel, der die Reisen finanzierte. Zu jener Zeit war schon die Grand Tour von England über das Rheintal nach Italien für gut gestellte Gentlemen ein Muss. Denn die Gestaltung der Außenanlagen am eigenen Landsitz steigerte die gesellschaftliche Anerkennung.
Die Idee für das erste Gartenbuch war geboren. Gemeinsam mit Kej Hielscher schrieb Renate Hücking „Pflanzenjäger – In fernen Welten auf der Suche nach dem Paradies“, das 2004 erschien.
Seither schreibt Hücking Bücher zur Gartengeschichte. Die Literaturwissenschaftlerin mit Faible für Geschichte und infiziert mit dem Garten-Virus hat sich in den vergangenen 20 Jahren ein enormes Archiv angelegt. „Mein Ansatz ist immer ein journalistischer“, sagt sie, „ich bin neugierig, warum etwas zu jener Zeit passiert ist.“ Das erzählt sie in ihren Büchern. Dem Ganzen eine literarische Form zu geben, war für sie nie interessant. „Das bin ich nicht“, sagt die Journalistin.
Für ihr neues Buch konnte sie aus ihrem Fundus schöpfen. So erzählt sie, wie sich Fürst zu Pückler und Muskau mit seinen Gartenreisen in den Ruin brachte; beschreibt die Forschungsreise Maria Sibylla Merians im Sommer 1699; oder die Expedition nach Mexiko des Neurologen und Farn-Liebhabers Oliver Sacks’. Es ist das erste Buch, das nicht nur Gartengeschichte vermittelt, sondern sich auch direkt an Gartenreisende wendet. „Viele der beschriebenen Gärten kann man heute noch besuchen“, so Hücking. Sie selbst liebt es, auf Gartenreisen zu gehen. Eine Pflanzensammlerin ist Renate Hückung aber dabei nicht geworden. Dafür sei sie doch zu knauserig, sagt sie.
„Unterwegs zu den Gärten dieser Welt“ von Renate Hücking folgt den Spuren von Gartenreisenden früher und heute, erzählt von ihren abenteuerlichen Touren auf fernen Kontinenten und sie mischt sich unter Gartenliebhaber, die heute bequem mit dem Reisebus die Gartenkultur im In- und Ausland erkunden. Gebunden, 319 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Insel Verlag, ISBN: 978-3-458-17743-2, 24 Euro.