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Harsefelder Spielplätze auf dem Prüfstand

Sollen aufgelöst werden: die Spielplätze am Steinhornskamp in Ruschwedel ...

Sollen aufgelöst werden: die Spielplätze am Steinhornskamp in Ruschwedel ...

Weil sie kaum noch genutzt werden, sollen einige Spielplätze im Flecken Harsefeld aufgelöst werden. Zehn Anlagen sollten demnach außer Dienst gestellt werden. Doch die Politik votierte dafür, zwei Standorte vorerst zu erhalten. Teilweise sind bereits neue Nutzungen im Gespräch. 

Von Daniel Beneke Dienstag, 30.10.2018, 16:00 Uhr

Vor der Sitzung hatten die Politiker die auf der Streichliste stehenden Spielplätze in Augenschein genommen. Teilweise trafen sie vor Ort auf Nachbarn, die ihnen die Situation erläuterten. Keine Diskussionen gab es bei der Entscheidung, die Spielplätze am Steinhornskamp in Ruschwedel, am Hang, am Ernst-August-Weg, am Querweg, im Sohrfeld in Hollenbeck, am Schaapwaschweg in Issendorf, am Wachholderweg und in der Heisterstroot aufzulösen.

Der Spielplatz im Sohrfeld ist der Einzige in Hollenbeck, gab der aus dem Dorf stammende Politiker Jürgen Deden zu bedenken. Auch die Nachbarn zeigten sich wenig erfreut von der geplanten Stilllegung. „Das ist aber schade. Der Spielplatz wird doch schließlich jeden Tag genutzt“, sagte eine Nachbarin beim TAGEBLATT-Ortsbesuch. Die Anwohner würden sich bisweilen auch um die Pflege des Areals kümmern. Ihr Mann habe erst kürzlich die Schrauben der quietschenden Schaukel geölt. Die Sandkiste ist in einem ordentlichen Zustand, die Lage mitten im Wohngebiet und in sicherem Abstand zur Hauptstraße idyllisch. „Das finde ich überhaupt nicht in Ordnung“, sagte die Nachbarin. Sie hätte sich gewünscht, dass die Anwohner in die Entscheidung eingebunden worden wären. Doch die Entscheidung des Ausschusses steht fest.

Am Querweg wollen die Nachbarn das Grundstück nutzen, um dort eine Blühwiese anzulegen und das Areal zu pflegen. Der Ausschuss sprach sich dafür aus, dass die Verwaltung einen entsprechenden Pachtvertrag ausarbeitet. Bei Bedarf soll die Kommune die Möglichkeit haben, wieder auf die Fläche zugreifen zu können. Eine Gefahrenstelle sei der Spielplatz am Wald in Issendorf, zwischen Wanderweg und Bach gelegen. Darauf hatten auch die Mitarbeiter der zuständigen Fachämter hingewiesen. Deshalb fiel den Politikern die Entscheidung leicht, ihn stillzulegen.

Beim Spielplatz Am Hang soll die Verwaltung prüfen, ob der Wall ohne großen Aufwand abzutragen und die Fläche an das Grundstück der nebenan errichteten Kindertagesstätte anzuschließen ist. Dann könnten die Mädchen und Jungen die Fläche zum Bolzen nutzen, lediglich eine neue Einzäunung wäre womöglich vonnöten. Auch diese Entscheidung fiel einstimmig.

Für den Spielplatz an der Heisterstroot schlug FWG-Frontfrau Susanne de Bruijn vor, das Areal „ohne großen Aufwand“ attraktiver zu gestalten. Wenn die Balken an der Sandfläche entfernt werden, könne ein Beachvolleyballfeld entstehen. Auch die Errichtung von Basketballkörben sei denkbar. Die Schaukel am Rand des Geländes soll bleiben. SPD-Kollege Heiko Kania regte eine Anwohnerbefragung an. Er wolle auch die Möglichkeit für einen Grill- oder Feuerplatz an der Stelle offenhalten. „Ich möchte kein Feuer im Wohngebiet“, sagte Susanne de Bruijn. Der Ausschuss will die Anwohnerbefragung abwarten, ehe er eine konkrete Empfehlung für eine neue Nutzung abgeben wird.

Verkauft werden soll eine Fläche an der Graf-Heinrich-Straße, die zwar als Spielplatz ausgewiesen ist, aber nie als solcher genutzt wurde. Der Spielplatz wurde dort nie realisiert, seit Jahren ist das Grundstück an einen Nachbarn verpachtet. Der wolle es jetzt erwerben, sagte Fachbereichsleiter Bernd Meinke – inklusive des zum Grundstück führenden Weges. Dafür müsse allerdings der Bebauungsplan geändert werden. Das Verfahren soll angeschoben werden.

Wichtig sei, dass der ortsübliche Quadratmeterpreis für Bauland gezahlt werde und der Käufer alle Kosten des Verfahrens trage, sagte Susanne de Bruijn. Einstimmig votierte der Ausschuss für den Verkauf und die Bebauungsplanänderung.

Entgegen der Empfehlung der Verwaltung nicht aufgegeben werden soll der Spielplatz an der Pommernstraße. Ein Vater habe den Politikern bei dem Vor-Ort-Termin berichtet, dass regelmäßig Kinder spielen. Einige kleinere Kinder kämen in den kommenden Jahren in ein Alter, in dem sie die Anlagen nutzen könnten. Ähnlich ist die Situation beim Spielplatz am Dorfgemeinschaftshaus in Issendorf, dem letzten Spielplatz in der Ortschaft. Die Dorfgemeinschaft hatte erst vor wenigen Jahren Turnstangen gespendet. Der Spielplatz soll erhalten und „vielleicht noch nicht einer Tischtennisplatte aufgewertet“ werden.

Damit werden acht Spielplätze außer Betrieb genommen. Damit verbleiben im Flecken 29 Spielplätze – bei 13.000 Einwohnern. Fachbereichsleiter Bernd Meinke rechnet mit Einsparungen von 10.000 Euro pro Jahr für Pflege und Überwachungsarbeiten. Hinzukommen Kosten beim Austausch der einzelnen Spielplatzgeräte. Das Geld soll auch zur Attraktivitätssteigerung der vorhandenen Plätze, etwa durch den Kauf neuer Geräte, genutzt werden.

In vielen Städten und Gemeinden in Deutschland haben Nachbarn die Sache selbst in die Hand genommen. So wurde auch der Nachbarschaftsverein „Am Loh“ im nordrhein-westfälischen Wetter ausgezeichnet. Als dort die Anwohner von den Plänen der Gemeinde erfuhren, ihren Spielplatz aus Budgetgründen abzureißen, übernahmen sie die Regie und verhinderten den Abriss. Durch ihr Engagement halfen sie die Kosten für die Modernisierung und Pflege zu reduzieren. Heute veranstalten die Nachbarn regelmäßig bunte Feste und sammeln für den Erhalt ihres Spielplatzes. Im niedersächsischen Stiepelse bauten die Anwohner der Elbstraße mit viel Eigeninitiative und finanzieller Unterstützung durch Sponsoren einen neuen Mehrgenerationen-Spielplatz – direkt am Deich. Das Baugrundstück stellte die Gemeinde. Die Anwohner in der hessischen Stadt Lich gestalteten einen Bürgerpark für alle Generationen – mit Fitness-Geräten für Senioren, Rollatorbänken, Riesenschaukel und Skaterbahn. Ausgezeichnet wurde ebenfalls die Nachbar-Initiative „Gemeinsam für Altenglan“ in Rheinland-Pfalz. Hier machten Eltern und Kinder gemeinsame Sache und sind heute zu Recht mächtig stolz auf ihren „Piratentreffpunkt“.

Spielplatz-Initiativen werden ausgezeichnet

Viele der 120.000 Spielplätze in Deutschland verwahrlosen. Bei einem Drittel der öffentlichen Spielplätze bleiben die nötigen Sanierungen aus – das geht aus einer Studie des Deutschen Kinderhilfswerks (DHKW) hervor. Statt der erforderlichen Reparaturen werden kaputte Spielgeräte aus Sicherheitsgründen abgebaut. Sehr zum Leidwesen von Eltern und Kindern. Sie beklagen ohnehin, dass Spielplätze oft viel zu wenig Abwechslung bieten.

Freiflächen und Spielmöglichkeiten für Kinder fallen zunehmend der baulichen Verdichtung in Städten zum Opfer. Selbst in ländlichen Regionen wird Kindern das Spielen oft wegen maroder Geräte verwehrt. Damit werden Kinder der Möglichkeit beraubt, sicher zu toben und Bewegungsabläufe gemeinsam mit anderen spielerisch zu lernen. „Viele Gemeinden sehen tatenlos zu, wie diese Flächen verwahrlosen“, kritisiert Expertin Erdtrud Mühlens vom Netzwerk Nachbarschaft. „Sie sollten die Eigeninitiative von Anwohnern dankbar aufgreifen und tatkräftig unterstützen.“ Kostenlose Checklisten des bundesweiten Aktionsbündnisses liefern Nachbarn für ihre Aktionen wichtige Praxishilfen.

Netzwerk Nachbarschaft zeichnet Initiativen von Anwohnern aus, die sich für den Erhalt und den Neubau von Spielplätzen stark machen und Patenschaften organisieren.

Nachbarschaften, die sich aktiv für den Erhalt, die Modernisierung oder den Bau von Spielorten einsetzen, können jetzt gewinnen: Noch bis Ende Oktober läuft die Bewerbungsfrist für den diesjährigen Wettbewerb „Die schönsten Nachbarschaftsaktionen 2018“. Das Netzwerk Nachbarschaft wurde 2004 als bundesweite Community für Nachbarschaften gegründet, die ein generationengerechtes, multikulturelles und familienfreundliches Miteinander in ihrem Wohnumfeld aktiv fördern.

Heute umfasst das Netzwerk 2.800 Nachbarschafts-Initiativen. Alljährlich zeichnet die Jury von Netzwerk Nachbarschaft wegweisende Projekte von und für NachbarInnen aus und berät deren nachhaltigen Ausbau. Netzwerk Nachbarschaft steht unter der Schirmherrschaft von Bundesministerin Dr. Franziska Giffey.

... am Schaapwaschweg in Issendorf ...

... am Schaapwaschweg in Issendorf ...

... in der Heisterstroot in Harsefeld ..

... in der Heisterstroot in Harsefeld ..

... und im Sohrfeld in Hollenbeck. Besonders in Hollenbeck üben die Anwohner deutliche Kritik an der Entscheidung. Fotos: Beneke

... und im Sohrfeld in Hollenbeck. Besonders in Hollenbeck üben die Anwohner deutliche Kritik an der Entscheidung. Fotos: Beneke

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