Ewald Lienen: Links schlägt sein Herz
Fußball ist das Leben von Ewald Lienen - er kennt ihn von innen und kritisiert das Profigeschäft gerade deswegen. Auch in seiner Biografie „Ich war schon immer ein Rebell“. Das Foto zeigt ihn 1985 im Duell mit Sparta Rotterdams Louis van Gaal (Mitte, l). Foto: dpa (Archiv)
Ewald Lienen hat eine Biografie vorgelegt, die den Blick auf das Innenleben des Profifußballs freilegt, seziert von einem Profi, der alle Höhen und Tiefen des Geschäfts erlebt hat. Dieses und weitere Bücher in der TAGEBLATT-Buchkritik.
„Es ist unser Fußball. Nicht der Fußball von Investoren, nicht der Fußball einiger Superstars, die mit unvorstellbaren Jahresgehältern bedacht werden. Nicht der Fußball inkompetenter und nicht weniger korrupter Funktionäre und nationalen Verbänden oder internationalen Organisationen“ – das schreibt einer, der den Fußball von innen kennt, dessen Leben der Fußball ist und der gerade deswegen zu den Kritikern gehört. Ewald Lienen, Spieler, Trainer und derzeit TV-Experte und Außenminister des FC St. Pauli.
1979 gewann Lienen mit Borussia Mönchengladbach den UEFA-Cup, sein vermeintlich größter Erfolg in der Fußball-Statistik. Aber: „Für mich zählen die Menschen, mit denen ich im Leben und im Beruf zu tun habe, nicht die Erfolge oder der Name eines Klubs.“ Deswegen sei ihm der Umgang mit den Mitstreitern immer wichtiger gewesen als der reine Erfolg. Früher verweigerte Lienen Autogramme. „Meine Unterschrift ist nicht mehr wert als deine. Im Zirkus von Brot und Spielen trete ich nicht als autogrammschreibender Held auf“, beschied er einst. Das hat sich geändert, bei der Vorstellung in Köln schrieb er bis tief in die Nacht Widmungen in sein Buch. Lippenbekenntnisse eines selbsternannten Rebells?
Die Antwort liefert der Fußballer auf 432 Seiten, die er zusammen mit seiner Frau Rosa geschrieben hat. Die beiden haben sich in noch vor Lienens Fußball-Karriere kennengelernt, als Rosa als Erzieherin in Bielefeld behinderte Kinder betreut hat. Ewald Lienen absolvierte damals seinen Zivildienst. Es war die Zeit, als er sich politisch engagierte. Lienen war von Anfang an immer der ganz andere Profi, der Linksaußen, der Querdenker. Lienen stritt einst mit der Friedensinitiative gegen Aufrüstung, heute ist er der große Mahner gegen die rigorose Kommerzialisierung des Fußballs mit Exzessen bei Gehältern und Transfers: „Wir sind dabei, den Fußball zu überhöhen, die aktuelle Entwicklung ist gefährlich.“
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Freilich: Damit auch der letzte begreift, dass der Systemkritiker gleichzeitig ein Fan ist, heißt das Buch im Untertitel: „Mein Leben mit dem Fußball.“ Lienen liebt dieses Spiel, seine Schönheit, seine Spannung, das Unvorhersehbare, die Zusammenarbeit einer Mannschaft, die Identifikation der Fans, spektakuläre Einzelaktionen – alle die Komponenten, die das Spiel so attraktiv machen, egal, ob in Teneriffa, in Bielefeld oder in Griechenland.
Es spricht für die Ehrlichkeit seiner Schreibe, dass die spektakulärste Szene des Ewald Lienen erst spät benannt wird. Vielen, auch denen, die es nur im Fernsehen sahen, geht das nie aus dem Kopf. Im August 1981 spielt die Arminia bei Werder Bremen. Lienens Gegenspieler war Rechtsverteidiger Norbert Siegmann, der während des Spiels von Werder-Trainer Otto Rehhagel an die Außenlinie beordert wurde. Dann knallte Rehhagels Faust in die Hand. Siegmann setzte wenig später eine üble Grätsche an, seine Stollen graben sich 25 Zentimeter lang und tief bis zum Muskel in Lienens Oberschenkel. Es ist noch heute das hässliche Bild der Bundesliga. Lienen hob die Faust und rannte mit offener Wunde zur Trainerbank, um Rehhagel als Provokateur zu beschimpfen. Es hat Jahre gedauert, bis sich alle Beteiligten wieder vertragen haben.
333 Spiele absolvierte Lienen in der Bundesliga, mit 38 Jahren hörte er beim MSV Duisburg auf und wurde Trainer in Deutschland, Spanien, Griechenland und Rumänien. Letzte Station war der FC St. Pauli, hier ist er jetzt offiziell „Technischer Direktor“, eine Art Markenbotschafter, bei dem Verein, von dem er sagt: „Hier werden Werte gelebt, die auch meine Werte sind.“ Grundtugenden sind ihm wichtig: Es sind Prinzipien wie Fairness, Integrität und Ehrlichkeit, wie Toleranz und Respekt vor der Würde des Menschen, wie Geduld, Beharrlichkeit, Dankbarkeit und Demut. Ewald Lienens Buch ist ein Buch über einen Protagonisten des Fußballs – es ist aber vor allem ein Sittengemälde der Fußballwelt und damit auch unserer Gesellschaft. Geschrieben von einem, der auch mit 65 noch rebellisch sein kann. Wenn er Ungerechtigkeit empfindet.
Ewald Lienen: „Ich war schon immer ein Rebell“. Piper 2019, 432 Seiten, Hardcover. ISBN: 978-3-492-05947-3, 22 Euro.
Eine Buchkritik von Karsten Wisser
Art Keller macht wieder Jagd auf die Bösen. Dass diese nicht ausschließlich aufseiten der mexikanischen Drogenkartelle zu finden sind, ist eine wesentliche Erkenntnis des letzten Teils der Kartell-Trilogie. Korruption und Einschüchterung funktionieren überall. Das Ende der Saga des US-amerikanischen Autors Don Winslow (55) erfüllt die Erwartung, die seine beiden Vorgänger, „Tage der Toten“ und „Das Kartell“, geweckt haben, zu 100 Prozent.
In seinem 1000 Seiten starken Thriller erzählt Winslow die Geschichte seines Helden Art Keller konsequent weiter. Winslows Kartell-Saga beschreibt den Irrsinn des mexikanischen Bandenkriegs und den der US-Politik. Winslows Qualität ist es, aus den vielen kleinen Details und Einzelschicksalen in einem nachrichtlichen Schreibstil die ganze grausame Realität zu beschreiben und zu erklären. Winslows Protagonisten sind genauso die führenden Köpfe der Drogenkartelle wie der Flüchtlingsjunge aus Guatemala, der in New York wieder auf die Banden stößt, die seine Flucht ausgelöst haben.
In der Realität fordert der Krieg gegen die Drogenkartelle und die Bandenkriege in Mexiko 20 000 Tote pro Jahr – ohne dass eine von außen wahrnehmbare Verbesserung der Lage in dem latein-amerikanischen Land erzielt wird oder weniger Drogen in die USA gelangen.
Die Zahl der Drogentoten in den Staaten explodierte in den vergangenen Jahren. Über 70 000 Menschen starben dort an Überdosen. Diese Spirale des Schreckens aufzudecken – obwohl die handelnden Personen bei Winslow fiktiv sind, ist die große Stärke des Autors.
Die Jahre des Jägers sind allerdings politischer als seine beiden Vorgänger-Werke und das abschließende Buch beschäftigt sich auch mit den Strukturen in den USA. Wer mit dem fiktiven und TV-geschulten US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten gemeint ist, versteht sich von selbst. Don Winslow kritisiert Donald Trump öffentlich massiv.„Auf beiden Seiten der Grenze regieren jetzt brutale, dumme Männer“, sagt Art Keller am Ende der Trilogie.
Don Winslow: „Jahre des Jägers. Droemer 2019, 991 Seiten, Hardcover. Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösch. ISBN: 978-3-426-28219-9, 26 Euro
Eine Buchkritik von Sabine Lepél
Das letzte Mal, das ich etwas Autobiografisches von einer mächtigen US-amerikanischen Frau gelesen habe, liegt lange zurück. Es war ein Buch von Hillary Clinton und es war schrecklich: Alles super bei den Clintons! Michelle Obama nennt ihr Buch „Becoming. Meine Geschichte“. Weil wir alle nicht einfach irgendjemand sind, sondern wir „werden“. Niemand kommt als First Lady auf die Welt.
Die Frau des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama teilt ihr Buch in drei Kapitel auf: „Becoming Me – Ich werden“, Becoming Us – Wir werden“ und „Becoming More – Mehr werden“. Darin beschreibt sie die kleine Michelle Robinson aus der South Side in Chicago, die sich mit ihrem Bruder ein Zimmer teilt und von ihren Eltern in bescheidenen Verhältnissen zu einer selbstbewussten jungen schwarzen Frau erzogen wird – lernwillig und ehrgeizig. Schon früh erlebt sie, wie es sich anfühlt, die einzige weibliche Person mit dunkler Hautfarbe im Raum zu sein. Als Anwältin macht sie Karriere in einer großen Kanzlei und lernt dort den Jurastudenten Barack kennen – den Mann, der ihre eigenen Pläne auf den Kopf stellen wird.
Michelle Obama berichtet von ihren Zweifeln, von den Schwierigkeiten, Berufs- und Familienleben unter einen Hut zu bringen, vom schlechten Gewissen einer Mutter und dem Fremdeln mit der politischen Karriere ihres Mannes. Michelle Obama nimmt den Leser mit in ihre Privatgemächer im Weißen Haus, zeigt uns Momente der Trauer und der reinen Lebensfreude und lässt uns dabei tief in ihre Seele blicken. Es ist ein politisches Buch: Mit dem ersten schwarzen Präsidenten und der ersten schwarzen First Lady in der Geschichte der USA durften wir von einer besseren Welt träumen. Das moderne coole Paar lässt seinen teiggesichtigen Nachfolger nur noch viel blasser aussehen.
Michelle Obama: „Becoming. Meine Geschichte“. Goldmann Verlag 2018, 544 Seiten, Hardcover, 16-seitiger Bildteil in Farbe. ISBN: 978-3-442-31487-4, 26 Euro.