Grüne Kreuze – gegen wen eigentlich?
Mehrere grüne Holzkreuze stehen als Mahnmahl der Bauern auf einer Wiese. Foto: Felix Kästle/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Wofür stehen eigentlich die grünen Kreuze auf den Feldern der Stader Geest und neben den Obsthöfen im Alten Land? Ist da ein grüner Politiker während meines Urlaubs gestorben, und ich habe da was nicht mitgekriegt?
Von Heiko Tornow
Oder machen ökologisch orientierte Christen darauf aufmerksam, dass das letzte Rebhuhn und der letzte Fasan das Zeitliche gesegnet haben? Ganz in meiner Nachbarschaft in Buxtehude-Eilendorf sind in Plastik eingeschweißte Infoblätter ans Kreuz genagelt worden. Ich werde aufgeklärt, dass die Aktion mit den christlichen Symbolen auf die fatale Lage der Landwirte aufmerksam machen soll. Die Bundesregierung sei drauf und dran, mit ihrem neuen Agrarplan den Nährstand in den ausweglosen Ruin zu treiben. Oha!
Weiter unten steht, dass die verschärfte Gülleverordnung und die drastischen Einschränkungen beim Einsatz von Herbi- und Pestiziden auf den Äckern ein auskömmliches Wirtschaften auf den Höfen nicht nur des Landkreises Stade, sondern in ganz Deutschland unmöglich machen. So gehe das nicht weiter. Zahlreiche Existenzen seien bedroht.
Am Abend gerate ich auf der B 73 in einen Kreuzzug von Treckern. Die blockieren den rechten Fahrstreifen, und bei sehr langsamer Vorbeifahrt habe ich Zeit, die mitgeführten Plakate der Landwirte zu lesen. „Ohne Bauern ist Hopfen und Malz verloren“, heißt es auf einem der Banner.
Verärgert über die Verkehrsbehinderung könnte man jetzt diese Haltung einnehmen: Es ist nicht die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, welche mit stinkender Gülle die Felder der Republik bejaucht. Die gigantischen Mengen an Exkrementen aus der Massentierhaltung werden von Landwirten ausgebracht und versickern im Boden und vergiften das Trinkwasser.
Der Europäische Gerichtshof hat Frau Klöckner schon 2018 verurteilt, etwas dagegen zu unternehmen. Das hat sie jetzt getan. Derweil importieren deutsche Landwirte weiterhin die flüssige Scheiße aus Holland und verspritzen sie auf ihren ohnehin überdüngten Äckern – gegen eine ansehnliche Gebühr und samt der Rückstände von überdosierten Medikamenten, ohne die Schweine und andere Viecher ihre kurze Existenz bis zum blutigen Ende im Schlachthof nicht überleben würden.
Ein Zerrbild? Gewiss. Aber ist da nicht was dran? Aber gewiss doch!
Doch richtig ist auch dies: Unsere Landwirte werden für ihre Arbeit und ihre Produkte saumäßig schlecht bezahlt. Die Preise, die wir für Milch oder Fleisch, für Käse und Eier und Obst und Gemüse und Getreide beim Aldi oder Lidl oder sonst wo bezahlen, decken oft kaum die Produktionskosten. Landwirte, die in Maschinen, Gebäude, Saatgut, Erntehelfer und Gott weiß was teuer investieren müssen, sehen sich in der Klemme: Nur wenn sie noch mehr aus ihren Äckern herausquetschen, noch mehr Ferkel in noch kürzerer Zeit mästen, noch mehr Hühner auf wenigen Quadratmetern so zusammenpferchen dass sie sich fast gegenseitig umbringen, nur dann können sie ein Einkommen generieren, mit dem sie und ihre Familien überleben können. Ich glaube nicht, dass die Bauern glücklich sind mit dieser Entwicklung. Ich glaube aber auch, dass dieser Berufsstand einen großen Fehler macht, wenn er die Verantwortung für die Krise der Landwirtschaft ausschließlich bei der Politik ablädt. Wie gesagt, Frau Ministerin Klöckner hat in ihrem Amt noch keinen Liter Jauche verspritzt.
Und jetzt kommt auch noch die Umweltministerin Schulz mit ihrem Fimmel für Insekten. Der Landwirtschaft wird untersagt, hemmungslos mit allerlei Chemie rumzusprühen, weil Käfer und Spinnen und Mücken und – Gott bewahre! – Bienen daran krepieren. Dabei freuen sich doch schon seit einigen Jahren die Autofahrer über den Massenverbrauch an Insektiziden, denn wo nichts mehr fleucht, zerplatzt auch nichts mehr an den Windschutzscheiben. Und damit soll jetzt Schluss sein? Grüne Kreuze müssen helfen.
Und wer ist nun schuld an der Krise der Landwirtschaft? Vielleicht wir Verbraucher?
Wir selbstverständlich auch. Mit jedem Schnitzel zu zwei Euro, jedem Ei zu 25 Cent, jedem Liter Milch zu 0,73 Euro übernehmen wir – jeder für sich – Verantwortung für die Not von Erzeugern, geraten wir in Mithaftung für verseuchtes Trinkwasser, artungerechte Tierhaltung, und – ja auch dafür – Mücken- und Bienensterben. Wir könnten zum Beispiel auf den Wochenmarkt gehen und dort einkaufen. Das kostet was, aber man kommt schon mal mit den Erzeugern ins Gespräch.
Und was ist mit denen, die mit Hartz IV auskommen müssen oder denen der Mindestlohn vorenthalten wird? Können die sich den Biobauern und seine edlen und umweltgerechten aber leider so teuren Nahrungsmittel leisten? Können sie nicht. Und deshalb dürfen wir nicht diejenigen beschuldigen, die die Waren aus dem Regal nehmen, sondern die, welche sie hineinstellen.
Ich gebe es zu: Eine Lösung für alle Umwelt- und Nahrungsprobleme habe ich nicht. Aber wenn jeder an seinem Platz ein wenig verantwortungsvoller produziert, handelt und verbraucht, hätten die grünen Kreuze ihren Zweck erfüllt. Ein wenig.
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Der Autor Heiko Tornow war in den 1970er Jahren Redaktionsleiter beim TAGEBLATT in Buxtehude, bevor er zum „Stern“ wechselte. An dieser Stelle schreiben jeden Sonnabend Autoren aus der Region zu einem von ihnen selbst gewählten Thema.