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Geldnot

TGoldzähne und letzte Hoffnung: Geschichten aus dem Pfandleihhaus in Harsefeld

Jens Loock betreibt seit 2024 das Pfandleihhaus Option B in Harsefeld.

Jens Loock betreibt seit 2024 das Pfandleihhaus Option B in Harsefeld. Foto: P. Meyer

Im Pfandleihhaus werden Wertgegenstände schnell zu Geld. Wer dort hingeht, wird allerdings oft vorverurteilt. Jens Loock von Option B weiß meistens, was dahintersteckt.

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Von Pauline Meyer
Dienstag, 13.01.2026, 17:50 Uhr

Harsefeld. Ein Kunde betritt den Laden. Er hat den Goldschmuck seiner Großmutter dabei. Den zu verkaufen, würde er nicht übers Herz bringen. Einen fachmännischen Blick später wechselt der Schmuck dennoch den Besitzer – vorübergehend zumindest. Für viele beginnt hier eine Geschichte, über die man nicht gerne spricht: Pfandleihhäuser gelten oft noch als Ort der letzten Hoffnung.

Wer sein Hab und Gut hier versetzt, muss chronisch pleite sein. Dass das allerdings nur ein Vorurteil ist, weiß Jens Loock, der seit 2024 das Pfandleihhaus Option B in Harsefeld betreibt. Täglich begegnet der 55-Jährige hier Menschen, die ihren Besitz in seine Hände geben. Viele davon lassen ihn an ihrer Geschichte teilhaben.

Vom Vertrag bis zur Auslöse: So funktioniert die Pfandleihe

Option B ist spezialisiert auf Fahrzeuge. Das liegt daran, dass Jens Loock eine Autowerkstatt betreibt und als Kfz-Sachverständiger tätig ist. Da habe es sich angeboten, erklärt der gebürtige Lüneburger, der seit mehr als 20 Jahren in Harsefeld lebt. Autos, E-Bikes, Wohnwagen, sogar Boote bringen ihm seine Kundinnen und Kunden. „Eben alles, was fährt“, sagt er. Doch er nehme auch Schmuck, Silber, Gold und Platin entgegen. Dafür gibt es schnelles Geld – nach vereinbartem Vertrag – bar und sofort auf die Hand. 50 bis 60 Prozent des Verkaufswerts sind das meistens.

Drei Monate lang geht so ein Vertrag, dann sollte der Gegenstand wieder ausgelöst werden. Spätestens aber nach Ermahnung und einer zweiwöchigen Frist. Ansonsten geht das Pfand – sofern der Vertrag nicht aktiv verlängert wurde – in die Versteigerung. Das Pfandleihhaus bekommt dann seine Kosten erstattet, ein möglicher Überschuss geht allerdings an den Besitzer zurück.

„Bei uns sind es etwa 30 Prozent der Leute, die ihr Pfand nicht auslösen“, erklärt Jens Loock. Vor haben sie es alle, die Gegenstände wieder in ihren Besitz zu bekommen – wenn denn die temporäre Zahlungskrise überwunden ist. Das wäre Loock auch am liebsten. „Der Kunde ist immer die Option A“, erklärt er. „Die zweite Option sind dann wir.“ Daher bleibt er immer fair, sagt er. „Wucher wird in Deutschland bestraft. Dafür kann man seine Lizenz verlieren“, erklärt er. Und die sei gar nicht so einfach zu bekommen.

Im Pfandleihhaus wird niemand verurteilt

Das Wichtigste sei für ihn, niemanden zu verurteilen, der ins Pfandleihhaus kommt, sagt Jens Loock. „Es kann schließlich jeden mal treffen.“ Die anfängliche Scheu, mit der Neukunden in sein Geschäft kommen, versucht Loock ihnen mit seiner lockeren Art und einem entspannten Gespräch zu nehmen.

„Die erste Hürde ist, hierherzukommen. Danach sind Leute einfach dankbar, an Geld kommen zu können.“ Bei finanziellen Hürden, oder wenn es mal schnell gehen muss. So brachte einer von Jens Loocks Kunden sein Wohnmobil ins Pfandleihhaus, weil er die Möglichkeit hatte, ein günstiges Motorrad zu kaufen, so schnell aber nicht an genügend Geld kommen konnte. „Viele meiner Kunden sind Geschäftsleute. Sozialgeldempfänger, wie viele vielleicht denken würden, gehören eigentlich gar nicht dazu“, sagt Jens Loock.

Im Pfandleihhaus kommt man schnell an Bargeld.

Im Pfandleihhaus kommt man schnell an Bargeld. Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Ein anderer Kunde gab Baumaschinen in Pfand, um seine Mitarbeiter bezahlen zu können. Der Mann war unverschuldet in die missliche Lage geraten, da einer seiner Kunden in Verzug war. Die Maschinen wurden später wieder ausgelöst, und alle Parteien waren zufrieden, erzählt Loock.

Es gibt auch traurige Geschichten, die Jens Loock nahegehen. „Eine Frau brachte ihr Auto zu mir, um die Stromkosten zahlen zu können, die eigentlich ihr Mann hätte bezahlen sollen“, erzählt er. Der Mann aber habe das Geld auf den Kopf gehauen. Bei anderen Kunden seien es Tierarztkosten für den Familienhund gewesen, die plötzlich auftraten. „So was ist natürlich nicht schön“, sagt Loock. „Aber es ist cool, dass wir dabei Hilfestellung geben können.“

Ein versetzter Ehering und eine gehörnte Ex-Frau

Eine Geschichte ist Jens Loock besonders im Gedächtnis geblieben. Ein Mann kam in den Laden und gab seinen Ehering in Pfand. „Er war schon von seiner Frau getrennt und ihm lag nichts daran“, erzählt Loock. Bis Fristende hörte Loock nichts mehr von dem Mann. Dann stürmte die erzürnte Ex-Frau des Kunden in den Laden, um den Ring auszulösen. „Eine Ehe ist ein Versprechen, da gehört auch der Ring dazu“, sagte sie zu Jens Loock. Als der fragte, was sie denn nun damit vorhätte, gab es die prompte Antwort: „Vielleicht will ich ihm das Ding einfach an den Kopf schmeißen.“

Besonders achtgeben muss Jens Loock, wenn es um Fälschungen geht. Denn auch das kann vorkommen. Eine ihm vorgelegte silberne Münze aus dem 18. Jahrhundert entpuppte sich nach Prüfung als Fälschung. „Ob der Kunde das wusste, kann ich nicht sagen und will ihm das auch nicht unterstellen“, so Loock.

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Einige Objekte sind wiederkehrende Gäste im Pfandleihhaus. Immer wenn es mal eng wird oder eine Anschaffung ansteht, kommen sie zurück zu Option B. So etwa die Goldzähne eines Kunden. Genauer genommen, die Goldzähne der Eltern des Kunden. „Die gehören Mama und Papa“, erklärte der Kunde Jens Loock. Seitdem sind die Goldzähne regelmäßige Besucher im Tresor von Option B.

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