Zähl Pixel
Archiv

Heiligabend kam das zehnte Kind

Familienfoto mit Oliver und Julia Hauschke und ihren acht Kindern in Stade. Die zwei ältesten Kinder aus ihrer ersten Partnerschaft wohnen nicht in Stade. Foto: von Borstel

Familienfoto mit Oliver und Julia Hauschke und ihren acht Kindern in Stade. Die zwei ältesten Kinder aus ihrer ersten Partnerschaft wohnen nicht in Stade. Foto: von Borstel

In Deutschland gilt schon als Großfamilie, wer mehr als drei Kinder hat. Die Hauschkes aus Stade können da nur müde lächeln: Mit Tochter Pauline kam ausgerechnet an Heiligabend das zehnte Kind der Familie zur Welt. 

Von Karsten von Borstel Sonntag, 05.03.2017, 19:23 Uhr

Damit sind sie einer von nur 0,0020 Prozent aller Haushalte in Deutschland mit zehnfachem Nachwuchs.

Der Einjährigen ist ein Ohrring kaputtgegangen. Da kann nur noch Papa helfen. Der hat zwar Clara-Louise und Friederike auf dem Schoß herumturnen, repariert aber nebenbei noch den Ohrschmuck. Ach: Und die Presse hat der Familienvater auch noch zu Gast. Denn Familie Hauschke hat etwas äußerst Seltenes zu feiern: die Geburt ihres zehnten Kindes, Pauline, die ausgerechnet ein Christkind geworden ist.

Pauline war nicht geplant, aber die Familie nimmt die Kinder, wie sie kommen, so scheint es jedenfalls. „Wir wollten immer Kinder haben, aber wie viele, darüber hatten wir uns nie so genau Gedanken gemacht“, sagt Vater Oliver Hauschke. Das Ehepaar würde noch nicht einmal ausschließen, dass sie zum elften Mal Nachwuchs bekommen.

„Die Kinder sind unterschiedlich und doch gleich“, sagt ihre Mutter Julia. Auffällig sei, dass die Jüngeren von den Großen profitierten – vor allem in Sachen Sprache und motorische Fähigkeiten. „Es schafft Synergien, wenn Kinder nicht nur mit Gleichaltrigen zusammen sind“, sagt Oliver Hauschke, auch mit Blick auf die Bildung. Als gymnasialer Leiter der Schule in Drochtersen muss er es wissen. Außerdem kümmerten sich die Älteren immer um die Nächstjüngeren. Eine Win-win-Situation.

Ein Blick in die Statistik verrät, wie selten der Kindersegen wirklich ist: Laut Mikrozensus, der statistischen Erhebung zur Bevölkerungsverteilung, gibt es deutschlandweit nur 800 Haushalte, die zehn Kinder haben. Das heißt 0,0020 Prozent der deutschen Familien sind ebenso kinderreich wie die Hauschkes. Familien mit mehr als zehn Kindern gibt es noch viel weniger. Laut Statistik zählt die Bundesrepublik 12,5 Millionen Haushalte mit Kindern. Bei mehr als der Hälfte (52 Prozent) kommt nur einmal im Leben Nachwuchs, etwa jedes dritte Paar (36 Prozent) bekommt zwei Kinder.

Die beiden Ältesten, Johanna (18) und Marieke (16), haben einen anderen Vater und wohnen nicht mit in Stade. Doch auch mit nur acht Kindern wird es nie langweilig in der Großfamilie. Oder? „So chaotisch ist es hier nicht, und auch drei Kinder können laut sein“, sagt der Vater. Es sei eher merkwürdig, wenn die Kinder ausgeflogen und plötzlich nur mal zwei zu Hause seien.

Ein einziges Mal hätten sie vom Opa einen freien Abend geschenkt bekommen, sich aber irgendwie unwohl dabei gefühlt. Wenn der Vater eine Zeit lang Ruhe braucht und sich zum Beispiel zum Korrigieren von Klassenarbeiten zurückzieht, schließt er die Bürotür. Die Kinder wissen, was gemeint ist. Charlotte (7) war eigentlich der Ansicht, sie bräuchte nicht noch eine Schwester. Heute hat die Kleinste die ungeteilte Aufmerksamkeit aller.

Für den Fototermin mit der Presse kriegen sich beinah alle Kinder in die Haare, wer denn Pauline halten dürfe. Alle? Bis auf einen: Moritz. Der Zehnjährige ist der einzige Junge in der Familie. Hin und wieder ärgere er sich schon, dass er noch keinen Bruder bekommen hat. Klassische Rollenmuster spielen in dem Clan aber ohnehin keine große Rolle. „Die Mädchen spielen auch mal mit ihm Fußball“, sagt seine Mutter. Im Gegenteil: Irgendwann kämen Moritz sicherlich noch die hübschen Freundinnen seiner Schwestern zupass.

Die Großfamilie kennt auch abschätzige Blicke. In Deutschland scheint es das vorgefertigte Bild von Familien mit vielen Kindern noch zu geben, wenn auch nur selten. „Sicherlich werden wir mal doof angeguckt, aber wir urteilen ja auch nicht über Menschen mit weniger Nachwuchs“, so der Vater. Zum Klischee der Flodders, einer asozialen niederländischen Fernsehfamilie, bilden die Hauschkes mit ihrem stilvoll eingerichteten 300-Quadratmeter-Haus in bester Wohnlage in Stade den Gegenentwurf. Die drei Ältereren wohnen in der Einliegerwohnung des Hauses. Außerdem gibt es ein Arbeitszimmer für die Schulkinder, in dem Spielen tabu ist. Auf der Tasche lägen sie der Allgemeinheit ohnehin nicht, und alles in allem seien die Rückmeldungen eher positiv.

Vor fast fünf Jahren, nach der Geburt Friederikes, gab es für die Hauschkes schon mal einen Anlass zum Feiern, der medial große Beachtung fand. Ex-Bundespräsident Christian Wulff übernahm die Ehrenpatenschaft bei dem Mädchen, nachdem es in der Hancken-Klinik zur Welt kam, weil die Familie es bis zur Geburt des siebten Kindes nicht in ein Krankenhaus geschafft hatte.

Ein kleines Ärgernis hat es, dass die Hauschkes in Stade zu zehnt sind. Der im Vorjahr angeschaffte T6-Bus reicht nicht mehr – ein Minibus für bis zu 15 Personen muss her. „Vielleicht schaffen wir ja noch den Gelenkbus“, sagt Oliver Hauschke im Scherz.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.