Energieberg Georgswerder: Ein Ausflug auf die (ehemalige) Mülldeponie
Der 900 Meter lange Horizontweg, ein Rundlaufsteg in 40 Meter Höhe angelegt, ist das Wahrzeichen des Energiebergs . Von hier aus ist ein 360-Grad-Blick über Hamburg und das Umland möglich. Fotos Infozentrum Energieberg Georgswerder
Der Energieberg Georgswerder ist ein eher ungewöhnliches, aber dennoch sehr beliebtes Ausflugsziel – umringt von Autobahn, Industrieanlagen und dem nahen Stadtteil Wilhelmsburg. Die Idylle eines klassischen Ausflugsziels fehlt allerdings.
Von Martin Sonnleitner
Es ist die Geschichte einer Transformation: wie aus einer alten Skandaldeponie ein regenerativer Energieerzeugungsberg wurde. Eine Fläche von der Größe der Hamburger Binnenalster wurde somit öffentlich zugänglich gemacht. Ein Rundlaufsteg ist in 40 Meter Höhe angelegt worden, von dem aus ein 360-Grad-Blick über Hamburg und das Umland möglich ist.
Die gesicherte Deponie wurde zu einer Landmarke auf den Elbinseln und zu einem Symbol des Umgangs mit alten Lasten und neuen Energien. 1979 wurde der alte Skandalberg geschlossen und abgedeckt. Einst als Trümmerberg entstanden, wurde hier während der Zeit der prosperierenden Wirtschaft alles abgeladen, was an Müll, Schrott und Unrat anfiel. Die Deponie war seit den 1960er Jahren die zentrale Abfallbeseitigungsanlage der Stadt, auch für unsachgemäß eingelagerten Sondermüll.
1984 wurde dann Dioxin in der Sickerflüssigkeit gefunden. Das Chemie-Unternehmen Boehringer-Ingelheim, das 750 Tonnen mit Dioxin verunreinigte Lauge in den Boden gepumpt hatte, hatte kurz vor der Aufdeckung schon wegen nicht erfüllter Auflagen seine Pforten schließen müssen. Jahrzehntelang war das Deponiegelände in Georgswerder dann nicht für die Öffentlichkeit zugänglich – ein großes Tor versperrte den Zugang zum 45 Hektar großen Areal.
Erst durch die Internationale Bauausstellung in Wilhelmsburg (2006 bis 2013) erfuhr der Ort eine Aufwertung und Neunutzung. Die IBA Hamburg verfolgte mit dem seit 2008 entwickelten Klimaschutzkonzept Erneuerbares Wilhelmsburg einen dezidiert dezentralen Ansatz hin zu 100 Prozent erneuerbaren Energien in der Stadt. Ein Leuchtturmprojekt, das im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltig Energie und Strahlkraft für den Stadtteil erzeugt. Bereits 2002 hatte sich ein Arbeitskreis Georgswerder für eine Öffnung der gesicherten Deponie eingesetzt. Die IBA wollte dann innerstädtische Bruchkanten für Neues nutzbar machen. Für Georgswerder eröffnet der Berg so stadtentwicklungspolitisch neue Chancen für die Zukunft. „Der Energieberg Georgswerder soll als Informationslandschaft mit Aussichtspunkten und Ausstellung die Geschichte der Mülldeponie, den Umgang mit Altlasten sowie die Potenziale erneuerbarer Energien der Öffentlichkeit näherbringen“, heißt es in einer IBA-Broschüre.
Horizonterweiterung: das Infozentrum auf dem Energieberg.
So wurde der Deponiehügel unter der Federführung der Hamburger Umweltbehörde seit 2010 schrittweise geöffnet und für die Bevölkerung erlebbar gemacht. Ein ehemals verschlossenes Gebiet wurde wieder in die Stadt integriert. Seit 2011 stellt die Ausstellung im Informationszentrum sowie ein breites Tourenangebot den Berg in den Mittelpunkt. Im Jahr 2013 wurde er für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und der Horizontweg eröffnet.
Er ermöglicht Ausblicke auf Hamburg und die Elbinseln aus rund 40 Metern Höhe. „Es geht um die Geschichte des Energiebergs als Deponie und die jetzige Sicherung erneuerbarer Energien“, sagt Kathrin Hülck von der Stadtreinigung Hamburg, die das Informationszentrum am Fuße des Berges leitet und Führungen organisiert.
So gibt es mittlerweile eine 4000-Quadratmeter-Anlage für Photovoltaik, alte, unergiebige Windkraftanlagen wurden abgebaut und durch zwei neue, effizientere ersetzt. „Somit erzeugen wir Energie und gewinnen Strom für 4000 Haushalte“, berichtet Hülck. Ältere Besucher kennen die Anlage noch als offene Deponie, so Hülck. Nun kämen Schulklassen und andere Gruppen, die Interesse am Klimawandel hätten. „Die Schadstoffe sind noch hier“, berichtet sie weiter. Nur die Sicherungsanlagen, die auch eine breitflächige Abdeckschicht aus Plastik beinhaltet, sorgen dafür, dass das Grundwasser rein bleibt. Wie ein riesiger Regenschirm verhindert eine zwei bis drei Meter mächtige Abdeckung, dass Regenwasser in den Deponiekörper gelangt und Schadstoffe ausspült. Gleichzeitig werden Gase und Flüssigkeiten, die aus dem Berg austreten, durch eine Entgasungsanlage aufgefangen und gereinigt. Auf diese Weise wird verhindert, dass Schadstoffe aus der Deponie in die Umwelt gelangen können. Das entstandene Methan wird zum Kupferkonzern Aurubis, der nebenan seine große Produktionsanlage hat, geliefert.
Im Kern ginge es beim Energieberg nun um eine „Weiterentwicklung und Nachnutzung vor allem auch als Ausflugsziel“, sagt Hülck. Die schöne Aussicht werde von Radgruppen genutzt und Familien, die picknicken wollen. Die Gräser und Gehölze auf dem Energieberg haben sich gut entwickelt, auf der Pflanzendecke sind wertvolle Biotope entstanden, die auch bedrohte Pflanzen- und Tierarten enthalten. Nachtigall und Gelbspötter kann man vereinzelt hören, auch Mäusebussarde und Turmfalken finden hier ihre Nahrung.
Der 900 Meter lange Horizontweg ist das Wahrzeichen des Energiebergs. In ihm sind 250 Tonnen Stahl und 800 LED-Lichtleisten verbaut. Beim Rundgang schweift der Blick je nach Himmelsrichtung über den Hafen, Aurubis, die Ringautobahn oder Wilhelmsburg bis zu den Harburger Bergen hinüber.
Öffnungszeiten vom 1. April bis 31. Oktober: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr (17.30 Uhr letzter Einlass); ab 10 Personen anderthalb Stunden private Führungen.
Das TAGEBLATT stellt in lockerer Folge schöne und interessante Plätze im Süderelberaum vor, die einen Ausflug lohnen. Heute: der Energieberg Georgswerder.
Horizonterweiterung: das Infozentrum auf dem Energieberg.