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Feuerlöscher-Pulver wird zu Dünger

In dieser Halle im Gewerbegebiet Weißenfelde läuft die Produktion von LRD (von links): die Mitarbeiter Stefan Zörner, Mohammed Ahmad, Hamad-Nil Adam, Wladimir Hoffmann, Toni Remm, Heini Deden, Danny Drechsler und ihr Chef Gerhard Naujoks. F

In dieser Halle im Gewerbegebiet Weißenfelde läuft die Produktion von LRD (von links): die Mitarbeiter Stefan Zörner, Mohammed Ahmad, Hamad-Nil Adam, Wladimir Hoffmann, Toni Remm, Heini Deden, Danny Drechsler und ihr Chef Gerhard Naujoks. F

Aus ungeliebtem Sondermüll werden hochwertige Rohstoffe: Geschäftsmann Gerhard Naujoks recycelt mit seiner Firma LRD im Flecken Harsefeld den Inhalt von Feuerlöschern. Das Pulver dient nach einer aufwendigen Behandlung als Grundlage für die Produktion von Dünger. 

Von Daniel Beneke Mittwoch, 31.05.2017, 10:00 Uhr

Dafür hat der Bundesverband Strategieforum die Firma jetzt ausgezeichnet.

Als gelernter Landschaftsgärtner stieg Gerhard Naujoks zunächst nur nebenberuflich in die Brandschutzbranche ein – als Kundendienstvertreter für den Feuerlöscherhersteller Gloria. Vor 17 Jahren entdeckte er bei einem großen Umweltdienstleister zwei Gitterboxen mit alten Feuerlöschern. Weil gerade verschärfte europaweite Richtlinien zur Entsorgung in Kraft getreten waren, durften sie nicht ohne Weiteres auf eine Deponie gebracht werden. Sie müssen zunächst geleert werden, so dass Pulver und Hülle separat entsorgt werden können.

„Natürlich mache ich das“, dachte sich Gerhard Naujoks. Zeitgleich gab es strengere Regeln für die Wartung von Feuerlöschern. Anstatt wie früher nach bis zu 50 Jahren werden die Geräte seither meistens nach spätestens 25 Jahren aussortiert.

Er baute die Garage seiner Eltern aus und hatte schnell unzählige Feuerlöscher auf dem Hof. Die Nachfrage war groß, die Arbeit wurde mehr. Zunächst mit seinem Pkw und einem Anhänger, später mit einem Zwölf-Tonnen-Laster, holte er die Feuerlöscher von Betrieben ab. Die Hüllen der Löscher sind aus Metall, sie wird er problemlos wieder los. Nur wohin mit dem sehr feinen Pulver, das die Deponien nicht annehmen wollen? Der Versuch, das Pulver in einem Kompostierwerk zusammen mit Laub loszuwerden, scheitert. Die winzigen Kügelchen sind mit Silikaten ummantelt. Die Beschichtung ist nicht wasserlöslich. Während die Blätter verrotten, bleibt das Pulver bestehen.

Für den Landschaftsgärtner Gerhard Naujoks war es spannend, die Hauptbestandteile des Löschpulvers – Stickstoff und Phosphat – zu recyceln. Sie sind die Grundlagen von Dünger, wie er etwa an Mais oder Rhododendren gegeben wird. Um die Silikate aufzulösen und an die Rohstoffe zu kommen, nutzt er inzwischen Stoffe aus pflanzlicher Herstellung. Die Zutaten des Gemisches, das er das „Zauberöl von LRD“ nennt, verrät der Unternehmer nicht. Nur so viel: Er beliefert Düngermittelhersteller mit den Rohstoffen. Sein Wunsch ist es, einmal selbst Dünger zu produzieren und in 20-Kilogramm-Säcken in den Handel zu bringen.

Inzwischen ist der zertifizierte Entsorger mit sechs Großraumfahrzeugen europaweit unterwegs, arbeitet im Auftrag von Unternehmen, kommunalen Einrichtungen, Flughäfen und Werkfeuerwehren. Im Industriegebiet Weißenfelde im Flecken Harsefeld landen die Gitterboxen mit den Feuerlöschern, werden von seinen Mitarbeitern per Hand und mit Hilfe einer selbst entwickelten Maschine zerlegt. Mehrere Tausend Löscher landen hier täglich. Auch zwei Flüchtlinge aus dem Sudan sind in dem Betrieb tätig. „Das macht richtig Spaß mit ihnen“, sagt Gerhard Naujoks. 40 Mitarbeiter arbeiten bei LRD. Immer wichtiger wird der Verwaltungsbereich. Die Geschichte jedes einzelnen Feuerlöschers müsse dokumentiert werden, erklärt der Unternehmer.

Nicht nur das Pulver führt er einer neuen Verwendung zu. Löschgase werden bei LRD so aufbereitet, dass sie später wieder in der Luft- und Raumfahrt sowie im Rennsport genutzt werden können. Flüssige Löschmittel, deren Marktanteil stark zunimmt, werden derzeit noch thermisch verwertet. Hier tüftelt Gerhard Naujoks an Möglichkeiten, den hohen Wasseranteil von rund 95 Prozent zu nutzen.

Der Bundesverband Strategieforum zeichnete Gerhard Naujoks für seine kreative Idee und die beharrliche Umsetzung kürzlich mit dem „Deutschen Strategiepreis 2017 für die beste Innovation“ aus. „Er leistet einen bedeutenden Beitrag zum Umwelt- und Naturschutz“, befand die Jury. „Ich bin im richtigen Augenblick an den richtigen Stellen gewesen“, sagt Gerhard Naujoks, der längst an weiteren Entsorgungskonzepten – etwa für Einwegfeuerzeuge – arbeitet.

Aktuell ist er auf der Suche nach einer Hochschule, deren Wissenschaftler ihm dabei helfen, eine Maschine zu entwickeln, die das Restgas aus den weggeschmissenen Feuerzeugen holt. „In mir brodelt es“, beschreibt er seinen Antrieb.

www.lrd-umweltdienste.de

Unternehmer Gerhard Naujoks zeigt Löschmittel aus früheren Zeiten. Im Hintergrund stapeln sich die geleerten Feuerlöscher.

Unternehmer Gerhard Naujoks zeigt Löschmittel aus früheren Zeiten. Im Hintergrund stapeln sich die geleerten Feuerlöscher.

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