TFamilie nach 20 Jahren vereint: Lena spürt Opa und Vater auf
Ein emotionales Familienglück: Dieter Stelljes (Mitte) mit Sohn Arne und Enkelin Lena R. beim ersten Wiedersehen nach 20 Jahren Foto: Polgesek
Nach Jahrzehnten ohne Kontakt zu ihrer Familie findet Lena eine Todesanzeige und einen Zeitungsbericht. Es kommt zu einem bewegenden Wiedersehen.
Loxtedt. Jedes Jahr an ihrem Geburtstag, dem 14. Dezember, sitzen Vater und Sohn in Bexhövede zusammen und denken an Lena. „Was Lena wohl macht?“, fragt Arne Stelljes seinen Vater Dieter. Seit das Mädchen von den Pflegeeltern in Kiel adoptiert wurde, haben sie keinen Kontakt mehr zueinander. Das Gefühl des Vermissens hat nie aufgehört. 20 Jahre haben Vater und Sohn das Mädchen nicht gesehen - aus ihr ist längst eine gestandene Frau geworden.
Auch Lena R. treibt die Suche nach ihrer leiblichen Familie um. Immer mal wieder kommt der Wunsch auf, ihren Opa und ihren Vater wiederzusehen. Doch mehr als ihren Namen und einen Wohnort in der Nähe Bremerhavens weiß sie nicht. Zwei CDs erinnern sie über all die Jahre an den Opa. Er hat früher im Gospelchor „Church People“ gesungen.
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Erste Suche im Internet liefert eine Todesanzeige und einen Zeitungsbericht
Ihre Adoptiveltern weiht sie in die Nachforschungen erst mal nicht ein. Im Internet wird sie schnell fündig. Die Suchmaschine wirft zwei Treffer aus, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Eine Todesanzeige von 2020. Der namensgleiche Mann wohnte im gleichen Ort.
„Wir kannten uns sogar, weil öfters mal die Post falsch zugestellt wurde“, erzählt der 80-Jährige. Die entscheidende Spur legt ein Bericht aus der „Nordsee-Zeitung“. Am 31. Mai 2023 wurde dort über den aktiven Rentner berichtet. Nach dem Tod seiner Frau hat er das Pilgern für sich entdeckt. Daraus ist eine Leidenschaft geworden.

Dieter Stelljes’ Pilgerreise bringt mehr als nur Erkenntnis – sie führt zur Wiedervereinigung mit seiner Enkelin Foto: Polgesek
Redaktion stellt Kontakt zwischen Enkelin und Opa her
„Das könnte er sein“, meint Lena R. Er habe sich kaum verändert. Von dem Bericht im Internet ermutigt, schreibt sie an die Redaktion. Schnell gibt es einen konkreten Anhaltspunkt: Es handelt sich um die Pilger-Geschichte von Dieter Stelljes.
Auf die Frage der Redaktion, ob er wohl eine Enkelin habe, tritt kurzes Schweigen ein. Und dann ein lang gezogenes „Jaaaaa.“ Im Alter von sieben, acht Jahren habe er das Mädchen zuletzt gesehen. Danach wurde sie adoptiert und der Kontakt brach ab.
Lena R. macht sich Vorwürfe, schuld am Kontaktabbruch zu sein
Der Tod seiner Frau vor 14 Jahren ist noch mal ein Anlass, miteinander in Kontakt zu kommen, aber es gibt keine Reaktion. Er resigniert.
Aus der Perspektive der Enkelin stellt sich die Geschichte ganz anders dar. Sie fühlt sich schuldig. „Ich hatte keine Lust, als es hieß, die Großeltern würden gern mal einen Tag mit mir Zeit verbringen“, erzählt sie.
Sie waren extra nach Kiel gekommen, mit ihrem Sohn Arne, um die Enkelin wiederzusehen. Doch für das Mädchen waren sie fremd, sie traute sich nicht. Danach denkt Lena, die Großeltern seien aus Enttäuschung nie wiedergekommen.

Vor zwei Jahren berichtet Dieter Stelljes von seinen Wanderungen auf den Jakobswegen. Foto: Gallas
Viele Jahre sind seither vergangen. Es braucht auf den letzten Metern noch ein bisschen Anlauf, bis sich Opa und Enkelin tatsächlich wiedersehen. „Ich war aufgeregt, als ich ihn angerufen habe“, sagt die 28-jährige Enkelin beim persönlichen Treffen im Wintergarten.
„Wie er wohl reagieren würde?“, fragte sie sich. Doch die Zweifel sind schnell weggewischt. „Ich hege keinen Groll“, sagt Stelljes. Die Freude ist groß. Schon wenige Tage später setzt sie sich in den Zug.
Neues Auto bringt den Opa am Tag des Wiedersehens ins Schwitzen
„Ich bin ganz schön ins Schwitzen gekommen“, erzählt Dieter Stelljes. Er war noch nicht geübt mit der Handhabung des frisch angelieferten E-Autos. Der Händler konnte am Telefon schnell helfen, sodass er es noch pünktlich ans Gleis geschafft hat. „Ich habe ihr Gesicht sofort wiedererkannt“, erzählt er Stunden später noch sichtlich gerührt. Sein Sohn Arne war natürlich auch dabei. Am Auto überreichte er seiner Tochter stolz eine rote Rose.

Arne Stelljes und Tochter Lena genießen ihr Wiedersehen nach vielen Jahren. Foto: Polgesek
Doch warum ist Lena überhaupt in eine fremde Familie gekommen? Ihre leiblichen Eltern seien beide nicht in der Lage gewesen, so Stelljes, sich um eigenen Nachwuchs zu kümmern.
Lenas Mutter habe eine schwere Behinderung, erklärt Stelljes. Sein Sohn Arne hat auch eine Behinderung. Er war bis vor zehn Jahren sein Betreuer. „Wir haben erst von Lena erfahren, als sie schon auf der Welt war“, erzählt ihr Opa. Das erste Mal haben sich Vater und Tochter gesehen, als Lena schon im Kindergartenalter war.
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Eine wichtige Botschaft hört Lena R. beim Wiedersehen
Als Lena nun hört, wie es für die Familie ihres Vaters war, ist es eine große Erleichterung. „Ich kann dafür besser Verständnis haben, dass sie sich nicht um mich kümmern konnten“, sagt sie, „als wenn ich nicht gewollt gewesen wäre.“ Mit Nachdruck sagt ihr Opa, den sie noch nicht Opa nennt, sondern vorsichtig mit Dieter anspricht: „Du bist kein abgelehntes Kind.“