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Interview

Franziska Dannheim: „Ich weiß um diesen Moment, in dem man die Oper kacke findet“

Franziska Dannheim singt nicht nur Opern, sondern moderiert ihre Auftritte auch selbst und lässt die Besucher an ihrer Leidenschaft für die Oper teilhaben. Foto: Franziska Dannheim

Franziska Dannheim singt nicht nur Opern, sondern moderiert ihre Auftritte auch selbst und lässt die Besucher an ihrer Leidenschaft für die Oper teilhaben. Foto: Franziska Dannheim

Mit der„Oper légère“ will Franziska Dannheim die Oper in Agathenburg auch einem klassikfremden Publikum näherbringen. Im Gespräch mit dem TAGEBLATT verrät die Sängerin, wie sie die „Großraumüberforderung“ in einen bekömmlichen Musikabend verwandelt.

Von Sven Husung Montag, 24.06.2019, 20:00 Uhr

Gemeinsam mit der Pianistin Jeong-Min Kim produziert Franziska Dannheim seit zwölf Jahren ein Stück pro Jahr – die Vorpremiere von „Romeo und Julia“ führt das Duo am Sonntag, 30. Juni, ab 18 Uhr am Schloss Agathenburg unter freiem Himmel auf. Das TAGEBLATT hat mit der gebürtigen Schwäbin über den Reiz der Oper, Melodien aus der Pizzawerbung und die richtige Kleidung für ihren Auftritt im Ehrenhof gesprochen.

Franziska Dannheim: Ja, gerade für dieses Publikum sind wir die Richtigen. Mit dem Format erzählen wir eine Oper mit nur einer Stimme und einem Piano. Es läuft also zwangsläufig darauf hinaus, dass ich alle Partien selbst singe. An sich bin ich von der Stimmlage her ein mittlerer Sopran – mein Ausgangsmaterial ist also schon einmal keine schwere Donnerdrön-Stimme (lacht). Wenn ich dann alle Partien singe, also auch die Bässe und Ensembles, dann nehme ich mich selbst mit meiner Arbeit hoch. Und das lässt die Zuhörer und Zuschauer teilhaben. Die „Oper légère“ ist ein sehr persönlicher Zugang. Und es ist meine überbordende Liebe zur Oper, die ich versuche zu vermitteln.

Zum einen die Musik. Diesen großen Klangkörper von Orchestermusik finde ich persönlich ganz großartig. Zum anderen wird eine Geschichte erzählt. Und zwar nicht wie im Theater oder Film, sondern gesungen. Das hebt auf ganz verschiedene Fantasieebenen ab. Ich habe Rotz und Wasser geheult bei einer Aufführung von „La Traviata“, obwohl ich gar kein Italienisch verstehe.

Das Format Oper ist erst einmal eine Großraumüberforderung, auf die man sich einlassen muss. An die man auch herangeführt werden muss. Sonst kann wirklich eine Überforderung eintreten. Das geht mir auch selbst so. Zum Beispiel Richard Wagner: Das schaffe ich bis heute nicht. Ich versuche es so alle zwei Jahre mit einer Wagner-Oper und bin hinterher erschöpft, weil ich das nicht packe. Es ist mir zu groß, zu laut, zu viel. Da kriege ich richtig schlechte Laune (lacht).

Weil ich um diesen Moment weiß, in dem man die Oper echt kacke findet, erkläre ich zwischen den Arien auf eine leichte und amüsante Art die Zusammenhänge und warum manches in der Oper so kompliziert sein muss. Und ich berichte über das Zeitgeschehen und den Lebenslauf des Komponisten. Das erhellt auch immer das, was da gerade auf der Bühne passiert. Jeder Besucher nimmt von unseren Aufführungen ein echtes Breitbandspektrum mit. Und alle können mitsingen. Das ist dann immer der Moment, in dem alle große Augen bekommen. Fakt ist aber, dass die Melodien doch irgendwie jeder kennt. Und sei es aus der Pizzawerbung. Zum Schluss summt eigentlich jeder mit.

Durch unsere reduzierte Version von Klavier und Stimme wird die Oper durchsichtiger, und dabei treten musikalische Strukturen hervor. Und ich lese wirklich viel und fernab der bekannten Wege. Bei mir erfährt eigentlich jeder noch etwas Neues.

Wenn wir es schaffen, dass Leute von der Straße in Alltagskleidung zu uns kommen und hinterher beschließen, dass Sie mal in die große Oper gehen, haben wir unseren Kulturauftrag erfüllt. Die Kleidung betreffend habe ich überhaupt keine Ansprüche. Das muss jeder für sich entscheiden.

Das Stück muss sich noch entwickeln, der Auftritt wird für uns die Feuertaufe und ist eine Art Voraufführung. Die eigentliche Premiere folgt dann erst im Herbst. Darauf freue ich mich sehr und bin voller freudiger Erwartung, wie unser Konzept funktioniert. Die Geschichte von William Shakespeare ist ja bekannt. Als Oper ist der Stoff tatsächlich eher unbekannt. Wir verschmelzen Charles Gounods Version mit einer Romeo-Arie von Vincenzo Bellini.

Meine Pianistin Jeong-Min Kim und ich sind vor zwölf Jahren als Duo für ein gehobenes Gastronomie-Projekt gebucht worden. Dabei entstand die Idee, zusätzlich zu den Arien auch zu moderieren. Daraus hat sich dann das „Oper légère“-Projekt entwickelt. Ein Geschenk und eine wichtige Voraussetzung war, dass  Jeong-Min Kim alles mitmacht und auch meine schrägen Ideen umsetzt. Auf solche Abenteuer lassen sich nicht viele klassische Pianisten ein.

Smalltalk-Wissen für den Opernabend

  • Arie: Bei einer Arie handelt es sich um ein Sologesangsstück mit Instrumentalbegleitung. Einige Arien wie „La donna è mobile“ aus Verdis „Rigoletto“ sind durch Einsatz in Werbefilmen auch einem breiten Publikum bekannt.
  • Belcanto: Der Ausdruck Belcanto bezeichnet den italienischen Schöngesang – ein Gesangsstil, der für besonderen Ausdruck und hohe Virtuosität steht. Der italienische Opernkomponist Vincenzo Bellini gilt als der große Belcanto-Vertreter. Bellinis Romeo-Arie ist Teil des „Oper légère“-Programms „Romeo und Julia“.
  • Inszenierung: Die Interpretation eines Opernwerkes durch einen Regisseur wird Inszenierung genannt. Sie weicht häufig von dem puren Material ab. Die teilweise Hunderte Jahre alten Opernstoffe können durch eine entsprechende szenische Umsetzung aktualisiert werden.
  • Libretto: Der Text und die Kernhandlung der Oper heißt Libretto. Es ist in Reimen verfasst, eng mit der Musik verflochten und mitunter von textlichen Wiederholungen geprägt.
  • Primadonna/Primadonnenkult: Die Primadonna ist die wichtigste Sängerin eines Opernensembles. Der „ersten Dame“ werden eine große Pflegeintensität und zickige Allüren nachgesagt. Für die Aufführung in Agathenburg entfällt dieser Titel, weil mit Franziska Dannheim eine Sängerin alle Parts übernimmt.
  • Stimmfach: Die Stimmlagen in der Oper werden in die Fächer Sopran, Alt, Tenor, Bariton und Bass (von hoch nach tief) unterteilt.

Die Karten

Die Karten kosten 25 Euro und sind über das Stadeum und das Schloss Agathenburg erhältlich. Die Veranstaltung wird finanziell durch Aluminium Oxid Stade (AOS), die KVG und die Volksbank Stade-Cuxhaven unterstützt.

www.stadeum.de
www.schlossagathenburg.de

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