Fesselndes Dialogstück über Schuld
Szene mit Harald Weiler als der Fremde und Traudel Sperber als Flughafenmitarbeiterin. Oliver Fantitsch
Wer am Mittwochabend auf der Halepaghen-Bühne „Das Urteil“ von Paul Hengge gesehen hat, geriet in den Bann eines starken Dialogtheaters, in dessen Mittelpunkt die Frage nach Schuld und die Bewertung von Schuld steht.
„Das Urteil“, ein zutiefst menschliches Stück, lässt niemanden unberührt. Im Saal konnte man am Mittwoch zeitweise Stecknadeln fallen hören, und nach zwei Stunden verabschiedete ein spürbar bewegtes Publikum die fantastischen Mimen von der Nordtour Theater Medien GmbH mit Bravos und rhythmischem Applaus in den Abend.
In dem packenden Kammerspiel, dessen Handlungsstränge und Beweggründe der handelnden Figuren sich dem Betrachter nach und nach erschließen, hat Regisseurin Ayla Yeginer ganz auf die Kraft ihrer herausragenden Hauptdarsteller gesetzt – auf Erik Schäffler in der Rolle des jüdischen Antiquars Siegfried Rabinovicz und auf Harald Weiler in der Rolle des geheimnisvollen Fremden. Auch Traudel Sperber, die als Flughafenmitarbeiterin durch das funktionale Bühnenbild von Telsa Hand huscht, vermittelt und verstärkt das Gefühl einer aufgeladenen Atmosphäre.
Der in den Staaten lebende Siegfried Rabinovicz, der in Hamburg als entscheidender Zeuge in einem Mordprozess aussagen soll, in dem ein deutscher Verleger auf der Anklagebank sitzt, lässt sich bei seiner Zwischenlandung in New York auf einen Deal ein. Wenn er seinen Platz in der Anschlussmaschine einem anderen Reisenden, der es sehr eilig hat, überlässt, so heißt es, wird ihm ein First-Class-Ticket für den nächsten Flieger und eine seltene Ausgabe der Haggada zum Geschenk gemacht. Siegfried Rabinovicz kann nicht widerstehen, ist diese kostbare religiöse Schrift, die die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei zum Inhalt hat, für einen Juden doch von unschätzbarem Wert, ist für ihn Erzählung und Handlungsanweisung zugleich. Auf welches doppelbödige Spiel er sich einlässt, ahnt der Antiquar nicht, der mittels einer perfide eingefädelten Intrige systematisch verunsichert werden soll.
Als Überlebender des Holocaust könne er dem deutschen Angeklagten, der zudem ein früherer Offizier der Wehrmacht ist, doch gar nicht vorurteilsfrei gegenübertreten, wirft ihm ein Fremder vor, der ihn in der Lounge scheinbar zufällig in ein Gespräch verwickelt – in ein Gespräch von zunehmendem Verhör-Format. Siegfried Rabinovicz, der felsenfest davon überzeugt ist, den Täter nicht nur gehört, sondern auch gesehen zu haben, gerät durch die von seinem Gegenüber ebenso unerbittlich wie plausibel formulierten Zweifel an seiner Wahrnehmung mehr und mehr ins Wanken und streckt angesichts der sich gebetsmühlenartig wiederholenden Unterstellung, er, der Jude, würde aus lauter Ressentiments einen Unschuldigen ins Gefängnis bringen, die Waffen. Von der ersten bis zur letzten Minute fesselnd, liefern sich die beiden Männer einen schweißtreibenden Marathon nach Worten und nehmen ihr Publikum dabei mit. In dem Schauspiel verschmelzen Wahrheit, Wahrnehmung und Täuschung zu einem komplexen, an den Nerven zerrenden Gefüge. Das war großartig. Und es war genau so, wie Intendant Christian Seeler es am früheren Abend in seinem „Vorspiel“ zitiert hat: „Diese Geschichte ist ein verdecktes Verhör, ist bis zum verstörenden Showdown ein unsichtbares Tribunal, vor das jeder Mensch gerufen werden könnte. Diese Geschichte ist ein Tunnel in die Finsternis der deutschen Vergangenheit, an dessen Ende jedoch Licht leuchtet, und sie ist die Zeugung einer Wahlverwandtschaft zwischen zwei Männern in den wilden Reden einer Nacht.“
Christian Seeler und Erik Schäffler.
Dass Christian Seeler selbst zur Zunft der Schauspieler gehört, kann der sympathische Hamburger nicht verhehlen, der am Mittwochabend im „Vorspiel“ mit dem Schauspiel bekannt macht, für das sich wenig später auf der Halepaghen-Bühne der Vorhang hebt. Das Publikum erwartet heute „Das Urteil“ aus der Feder des österreichischen Dramatikers Paul Hengee, ein Stück, das die Frage nach Schuld und nach der Bewertung von Schuld stellt, zu sehen in einer Produktion des Theaters Kontraste im Winterhuder Fährhaus, mit der das Ensemble der Nordtour Theater Medien GmbH unterwegs ist. Christian Seeler, den viele vor allem auch als langjährigen Intendanten des Ohnsorg Theaters kennen, ist der eloquente Agenturchef der Tourneebühne, der in Sachen „Urteil“ Parallelen zum amerikanischen Filmklassiker „Die zwölf Geschworenen“ zieht. „Was Sie gleich sehen werden, ist kein einfacher Krimi. Es ist ein Stück mit doppeltem Boden, das auch zeigt, wie sehr die Vergangenheit in die Gegenwart greift. Es geht um die deutsche Geschichte, um das Leid der Juden und um den möglicherweise verstellten Blick auf einen Verdächtigen“, sagt der Theatermann und ergänzt: „Es ist ein packendes Kammerspiel, das niemanden unberührt lässt.“
Inzwischen hat sich der Schauspieler Erik Schäffler, der gleich auf der Bühne in der Rolle des jüdischen Antiquars Siegfried Rabinovicz zu erleben sein wird, unter die vielen Besucher und Besucherinnen des „Vorspiels“ gemischt. Dem Publikum bereiten Christian Seelers humorige und pointiere Ausführungen über den Alltag eines Tourneetheaters und über die Schauspielerei an sich und im Besonderen sichtliches Vergnügen, und Erik Schäffler kann nur schmunzelnd zustimmen. „Der Vorlauf für eine Tournee dauert zweineinhalb bis drei Jahre, denn das Angebot auf dem Markt ist riesig, und wenn man dann erst einmal unterwegs ist, kann vieles passieren“, weiß der Agenturchef aus Erfahrung. „Jeden Abend eine neue Bühne und andere technische Voraussetzungen, jeden Abend ein neues Publikum und manchmal den ganzen Tag über eng mit den Kollegen zusammen, wenn da mal ein Rädchen irgendwo hakt, ist das zu spüren.“ Christian Seeler wäre nicht Ohnsorg-Chef, würde er nicht in die Erinnerungskiste greifen und köstliche Döntjes und Geschichten von der renommierten Volksbühne zum Besten geben. Unter anderem die mit dem unvergessenen Publikumsliebling Henry Vahl, der im hohen Alter massive Textprobleme hatte und ohne Souffleuse verloren gewesen wäre. „Es gab da mal eine Frau Acker“, erzählt der Intendant im munteren Plauderton, „die war stets auf Zack. Nur einmal nicht. Aber der schlaue Henry, der einen seiner Hänger hatte, wusste sich zu helfen, stand auf und sagte zu seinem Kollegen: Lange nix von der Frau Acker gehört...“
Amüsiert und gut informiert verlassen die Besucher das „Vorspiel“ und machen sich auf den Weg in Richtung Theatersaal, in dem ein ganz anderes und weitaus dramatischeres Szenario auf sie wartet. (hag)
Christian Seeler und Erik Schäffler.