HSV gegen Stuttgart: Patt auf dem Papier
Im Hinspiel unterlag der HSV mit 0:1. Foto dpa
Die bedrohten Traditionsvereine VfB Stuttgart und Hamburger SV vor dem Duell im Abstiegs-Check - Der VfB braucht einen Sieg dringender.
Vorletzter Spieltag der Saison 2014/2015 in der Fußball-Bundesliga. Es ist das Abstiegsduell der Traditionsvereine. VfB Stuttgart gegen Hamburger SV, der eine Club seit 38 Jahren ununterbrochen dabei, der andere als einziger noch nie aus dem Oberhaus abgestiegen. Beide als Retter verpflichteten Trainer haben auch schon für den anderen Verein gearbeitet. Wer am Sonnabend (15.30 Uhr) gewinnt, hat gute Chancen, den Klassenverbleib zu schaffen. Wer verliert, ist der 2. Bundesliga sehr nahe. Wie aber stehen die Chancen, welche Mannschaft ist im Vorteil? Ein Vergleich, aufgeschrieben von Sigor Paesler, Sportredakteur der Eßlinger Zeitung und VfB-Kenner, und Wolfgang Stephan, Chefredakteur beim Stader Tageblatt und langjähriger HSV-Reporter.
VfB: Die Schwaben sind seit dem 20. Spieltag nur mit zwei Ausnahmen Letzter - am 28. und 29. Spieltag stand Hamburg auf Platz 18. Normalerweise wird das in so einem Fall nichts mehr. Aber so eng ging es im Abstiegskampf noch nie zu, das rettende Ufer ist für den VfB gerade einen Punkt entfernt. Klar ist: Die Stuttgarter schaffen den Klassenverbleib wahrscheinlich nur, wenn sie heute gegen den HSV und am letzten Spieltag in Paderborn gewinnen. Der Letzte hat im Abstiegsshowdown die schlechtesten Karten. Und Letzter ist der VfB.
HSV: Die Hamburger haben in letzter Minute den Umkehrschub geschafft. Bruno Labbadia hat das Team am 15. April übernommen und seither zwei Siege, ein Unentschieden und eine Niederlage eingefahren. Damit hat sich der HSV vom Tabellenplatz 18 entfernt und kann aus eigener Kraft den Klassenverbleib sichern. Ein Sieg in Stuttgart wäre Gold wert.
Vorteil: HSV
VfB: Sven Ulreich hat in der laufenden Saison wenig Fehler gemacht - es gab aber auch keine Spiele, nach denen man sagte, der Schorndorfer habe der Mannschaft die Punkte gerettet. Unter Trainer Armin Veh war er zwischenzeitlich sogar seinen Platz an Thorsten Kirschbaum los und kehrte nur zwischen die Prosten zurück, weil sich der Herausforderer verletzte. Veh-Nachfolger Huub Stevens hielt an Ulreich fest.
HSV: René Adler ist rechtzeitig zu den entscheidenden Spielen wieder in Form gekommen, allerdings nicht in Top-Form. Es ist lange her, dass der ehemalige Nationaltorhüter dem HSV einen Sieg garantierte.
Vorteil: Unentschieden
VfB: Der routinierte Georg Niedermeier, Jung-Nationalspieler Antonio Rüdiger, Talent Timo Baumgartl - Fehler machten sie alle. Entscheidende Fehler. Die wackelige Abwehr kostete den Stuttgartern immer wieder Punkte, zu oft patzte sie, zu oft in den letzten Spielminuten. 58 Gegentreffer - zehn mehr als die Hamburger - sprechen eine deutliche Sprache. Beim jüngsten Sieg gegen Mainz immerhin blieben die Stuttgarter zum sechsten Mal in der laufenden Spielzeit ohne Gegentor.
HSV: Auch in Stuttgart wird der HSV wieder mit einer unveränderten Abwehrformation antreten, die Innenverteidigung mit Johan Djourou und Slobodan Rajkovic ist zwar keine stabile Bank, aber eine funktionierende Einheit. Auf links ist Matthias Ostrzolek einigermaßen in Form und rechts spielt Heiko Westermann, obwohl der etatmäßige Rechtsverteidiger Dennis Diekmeier wieder fit ist. Das Problem der Hamburger: Ein dummer Fehler ist immer drin.
Vorteil: HSV
VfB: Das Knaller-Comeback von Stoßstürmer Daniel Ginczek und die regelmäßigen Tore von Arbeitstier Martin Harnik (geboren in Hamburg) sind vielleicht der Hauptgrund dafür, dass der VfB überhaupt noch eine Chance auf den Klassenverbleib hat. Oder anders herum: Die andauernde Formkrise der einstigen Tormaschine Vedad Ibisevic ist ein Punkt, warum die Mannschaft früh unten reingerutscht ist. Nach vorne geht bei den Stuttgartern wieder was, mit 38 haben sie 16 Saisontreffer mehr erzielt als der heutige Gegner - aber jedes Mal mehr Tore zu schießen als die löchrige Abwehr reinlässt, ist nicht so einfach.
HSV: Bei den Hamburgern hängt viel von Pierre-Michel Lasogga ab, den Labbadia reaktiviert und mit Selbstvertrauen ausgestattet hat. Ivica Olic läuft zwar immer noch wie ein Hase, aber der schießt bekanntlich wenig Tore. Ein Törchen in 32 Rundenspielen sagt viel. Weil auch aus dem Mittelfeld kaum Torgefahr ausgeht, war es zuletzt der Sechser Gojko Kacar, der dem HSV drei Punkte sicherte. Das geht nicht immer.
Vorteil: VfB
VfB: Die sogenannten Führungsspieler hatten beim VfB selbst mit ihrer Form zu kämpfen. Kapitän Christian Gentner versucht dennoch, auf und neben dem Platz voranzugehen und zeigte zuletzt solide Leistungen. Winterzugang Serey Dié hält den Laden im defensiven Mittelfeld zusammen. Insgesamt aber kommen die Stuttgarter gerade in den vergangenen, erfolgreicheren Wochen vor allem über das Kollektiv - was im Abstiegskampf ja nicht das Schlechteste ist.
HSV: Wer dabei an Rafael van der Vaart denkt, lebt in der Vergangenheit. Der Holländer hat seinen Zenit längst überschritten, mitreißen kann er niemanden mehr. Der einzige im Team, der zum Anführer taugt, ist Heiko Westermann, der alte Kämpfer. Johan Djourou sollte diesen Part auch übernehmen, doch der Schweizer hat mit der Organisation der Abwehr genug zu tun. Das gilt auch für René Adler. Also: Führungsspieler hat der HSV keine.
Vorteil: VfB
VfB: Huub Stevens hat die Schwaben schon vor einem Jahr vor dem Abstieg bewahrt. Als er im November wieder von seinem frustrierten Nachfolger Veh übernahm, betonte er, dass die Mission diesmal schwieriger würde. Er sollte Recht behalten. Aber der Niederländer scheint zu wissen, was er tut, die Mannschaft vertraut und folgt ihm, und die Vereinsführung um den im Januar installierten Sportvorstand Robin Dutt stärkt ihm nach zwischenzeitlicher öffentlicher Kritik den Rücken. Wenn es nicht klappt mit dem Klassenverbleib - an Stevens hat es wahrscheinlich nicht gelegen.
HSV: Alle Hoffnungen an der Elbe haften an Bruno Labbadia, der dem Team den Glauben und die Hoffnung auf den Klassenverbleib wieder gegeben hat. Gegen Bremen waren erste leichte Verbesserungen erkennbar, gegen Augsburg und Mainz schien das System Labbadia zu funktionieren, bis es gegen Freiburg einen Rückfall in den Angsthasen-Fußball gab. Labbadia hat unbedingten Rückhalt im Verein, im Umfeld und bei der Mannschaft. Er ist in diesen Tagen geradezu besessen von der Rettung, macht nach Außen alles richtig.
Vorteil: Unentschieden
VfB: In diesem Bereich eifern die Schwaben kräftig dem Chaos des HSV in den vergangenen Jahren nach. Ein Präsident Bernd Wahler, der zuerst völlig unnötig eine Diskussion um eine mögliche vorzeitige Vertragsverlängerung von Stevens lostritt und dann aus der Öffentlichkeit abtaucht, ein plauderndes und später zurücktretendes Aufsichtsratsmitglied Hansi Müller und auch sonst Indiskretionen in Bezug auf den angeblich schon feststehenden neuen Trainer Alexander Zorniger - Ruhe sieht anders aus. Lediglich Sportvorstand Dutt versucht, kühlen Kopf zu bewahren und bemüht sich um eine professionelle Außenwirkung des Vereins. Auch Stevens ist nicht begeistert und hat angekündigt, nach dem Saisonende seine Eindrücke zu schildern. "Ich denke, vom Trainerteam und den Spielern her ist es ruhig gewesen", erklärt er vielsagend - trotz seines jüngsten Ausrasters ("Ihr seid Affen") auf dem Trainingsplatz.
HSV: Mit Dietmar Beiersdorfer als Vorstandschef der ausgegliederten Fußballabteilung ist auf Vorstandsebene Ruhe eingekehrt, auch Sportdirektor Peter Knäbel macht einen unaufgeregten Job (wenn er nicht gerade als Trainer aushelfen muss) und der einst geschwätzige Aufsichtsrat hat schon lange kein Aufsehen mehr erzeugt und auch Klaus-Michael Kühne hat aus seiner Trutzburg in der Schweiz lange nicht mehr geätzt. Einzig bei der Trainerauswahl lag der Vorstand in dieser Saison daneben - bis Labbadia kam.
Vorteil: HSV
VfB: Die VfB-Anhänger haben sich auf die schwächelnde Vereinsführung eingeschossen, die teilweise überforderte Mannschaft aber unterstützen sie - von wenigen Ausnahmen abgesehen - vorbildlich. Nach zunächst fünf Punkten aus elf Heimspielen erarbeitete sich die Mannschaft zuletzt die umgekehrte Bilanz von elf Zählern aus fünf Heimpartien - die Stimmung in der Mercedes-Benz-Arena war in den vergangenen Spielen entsprechend gut und so gar nicht die eines Absteigers.
HSV: 6000 Fans aus Hamburg werden heute nach Stuttgart reisen und den HSV gnadenlos unterstützen, auch wenn es erst einmal nicht gut laufen sollte. Die Fans in Hamburg sind Weltklasse, stehen zu ihrem Klub, obwohl das in der Vergangenheit angesichts der Leistungen auf dem Rasen nicht zwangsläufig gerechtfertigt war.
Vorteil: Unentschieden.
Fazit: Die Papierform schreit geradezu nach einem Unentschieden. Der HSV könnte damit einigermaßen leben, die Stuttgarter aber nicht. Ihnen helfen gegen Hamburg und am letzten Spieltag beim momentanen Vorletzten SC Paderborn nur noch Siege, um den Absturz zu verhindern. Und Labbadia weiß, dass bei der fehlerbehafteten HSV-Mannschaft eine Remis-Taktik ein unkalkulierbares Risiko ist. Nicht nur für das Spiel in Stuttgart. Wenn die Hamburger gegen Schalke am letzten Spieltag unbedingt noch einen Sieg brauchen, herrscht allerhöchste Alarmstufe im Volkspark - weil dann wieder die Angsthasen auflaufen. Die sind in Stuttgart zurzeit erstaunlich ruhig.
Unser Tipp: Der Siegtreffer fällt in der 90. Minute.