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Maria Ketikidou im Interview

„Es ist für mich eine Bereicherung, zwei Kulturen zu vereinen“

Die Schauspielerin mit griechischen Wurzeln, Maria Ketikidou, spielt seit 25 Jahren im „Großstadtrevier“ mit.  Foto Marks/dpa

Die Schauspielerin mit griechischen Wurzeln, Maria Ketikidou, spielt seit 25 Jahren im „Großstadtrevier“ mit. Foto Marks/dpa

Den Stress ihrer Dreharbeiten sieht und merkt man Maria Ketikidou (52) nicht an, als TAGEBLATT-Mitarbeiter Manfred Ertel sie vormittags gut gelaunt zum Gespräch trifft. Nachdenklich und offen spricht sie über Karriere, Heimat und die Zufriedenheit mit ihrem Leben.

Sonntag, 18.11.2018, 08:00 Uhr

TAGEBLATT: Vorigen Montag begann die 32. Staffel vom „Großstadtrevier“ im ARD-Vorabendprogramm. Zählen Sie eigentlich noch mit, in wie vielen Folgen Sie dabei waren?

Maria Ketikidou: Nein, ich bleibe lieber gegenwärtig. Ich zähle eigentlich nur, wie viele Drehtage ich dieses Jahr schon hatte und wie oft ich noch bis zum 14. Dezember drehen werde. Wir haben für diese neue Staffel insgesamt 150 Drehtage, da ist man dann am Ende des Jahres doch ein wenig müde. Und jetzt kommen auch noch die kalten Tage, an denen man draußen steht. Das sind die Dinge, die ich runterzähle.

Dann sind Sie manchmal selbst überrascht, dass Sie schon seit 1993 dabei sind?

Das stimmt. Wenn man mir sagt, dass ich so viele Jahre auf dem Buckel habe und dass es jetzt 25 Jahre beim „Großstadtrevier“ sind, dann wundere ich mich selbst. Ob ich das nicht feiern würde? Wozu nach hinten schauen, denke ich dann. Ich feiere erst, wenn man mir sagen würde, die nächsten zehn Jahre beim „Großstadtrevier“ sind gesichert.

Was sind die besonderen Herausforderungen einer Serienfigur, wenn man so lange dabei ist?

Man darf sich niemals auf der Routine ausruhen, man muss sich weiter selber überraschen können, ich möchte auf gute Geschichten für meine Fernsehfigur hoffen und weiter mit Cast und Crew versuchen, tolle, spannende Folgen zu produzieren. Es ist ein Trugschluss zu glauben, das „Großstadtrevier“ sei nach so vielen Jahren ein Selbstgänger. Alles hängt von den Quoten ab. Wir haben zwar eine treue Zuschauerschaft, es ist aber schwer, andere Leute mit vielleicht vorgefestigter Meinung davon zu überzeugen oder immer wieder zu beweisen, dass wir nicht etwa hausbacken oder stehengeblieben sind, sondern dass sich „Großstadtrevier“ immer wieder neu erfindet, mit Professionalität, Tiefe, aktuellen realitätsnahen Themen und natürlich auch Humor.

Wie sehr ist man als Hauptdarstellerin in einer so bekannten und erfolgreichen Serie zugleich auch ein bisschen festgelegt und „abgestempelt“?

Schon sehr. Aber ich kann nun mal nicht ändern, dass das System in Deutschland so tickt. In Amerika ist das tatsächlich ein Stück weit anders, da haben Serien ein viel besseres Renommee. Man muss natürlich auch was dafür tun, Türklinken putzen, sich bei allen Castern vorstellig machen. Da hinke ich sicherlich hinterher, ist meine eigene Schuld. Wenn ich mal einen Tag frei habe und nicht Text lernen muss, bin ich manchmal ganz froh, fünf gerade sein zu lassen.

Gab es nach „Soul Kitchen“ oder den „Pfefferkörnern“, die beide ganz andere Genres waren, auch mal das Gefühl oder den Impuls, vielleicht etwas anderes machen zu müssen?

Nein, ich kann ja noch andere Rollen übernehmen, da schiebt meine Produktion keinen Riegel vor. Das tue ich ja auch. In erster Linie will ich arbeiten, drehen und nicht auf Rollenangebote warten. Klar könnte ich auch aufhören beim „Großstadtrevier“. Dann brauchte ich allerdings einen langen Atem, um mir den Stempel abzurubbeln. Natürlich gab es für mich Höhen und Tiefen und ich habe auch schon mal mit dem Gedanken gespielt. Dann habe ich mit unserer Produktion gesprochen und bin auf Verständnis gestoßen. Es kamen tatsächlich sehr gute Drehbücher für mich, da gibt es nichts zu meckern.

Was ist für Sie Heimat?

Heimat ist mittlerweile kein Ort mehr für mich, sondern es ist da, wo die Menschen sind, die mir was bedeuten, die ich liebe und die mich lieben. Das habe ich besonders gemerkt, als meine Großeltern in Griechenland kurz nacheinander starben, die 76 Jahre miteinander verheiratet waren. Da ist etwas weggebrochen für mich.

Was bedeutet Griechenland heute für Sie?

Dieses Gefühl ist geprägt von dem, was man in Erinnerung hat. Wir haben meine Großeltern immer einmal im Jahr besucht. In meiner Kindheit habe ich meine Sommerferien auf deren Bauernhof in der Nähe von Thessaloniki verbracht und natürlich auch am Strand. Das war immer eine tolle Zeit, die halte ich auch in Ehren. Wir machen noch heute unser eigenes Olivenöl, 110 Liter jedes Jahr. Aber ich lebe ja mein ganzes Leben in Deutschland, und das prägt mich auch so stark.

Sie hatten lange keinen deutschen Pass, obwohl Sie sich zutiefst deutsch fühlten.

Das hat sich geändert. Ich hab’s ehrlich gesagt meinen Eltern zuliebe getan. Die leben ja nun auch seit mehr als 50 Jahren hier, mein Vater seit 56 Jahren, meine Mutter seit 53: Die waren irgendwann so genervt von den griechischen Behörden, weil ihnen die Finanzkrise so zusetzte und sie zum Beispiel auf einmal doppelt besteuert wurden, obwohl sie in Deutschland leben und nicht in Griechenland gemeldet sind. Die Bürokratie dort war so schlimm, es war eine Odyssee von Behördengängen, um das zu beweisen. Dann bekamen meine Großeltern ihre Medikamente nicht, obwohl sie die dringend brauchten. Irgendwann ist meinen Eltern der Kragen geplatzt. Und wir haben uns schlussendlich auch den deutschen Pass besorgt. Wir haben jetzt beide.

War das emotional schwierig?

Nein, es bestätigt ja letztlich nur, was ich bin: Ich bin beides und finde es auch müßig, ständig erklären zu müssen, ob man nun Ausländer ist oder nicht. Es ist für mich eine Bereicherung, zwei Kulturen zu vereinen, von beiden was mitbekommen zu haben, das ist ein großes Plus. Ich bin ein großer Verfechter von Weltbürgertum, von kosmopolitischem Denken, von Weltoffenheit. Und das ist Hamburg auch für mich.

Musik ist Ihre Leidenschaft, Sie legen gern als Discjockey auf, wären Sie gerne D-Jane geworden?

Ehrlich gesagt ist das eher eine Hommage an meinen Bruder, der DJ war und sicher weiter gewesen wäre, wenn er nicht 1990 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen wäre. Musik ist in unserer Familie aber fest verankert. Mein Vater hat als Kind in einem Schaufenster ein Akkordeon gesehen, konnte sich das aber natürlich nicht leisten. Der Besitzer hat ihn reingerufen, darauf spielen lassen und ihm angeboten, komm immer her so viel du willst. Seitdem hat er das im Blut und ist ein guter Musiker. Von ihm habe ich diese Liebe zur Musik geerbt. Meine Festplatte quillt über vor Songs.

Würden Sie gern mehr mit Musik machen?

Ich bin Perfektionistin und wenn ich etwas nicht richtig perfekt kann, brauche ich auch gar nicht erst damit zu kokettieren. Ich habe es versäumt, etwas länger am DJ-Pult zu üben wie mein Bruder damals. Ich habe meine Nachmittage lieber anders verbracht, mit Freunden, beim Kaffeetrinken, ins Kino gehen, ich bin Kino-Fan und Movie-Fanatiker.

Was bedeutet Glück für Sie?

Glück kann man nicht festhalten. Ich genieße immer die Momente, in denen ich glücklich bin, denn die gibt es ja nicht ständig und immer. Glück ist ein hohes Gut. Ich bin eigentlich auch ganz froh darüber, dass ich nicht immer glücklich bin, sonst wüsste man gar nicht mehr zu schätzen, was für ein tolles Gefühl das ist. Und dann gibt es ja auch dieses schicksalhafte Glück, und ich behaupte, dass ich zeitlebens ein vom Universum behütetes Kind gewesen bin.

„Ich jage dem Glück nicht mehr hinterher“ haben Sie mal gesagt, spricht daraus Enttäuschung?

Im Gegenteil, Zufriedenheit. Ich hab’s geschafft, mit dem, was ich habe, zufrieden zu sein. Bei mir hat das auch was mit optimistischem Denken zu tun. Das Glas ist bei mir nicht mehr immer halb leer, ich finde, mein Glas ist ziemlich voll. Und ich bin so dankbar für das, was mir bisher so widerfahren ist. Das muss man auch zu schätzen wissen.

Sie beschreiben sich als Perfektionistin und sehr selbstdiszipliniert mit einem Hang zur Selbstdemontage. Was heißt das?

Dass ich immer denke, ich hätte das vielleicht noch besser machen können oder ich sei vielleicht nicht gut genug. Das hatte ich schon immer. Mit 15 Jahren bei meinem ersten Film musste ich mich für eine Szene halbnackt ausziehen und fand das für die Szene plausibel. Aber mein Szenenpartner war dann so komisch, und ich dachte, irgendwas stimmt mit mir nicht. Als ich ihn 25 Jahre später wieder traf, erzählte er mir, dass er so verknallt in mich war und deshalb einfach wahnsinnig verklemmt, so nackt neben mir im Bett. So etwas meine ich. Total falsche Wahrnehmung.

Der Glamour Ihres Berufes macht vor Ihrem Privatleben halt. Sind Sie kein Mensch für die bunten Blätter?

Überhaupt nicht. Ich finde, jeder Mensch hat ein Recht auf Privatleben und Privatsphäre. Wenn jemand das gerne benutzt, um in die bunten Blätter zu kommen, soll er. Ich selbst möchte aber lieber um meiner Arbeit willen definiert oder auch kritisiert werden und nicht wie ich privat lebe oder wie viele Männer ich hatte.

In meiner Freizeit bin ich am liebsten... weit weg, in der Natur. Wasser, Wald, Berge, alles.

Kochen ist für mich... eine Leidenschaft, Liebe geht auch durch den Magen.

Griechischer Wein ist... ein richtig gutes Lied von Udo Jürgens. Aber die griechischen Weine sind auch toll geworden.

Im Fernsehen sehe ich am liebsten... Nachrichten und Dokumentationen. Amerikanische Serien schaue ich am Computer.

Kino oder Theater sind für mich ich... gute Unterhaltung. Kino ist eines meiner raren Freizeitvergnügen. Als nächstes habe ich „Bohemian Rhapsody“ auf dem Zettel.

Die Konkurrenz von „Notruf Hafenkante“ finde ich... gut. Konkurrenz belebt das Geschäft.

Eigentlich wollte sie ja Journalistin werden. Das war der Plan, nachdem Maria Ketikidou an der Hamburger Universität Anglistik und Germanistik studiert hatte. Doch der Film faszinierte sie schon damals. Die Tochter griechischer Eltern, 1966 geboren im westfälischen Hagen, verbrachte die ersten drei Lebensjahre in Griechenland, bevor sie mit der Familie nach Itzehoe und während der Pubertät dann nach Hamburg zog. Ihren ersten Film „Die Heartbreakers“ über das Leben junger Beat-Bands in den Sechzigern drehte sie schon mit 15 Jahren. Seit 1993, damals noch unter der Regie von Krimi-Urgestein Jürgen Roland, ist sie beim „Großstadtrevier“ dabei und außer Jan Fedder am längsten im Team. Nebenbei spielte Maria Ketikidou noch in zahlreichen Filmen und Fernsehserien wie „Soul Kitchen“, „Die Pfefferkörner“, „Der Hafenpastor“ oder „Soko Köln“ mit.

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