Fährhaus Kirschenland: Wilhelm Stubbe sucht Nachfolger
Das 1908 erbaute Fährhaus Kirschenland um,1950; hinten links ist noch der alte Fähranleger zu erkennen.Foto Altländer Archiv
Das Fährhaus Kirschenland steht zum Verkauf: Diese Nachricht hat im Alten Land und darüber hinaus schon die Runde gemacht. Für 950 000 Euro wird das Traditionsgasthaus gleich hinter dem Elbdeich in Jork-Wisch angeboten.
Aber auf den Preis komme es ihm gar nicht so an, sagt Kirschenland-Chef Wilhelm Stubbe: „Ich suche nämlich keinen Käufer, sondern einen Nachfolger.“ Der 79-jährige Wilhelm Stubbe hat mittlerweile eine Menge Nachfahren. Auf deren akademische und berufliche Entwicklung ist er sichtlich stolz. Aber keines seiner Kinder und keines der acht Enkelkinder will das Fährhaus Kirschenland übernehmen. Er selbst arbeitet dort „täglich 15 Stunden, weniger sind es nicht, aber in den letzten Jahren halte ich ein Mittagsschläfchen.“
Auch seine acht Jahre jüngere Schwester Erna, „sie ist die gute Seele des Hauses“, zeige noch keine Ermüdungserscheinungen. „Aber wir können das biologische Gesetz trotzdem nicht außer Kraft setzen“, sagt Wilhelm Stubbe und zuckt die Schultern. Deshalb habe er sich dem Zureden seiner Kinder schließlich gebeugt und eine Maklerfirma mit dem Verkauf des Traditionsgasthauses beauftragt.
„Wir hätten an Becker Marine Systems verkaufen können, aber die waren vor allem an dem Land für den Bau ihrer Fährlinie interessiert und wollten das Kirschenland nur als Büro nutzen“, sagt Stubbe. Unter Denkmalschutz stehe das 1908 erbaute Haus übrigens nicht. Es sei aber in gutem Zustand, versichert er: frei von Wurm und Holzbock, gute Bausubstanz, 2002 nach modernen Brandschutzmaßnahmen rundumüberholt. Nun wolle er in aller Ruhe einen Nachfolger suchen, der das Kirschenland im gleichen Stil weiterführt: „Nach den Bedürfnissen der Region.“
Neulich, berichtet Stubbe, hat ein Paar bei ihm die Eiserne Hochzeit gefeiert. Vorher waren die beiden schon zur Diamantenen, zur Goldenen, zur Rubin-, zur Silber- und natürlich zur allerersten, der grünen Hochzeit, mit ihrer Festgesellschaft im Kirschenland. Dies sind zwar schon ganz besonders gute Kunden, aber im Alten Land ist es ohnehin nicht ungewöhnlich, dass viele wichtige Lebensereignisse von einer Feier bei Stubbe begleitet werden. Schulabschluss- und Feuerwehrbälle, Landfrauen- und Chortreffen, Firmenweihnachtsfeiern und Obstbautagungen: alles bei Stubbe.
Ein Team von 40 Festangestellten und Aushilfen sorgt dafür, dass bei solchem Betrieb alles gut läuft. Das spezielle Erfolgsrezept erklärt Wilhelm Stubbe so: „Freundlichkeit und gute Laune sind das beste Kapital und bringen die meisten Zinsen, das hat mir mein Großvater beigebracht.“ Der hieß wie er, war auch Gastwirt und betrieb seit 1899 ein Gasthaus in Westerjork, das später „Altländer Keglerheim“ genannt wurde. Sein Sohn, ebenfalls ein Wilhelm Stubbe, führt den Betrieb weiter und heiratet 1936 Luise Schlichting, die damals im Fährhaus Kirschenland eine Kochlehre absolviert. 1937 wird Wilhelm Stubbe ihnen als erstes von vier Kindern geboren. Schon früh bleibt die Mutter mit ihnen allein, der Vater wird Soldat. Seine Spur verliert sich in den Wirren des Kriegsendes 1945 in der Tschechoslowakischen Republik.
Als im elterlichen Gasthaus Flüchtlinge einquartiert werden, ist auch eine Klavierlehrerin aus Ostpreußen dabei. Auf einem Klavier im Saal darf sie unterrichten – und das Gasthaus wird bald zur Musikschule für 30, 40 Kinder aus Jork, zu denen auch die Stubbe-Kinder gehören. Später werden Wilhelm Stubbe und sein Bruder Richard vom Rektor der Mittelschule weiter unterrichtet. Stubbe spielt bis heute gern – zu Hause, auf einem Bechstein-Flügel aus den 30er Jahren, den seine Mutter einst von der früheren Kirschenland-Wirtin übernahm.
„Aber als junge Leute fanden wir das Akkordeon viel flotter“, erinnert sich Wilhelm Stubbe. Flott war auch die Musikbox, die 1955 in Westerjork angeschafft wurde – als erste weit und breit. „Das zog die jungen Leute in Scharen an, und auch wir Geschwister haben dort jeden Sonnabend bis morgens um fünf getanzt.“ Einen Porsche kaufte sich Wilhelm Stubbe 1957: Er hatte 15 PS, war knallrot und ein Traktor. Damit konnte der Bierverlag, den die Familie betrieb, ausgebaut werden. Wilhelm Stubbe hatte Bier und Brause jahrelang mit dem Pferdewagen ausgefahren. Den florierenden Getränkehandel mit 33 Lastwagen und 80 Mitarbeitern verkaufte die Familie 1985 an die Firma Nestlé.
Damals gehörte das Fährhaus Kirschenland längst Wilhelm Stubbe. Jahrelang hatte er dort schon als Aushilfe gearbeitet, als er es 1967 erwarb. 1973 beschloss er, den Gaststättenbetrieb einzustellen und sich nur noch auf Gesellschaften zu konzentrieren. Offenbar war das genau die richtige Entscheidung: Schon jetzt gibt es 180 Buchungen für das Jahr 2017 und 18 für 2018.
Gesellschaften finden im Kirschenland einen würdigen Rahmen – das ist nicht nur im Alten Land bekannt. Foto Kock
In der NS-Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg floriert das Kirschenland, als ganze Ortsgruppen der NSDAP hier feiern. Foto Archiv
Hat einen Nachfolger gefunden: Wilhelm Stubbe.