Elbschlosskeller: Ein Ort für Dramen und Tragödien
Wirt Daniel Schmidt hat ein Buch über seine Kneipe geschrieben. Darin geht es um Suff, Exzesse und den Tod. Foto Sonnleitner
Fast 70 Jahre gibt es den Elbschlosskeller auf dem Hamburger Berg, mitten auf dem Kiez. Er gilt als härteste Kneipe Deutschlands.
Geöffnet an 365 Tagen im Jahr, 24 Stunden am Tag, spielen sich hier die Dramen und Tragödien ab, traurige und schöne Momente, Schlägereien und Amourösitäten reichen sich die Klinke. Ein faszinierender Mikrokosmos, der bei aller Krassheit immer auch zutiefst menschlich ist.
Nun hat der Wirt Daniel Schmidt ein bewegendes Buch darüber geschrieben („Elbschlosskeller – Kein Roman“, Edel-Verlag). Heinz Strunk, der mit seinem Roman über den Goldenen Handschuh, schräg gegenüber berühmt wurde, sagt: „Der Elbschlosskeller ist der Vorhof zur Hölle.“ In der Tat, geht es auch im Buch von Schmidt um schlimme Schicksalsschläge für seine Gäste und auch für ihn selber. Ein Hartgesottener also, der vieles seiner zum Teil derben Vergangenheit hinter sich gelassen und es sich nun zur Aufgabe gemacht hat, Gestrandeten zu helfen.
Es geht im Buch um Suff, Exzesse und den Tod. Schmidt selber fand den Weg über seinen Vater, der den Laden 30 Jahre bewirtete, in den Elbschlosskeller. Er war mit 14 das erste Mal besoffen, lernte das Milieu mit dem ganzen Drumherum früh kennen. Es folgten ein Kurzausflug als Lude, Drogen, exzessives Bodybuilding samt Anabolika, ein halb simulierter Überfall mit 18, für den er fast in den Knast gegangen wäre, ein Tattoostudio und der Suizid seiner Schwester, der ihn schwer getroffen hat. „Ich kann mich in die Leute reinversetzen“, sagt der 34-Jährige. „Hier kann man auch keine normalen Leute an den Tresen stellen“, so Schmidt, der dies zum ersten Mal mit 18 tat und den Elbschlosskeller dann vor acht Jahren übernommen hat. Ganz am Anfang, Anfang der 1950er-Jahre, sei es hier noch relativ gesittet zugegangen. Es habe weiße Tischdecken und Teelichter gegeben, berichtet er, nun riecht es schon im Eingangsraum, wo der urige Holztresen steht, nach Urin. Die Storys hier sind Legende und reichen von Hauereien über Ex-Kiezgrößen, die sich heute kaum auf den Beinen halten können, bis hin zu einer Leiche, die hinten wohl mal mehrere Tage lag und nicht als solche erkannt wurde.
Die Stammgäste heißen oder hießen Korn-Erna, Dirthy-Uwe, Der Heuler oder Gerd Mayer, dessen Begrüßung immer „Feuerfotze“ war. „In diesem Laden passieren so viele Geschichten“, sagt Schmidt, „das muss man einfach für die Nachwelt festhalten.“ Im Elbschlosskeller gehen Obdachlose, Prostituierte, gestrandete Existenzen, aber auch Sozialpädagogen oder Anwälte ein und aus. „Fast alle meine Stammgäste waren mal Teil dieser normalen Gesellschaft“, erläutert Schmidt. Heute hätten viele von ihnen Drogen- und Alkoholprobleme, einige würden auch mit psychischen Krankheiten kämpfen. Im Elbschlosskeller seien „alle Menschen gleich“, betont Schmidt.
Er selber steht heute noch an zwei Tagen hinter dem Tresen. Es wird in drei Schichten à acht Stunden gearbeitet. Es gibt auch Kameras und vier Bildschirme, die das Geschehen überwachen. Aus der Jukebox läuft meist abgehangener Schlager. Die Getränke sind billig, Saurer und Mexikaner kosten einen Euro.
Um diesen Stress und auch diese Parallelwelt auszuhalten, hatte Schmidt immer auch schon eine zweite, bürgerliche Identität. Seit Jahr und Tag wohnt er außerhalb des Trubels in Sasel. „Ich habe immer auch das spießige Leben genossen“, sagt er. „In Ruhe ein Buch zu lesen oder den Rasen zu mähen, so tanke ich Energie.“
Doch er liebt seinen Laden. Dort würden noch die alten Regeln des Kiezes gelten, auch wenn am Wochenende immer mehr Touristen auftauchen würden, viele alte Kiezianer durch hohe Mieten verdrängt oder weggestorben seien. Diese seien „Faustrecht, Hilfsbereitschaft und das Gefühl der Zugehörigkeit“, so Schmidt.