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Atze Schröder

„Guter Humor hat viel Herz“

Comedian Atze Schröder steht bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises in Hamburg auf der Bühne. Foto: Axel Heimken/dpa

Comedian Atze Schröder steht bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises in Hamburg auf der Bühne. Foto: Axel Heimken/dpa

Okay: Die Optik lappt schwer ins Prollige. Und der zurückhaltend-elegante Auftritt ist auch nicht gerade seine Spezialität. Aber wo Atze Schröder draufsteht, ist auch Atze Schröder drin - der Mann ist einfach wahnsinnig gut gelaunt, witzig und nett. Aber lesen Sie selbst.

Mittwoch, 01.11.2017, 13:52 Uhr

Von Kirsten Andrae

TAGEBLATT: Ihren ersten Auftritt als Atze Schröder hatten Sie 1996 bei „RTL Samstag Nacht“. Da trugen Sie schon Ihr berühmtes Outfit, das bis heute zum Einsatz kommt: knackenge Jeans, offenes Hemd, diese Wahnsinnsfrisur... Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?

Atze Schröder: (lacht) Ich bin in einem Frauenhaushalt groß geworden, habe lange „Hanni und Nanni“ und auch regelmäßig die „Brigitte“ gelesen. Da bekommt man zwangsläufig eine weibliche Sicht auf die Dinge. Und da fielen mir so peinliche Typen auf, zum Beispiel auf dem Schulhof, die hatten eine große Fresse und kamen trotzdem immer bei den Frauen gut an. Das fand ich irgendwie faszinierend. Genau so einen Typen wollte ich auf die Bühne bringen: Einen, der angibt, der überzieht, der zu laut ist, der Macho-Sprüche bringt – und der trotzdem gut ankommt.

In einem Frauenhaushalt also. Das passt ja zu der Theorie, dass Männer, die vor allem weiblich sozialisiert wurden, empathischer und witziger sind und besser über sich selbst lachen können als Männer, die in erster Linie von Männern geprägt wurden.

Die stimmt, die Theorie, das kann ich bestätigen. Männer, die nur Brüder hatten, lassen sich auch leichter verarschen von Frauen. Ich glaube, das liegt daran, dass diese Männer den Frauen immer alles glauben. Sie nehmen die Dinge oft so wörtlich.

Im Grunde mussten Sie Komiker werden: Wenn man die Dinge mit so viel Witz betrachtet wie Sie, dazu vor allem mit Frauen aufwächst und das alles auch noch im Ruhrgebiet...

… da konnte humormäßig überhaupt nichts mehr schiefgehen. Genau.

Und als Sie merkten, dass die Leute über Atze lachen, da haben Sie dann einfach immer weitergemacht?

Ja. Und ich wusste immer: Du musst die Frauen zum Lachen bringen, dann ist der Saal voll.

Was wären Sie heute, wenn Sie nicht Komiker geworden wären?

Schlagzeuger. Mein Vater war auch Musiker und meine Schwester Pianistin. Sie ist dann später Designerin geworden. Wir haben übrigens ein sehr gutes Verhältnis. Sie lebt schon lange in den USA, aber wenn sie hier ist, kommt sie immer zu meinen Auftritten. Ich weiß auch immer, wo sie sitzt – weil sie so laut lacht.

Warum haben Sie Ihr aktuelles Programm „Turbo“ genannt?

Weil ich viel über das Tempo und den Druck im Alltag, aber auch über das Älterwerden spreche. Gleich am Anfang meines Programms geht es um meine Erfahrungen mit den ersten Vorsorgeuntersuchungen. Persönlicher geht’s ja eigentlich kaum noch. Der Ursprungsgedanke war allerdings ein anderer: Ich wollte alles Vorige toppen – höher, schneller, weiter. Aber dann habe ich gesehen, dass Entschleunigungs-Ratgeberbücher wie zum Beispiel „Das geheime Leben der Bäume“ wochenlang auf den Bestsellerlisten stehen und Entschleunigung die Leute offenbar mehr interessiert.

Wie alt sind Sie mittlerweile?

52. Das Älterwerden geht ja jetzt los. Hinzu kommt, dass mein Urologe einer meiner besten Freunde ist, da kann so eine Vorsorgeuntersuchung schon mal in eine witzige Angelegenheit ausarten. (lacht)

Auf Ihrer Website schreiben Sie: „Statussymbole ersetzen keine anständige Gesinnung.“ Was ist eine anständige Gesinnung für Sie?

Ein Freund von mir ist so ein anständiger Kerl. Der ist auf der einen Seite total hip, ganz vorne, ein Trendsetter, ein Meinungsmacher, ein Star in der Werbebranche, und auf der anderen Seite ist der ganz bodenständig, der liebt seine Frau und sein Kind. So eine Mischung finde ich interessant.

Sie plädieren also für eine Rückbesinnung auf die klassischen Werte?

Auf jeden Fall. Es ist alles so schnell geworden – Turbo-Kommunikation, Turbo-Abi, Turbo-Sex. Wenn Du nach einer Stunde noch nicht auf eine E-Mail geantwortet hast, giltst du ja schon als klinisch tot. Ich stelle mir vor, dass, wenn es so weitergeht, bald den ersten Leuten die Köpfe platzen. Ich plädiere ganz klar für eine Rückbesinnung – beispielsweise auf gute Gespräche und dafür, gut miteinander umzugehen.

Das ist eine wertvolle Botschaft.

Ja, und außerdem scheint sie total im Zeitgeist zu liegen. Ich sehe ja die Gesichter, wenn ich vor Publikum auftrete. Und wenn ich auf dieses Thema komme, dann nicken immer alle.

Dann haben nicht nur Sie als Mensch, sondern hat auch die älter gewordene Kunstfigur Atze Schröder eine Entwicklung durchgemacht?

Absolut. Allerdings bleibe ich natürlich in der Atze-Sprache. Die ist teilweise zwar derbe, aber so war es immer schon. Atze soll ja frech sein. Aber eben liebenswert und nicht ätzend.

Sie haben zwei Bücher geschrieben. Ist ein drittes geplant?

Ja. Das nächste wird wahrscheinlich eine Biografie.

Warum erzählen Komiker in Talkshows eigentlich so häufig, dass ihre Frauen oder Freundinnen viel witziger sind als sie selbst?

Ich denke, die sagen das, weil es oft stimmt. Zum einen ziehen Komiker natürlich ohnehin einen bestimmten Frauentyp an. Aber privat sind Komiker oft recht melancholisch; dann brauchen sie jemanden zu Hause, der eher handfest und lustig ist.

Wie wichtig sind alte Freunde für Sie?

Die sind sehr wichtig, sogar existenziell wichtig. Um nicht durchzuticken. Heute kommt übrigens noch mein ältester Kumpel. Der erdet mich immer besonders. Der sagte zum Beispiel neulich in der Vorstellungspause zu mir: „Sprich mal ein bisschen schneller gleich, wir wollen nachher noch in die Stadt.“ Ich habe mehrere gute alte Freunde; die sind natürlich alle irgendwie stolz auf meine Karriere, so richtig interessieren tut die das aber nicht.

Welche Eigenschaften machen eine tolle Frau aus?

Dass sie eine richtige Frau ist. Und Humor natürlich. Und ich bin jetzt mal ganz unvorsichtig und sage: gutes Aussehen. Das meint aber nicht so ein modelhaftes Aussehen, sondern eine Schönheit, die ganz unterschiedlich daherkommen kann. Eine tolle Frau kann dick sein oder dünn sein, groß oder klein, aber sie muss eine Ausstrahlung haben. Und eine gewisse Natürlichkeit. Ehrlichkeit gehört auch dazu.

Gibt es jemanden, den Sie bewundern?

Mein Vater, der vor vier Jahren gestorben ist, war immer mein Held. Das war ein ganz toller Kerl, mit sehr viel Wärme. Und Gerhard Polt, der ist sowohl als Komiker und als Kabarettist, aber auch als Mensch ein Vorbild für mich.

Was mögen Sie selbst an Atze besonders gern?

Seine große Klappe - und dass er die stellvertretend für mich hat, weil mir die privat ab und zu mal fehlt.

Noch ist Atze sehr beliebt. Was machen Sie, falls das mal nachlassen sollte?

Ach, ich mache genauso weiter. Dann spiele ich einfach in kleinen Läden und habe weiterhin meinen Spaß.

Letzte Frage: Was macht einen guten Humor aus?

Rudi Carrell hat mir mal gesagt: „Ohne Herz kann keiner ein guter Komiker werden.“ Das war zwar jetzt nicht von mir, stimmt aber hundertprozentig.

Atze Schröder kommt am Donnerstag, 23. November, ins Stadeum; die Show ist bereits ausverkauft. Wer den Comedian trotzdem live in der Nähe erleben möchte, kann das am Sonntag, 21. Januar 2018, in der Barclaycard Arena in Hamburg. Mehr Infos gibt es auf www.atzeschroeder.de. Karten können über die Website www.eventim.de bestellt werden.

Die Kunstfigur Atze Schröder gibt es mittlerweile seit 1996: „Einen Typen wie Atze – einen, der angibt, der überzieht, der Macho-Sprüche bringt, einen, der zu laut, aber trotzdem liebenswert ist – den wollte ich auf die Bühne bringen.“ Foto

Die Kunstfigur Atze Schröder gibt es mittlerweile seit 1996: „Einen Typen wie Atze – einen, der angibt, der überzieht, der Macho-Sprüche bringt, einen, der zu laut, aber trotzdem liebenswert ist – den wollte ich auf die Bühne bringen.“ Foto

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