„Es muss immer irgendetwas besser oder anders werden“
„Ich habe bisher ein tolles Leben gehabt“: Carl Claus Hagenbeck (77). Foto Jens Heim
Dr. Carl Claus Hagenbeck (77) ist der Urenkel des legendären Tierpark-Gründers Carl Hagenbeck (1844–1913). Das TAGEBLATT hat den ehemaligen Tierparkleiter in fünfter Generation, zum Gespräch getroffen.
Hagenbeck, was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Tierpark und einem Zoo?
Dr. Carl Claus Hagenbeck: Eine offizielle Definition gibt es nicht. Aber ein Tierpark wie unserer zeichnet sich durch eine großzügige Gartengestaltung mit eingestreuten großzügigen Gehegen aus. Nur etwa ein Drittel der Gesamtfläche in unserem Tierpark sind Gehege, der Rest sind Wasserflächen, Parkanlagen und Wäldchen. Im Berliner Zoo dagegen reiht sich ein Gehege an das andere und es werden zum Beispiel verschiedene Affenarten nach zoologischen Gesichtspunkten gezeigt, damit man sie untereinander vergleichen kann. Den normalen Besucher interessiert das allerdings kaum.
Würde es Sie ärgern, wenn jemand vom Zoo Hagenbeck sprechen würde?
Nein, nein (lacht). Aber Hamburg hat keinen Zoo. Hamburg hat Hagenbeck. Unsere Besucher sagen ja auch, sie gehen nach Hagenbeck (lacht) und nicht, sie gehen in den Zoo.
Sie sind vor 77 Jahren in die ur-hamburgische Familie Hagenbeck geboren worden und haben als junger Erwachsener in fünfter Generation die Leitung des Tierparks übernommen. Ist es aus heutiger Sicht Glück oder Bürde, Teil einer solchen Tierpark-Dynastie zu sein?
Es ist Glück. Für mich gab es nie Zweifel, dass ich die Leitung des Tierparks übernehmen möchte. Ich bin zwar eigentlich Techniker, schraube selbst an meinen Oldtimern rum und kann alles Mögliche reparieren. Aber ich wollte von Anfang an Tiermedizin studieren und ich hatte nie ein Problem damit, mich hier hochzuarbeiten und mir durch Leistung Anerkennung und Akzeptanz bei den Mitarbeitern zu verschaffen. Mir war immer wichtig, dass meine Mitarbeiter nicht Angst vor ihrem Chef haben, sondern Respekt.
Sie sind immer noch Geschäftsführer der Hagenbeck GmbH, haben aber die Leitung des Tierparks im Sommer 2015 an Ihre Tochter Bettina und deren Cousine Friederike abgegeben. Was hat sich in Ihrem Leben geändert?
Ach, ich habe immer noch gutzutun mit dem noch andauernden Streit innerhalb unserer Familie, bei dem es um Untreue in Millionenhöhe und Steuerbetrug geht. Ursprünglich hatte ich die Leitung des Tierparks 2004 an meinen Schwiegersohn Stefan Hering-Hagenbeck übergeben. Als es dann aber zum Streit kam und mein Schwiegersohn zurücktrat, um sich herauszuhalten, bin ich noch mal für einige Jahre eingesprungen. Erst als 2015 ein Vergleich geschlossen wurde, bin ich endgültig von der Tierparkleitung zurückgetreten. Als Geschäftsführer der Carl Hagenbeck GmbH arbeite ich immer noch von morgens bis abends und lese meist juristische Schriftsätze.
Gehen Sie regelmäßig in den Tierpark?
Hin und wieder gehe ich mit meiner Frau dort spazieren, allerdings immer mit den Augen eines ehemaligen Tiergärtners (lacht). Ich sage meiner Tochter dann auch, was mir aufgefallen und aus meiner Sicht nicht ganz optimal ist. Aber als Seniorchef muss ich mich auch zurückhalten. Wir leben davon, dass wir erstklassige Mitarbeiter haben, die auf ihrem Gebiet alle besser sind als die Chefs.
Heute tragen Sie eine Krawatte mit Walen, die sich küssen. Sie sollen aber mehr als 50 Elefanten-Krawatten im Schrank haben. Warum sind Sie ein so großer Elefanten-Fan?
Das sind faszinierende Tiere und sie gehören auch deshalb zu meinen Lieblingstieren, weil die Elefantenzucht, die ich von 1984 an im Tierpark aufgebaut habe, meine Herzensangelegenheit wurde. Eine Elefantenzucht aufbauen zu wollen, war damals ungefähr so abwegig wie zum Mond zu fliegen. Mein Vater hat immer gesagt: Wer als Zoodirektor keine Sorgen hat, kauft sich einen Elefantenbullen. Elefanten gehören nämlich zu den gefährlichen Tieren. Nach drei Jahren Korrespondenz und Bürokratie mit indischen Behörden gelang es uns dann 1987 tatsächlich, den Elefantenbullen Hussein aus Indien zu importieren. Seitdem hatten wir 24 Elefantengeburten.
Als im vergangenen Jahr zwei Elefantenbabys am Herpes-Virus gestorben sind, wurde die Haltung der Elefanten kritisiert, weil das Herpes-Virus offenbar durch großen Stress ausgelöst wird. Was sagen Sie dazu?
Kritik am Tierpark sind wir gewohnt. In unserer Gesellschaft darf ja jeder Kritik äußern, egal, ob er Sachverstand hat oder sich überhaupt mit der Materie beschäftigt hat. Ob Herpes durch Stress ausgelöst wird, wissen wir nicht genau. Mit Sicherheit weiß ich aber, dass die Tiere nicht unter Stress leiden, weil sie bei uns im Tierpark leben.
Waren Sie mal in Afrika, wo Tierpark-Tiere in freier Natur leben?
Ich war mehrfach in Afrika, auch weil meine Tochter und ihr Mann dort einige Jahre gelebt haben. Auf den Safaris, die ich erlebt habe, war es schon beeindruckend, die Tiere in freier Wildbahn zu sehen. Am faszinierendsten fand ich die unglaubliche Stille. Der Begriff „dröhnende Stille“ ist mir dabei in den Sinn gekommen.
Hat der Tierpark Hagenbeck auch in Zukunft eine Zukunft?
Die letzten 160 Jahre haben wir überstanden, dann gucken wir doch mal optimistisch auf die nächsten 160 (lacht). Im Gegenteil: Die Bedeutung von Zoos wächst sogar noch – nicht nur als Bewahrer von Tieren, um sie vor der Ausrottung durch den Menschen zu retten. Es hat ja längst nicht jeder die Möglichkeit, sich die Tiere in freier Natur in Afrika anzusehen. Die meisten Menschen, auch hier im Norden, können sich das nicht leisten. Hier im Tierpark können sie erleben, wie groß ein Löwe ist oder wie hoch eine Giraffe ist.
Welches Talent, welche Sehnsucht von Ihnen ist durch die Familien-Disziplin in Stellingen für Sie zu kurz gekommen?
Nichts. Wissen Sie, ich habe bisher ein tolles Leben gehabt. Ich musste nie hungern, habe erlebt, wie mein Vater den Tierpark aus den Trümmern des Krieges wieder aufgebaut hat, hier meine Jugend verbracht, den Tierwärtern bei der Arbeit geholfen und ausgebüxte Rhesus-Affen mit einem Kescher wieder eingefangen. Und auch mein Hobby Oldtimer-Autos konnte ich immer ausleben. Insofern ist in meinem Leben nichts auf der Strecke geblieben.
Sie werden als Hanseat von Abstammung wie von Habitus bezeichnet. Was macht denn einen Hanseaten aus?
Ein Hanseat zeichnet sich dadurch aus, dass er ehrlich, pünktlich, verlässlich ist. Mit einem echten Hanseaten können Sie ein Geschäft auch heute noch per Handschlag besiegeln.
Sie sind Hamburger und der Tierpark braucht Hamburg. Ist die Stadt auf einem guten Weg?
Ja, ich denke schon. Wir werden gut regiert. Ob Hamburg wirklich auf einem guten Weg ist, werden wir aber endgültig erst in 20 Jahren wissen.
Was muss besser werden?
Es muss immer irgendetwas besser oder anders werden. Mich ärgern die parteipolitischen Spielchen. Wenn die Regierung A sagt, sagt die Opposition immer B, egal, wie sie inhaltlich zu einer Sache steht. Das finde ich frustrierend.
Sie sind 77 Jahre jung und die Dinge verändern sich immer schneller. Trauern Sie manchmal alten Zeiten hinterher?
Nein, aber ich erinnere mich manchmal daran, dass wir als Kinder, wenn wir im Tierpark spielten, den Gong, der zum Essen rief, auf der gegenüberliegenden Parkseite hören konnten. Das wäre bei dem dauerhaften Geräuschpegel, den wir heute haben, nicht mehr möglich. Das hat sich geändert, aber nachtrauern muss man dem nicht.
Was möchten Sie Ihren sechs Enkelkindern für deren Leben mit auf den Weg geben?
Dass sie authentisch bleiben und das tun, was ihnen Spaß macht. Wer widerwillig zur Arbeit geht, hat den falschen Beruf. Die hanseatischen Tugenden sind wichtig: authentisch, ehrlich und zuverlässig sein.
Haben Sie Haustiere?
Wir hatten einen Dackel namens Fiete und meine Frau behauptete, er konnte sprechen (lacht). Er war ein goldiger Dackel. Heute haben wir keinen eigenen Hund mehr, nehmen aber gern die Hunde unserer beiden Töchter, wenn die im Urlaub sind.
Ich fühle mich am wohlsten . . . wenn ich etwas mit meiner Hände Arbeit geschaffen und nicht nur Schriftsätze gelesen habe.
Eine Stärke von mir ist . . . zupackend zu sein. Fix oder nix, hat mein Urgroßvater immer gesagt.
Eine Schwäche von mir ist . . . sehr ordnungsliebend, fast pedantisch zu sein. Ich kann auch nichts wegwerfen.
Familie . . . ist alles.
Glück . . . muss man haben.
Alter . . . der Herbst hat auch noch schöne Tage.
Geld . . . beruhigt.
Disziplin . . . ist wichtig in jeder Beziehung.
Mein Lieblingsplatz in Hamburg . . . ist der Tierpark.
Wenn Sie ein Tier wären . . . möchte ich Dackel bei Familie Hagenbeck sein.
Dr. Carl Claus Hagenbeck, geboren am 1.11.1941, studierte von 1962 bis 1967 Veterinärmedizin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. 1970 trat er in die Firma Carl Hagenbeck als Prokurist und Tierarzt ein. 1970/71 begleitete er die Anfänge des Delfinariums. 1977, nach dem Tode seines Vaters Carl Heinrich Hagenbeck, wurde er Juniorchef und Mitinhaber (geschäftsführender Gesellschafter) in der Firma Carl Hagenbeck oHG. Carl Claus Hagenbeck leitete den Tierpark von 1982 bis 2015 (mit einer Unterbrechung im Jahr 2004). Noch heute ist er Geschäftsführer der Carl Hagenbeck GmbH, die den Tierpark an die gemeinnützige Gesellschaft verpachtet, die von seiner Tochter Bettina und deren Cousine Friederike Hagenbeck geführt wird. Carl Claus Hagenbeck ist seit 1966 verheiratet mit Rosita Hagenbeck (geb. Bischoff), hat zwei Töchter Julia (geboren 1967) und Bettina (geboren 1971) sowie sechs Enkelkinder. In sechster Generation könnte der Tierpark später einmal von Bettinas Sohn, Carl Friedrich Hagenbeck, geleitet werden. Er möchte Veterinärmedizin studieren.