Helmut Wiemann: Der Herr der 200 Harmonikas
Helmut Wiemann hat jahrzehntelang Akkordeons aus ganz Europa gesammelt, defekte und alte Instrumente liebevoll restauriert. Sein außergewöhnliches Hobby hat ihn im Laufe der Jahre zum gefragten Experten werden lassen.
Wenn Helmut Wiemann die Tür zur wohltemperierten Schatzkammer im Keller seines Hauses öffnet, verschlägt es dem Besucher einen Moment lang fast den Atem ob des Anblicks: Hunderte Harmonikas stehen in den deckenhohen Wandregalen, Bandonions aus Spanien, Zieharmonikas aus Tschechien und Russland, kleine Konzertinas aus England – Instrumente, teils über 100 Jahre alt, teils verziert mit filigranen Intarsienarbeiten.
Der so ganz eigene, immer ein wenig sehnsuchtsvolle Klang der Harmonikas hatte ihn schon als Junge fasziniert, erzählt der gebürtige Osnabrücker und erinnert sich an ein Schlüsselerlebnis in seiner Kindheit: Wenn er draußen herumtollte, traf er oft einen Mann, der auf einer Bank am Waldrand saß und Ziehharmonika spielte, erinnert sich der heute 80-jährige Hobbymusiker. „Das gefiel mir so“. Mit zwölf Jahren bekommt er selbst Akkordeonunterricht, drei Jahre später gründet er das Hasberger Jugendakkordeonorchester und mit 18 Jahren seine erste Band. Als „die 4 Boleros“ machen sie Tanzmusik, spielen auf Hochzeiten.
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Mit 23 Jahren lernt er seine Frau kennen, sie ist Mitglied in dem Fanclub, den die Boleros da bereits haben. Die beiden gründen eine Familie, bekommen drei Söhne, und vorübergehend ist Schluss mit dem Musizieren. Doch dann kommt ihm die Idee, wieder selbst ein Orchester zu gründen, erzählt Wiemann. 1979 gründet er das Osnabrücker Akkordeon-Orchester, dessen Vorsitzender er viele Jahre lang ist.
Den Auslöser für seine Sammlung gibt ausgerechnet seine Frau Brigitte, die eigentlich keinen Musiker heiraten wollte, wie sie heute lachend erzählt. 1980 sieht sie auf einem Flohmarkt ein altes Akkordeon und fragt ihren Mann, ob sie es nicht kaufen wollen, weil es so schön in ihre altdeutsch eingerichtete Wohnung passe. Und es bleibt nicht bei dem einen. Auf Antik- und Flohmärkten in ganz Europa sucht Wiemann fortan Akkordeons, seine Sammlung wächst schnell.
Doch sich die Instrumente nur ins Regal zu stellen, ist dem handwerklich begabten Mann, der beruflich als Flachglaskaufmann tätig ist, zu wenig. Beim renommierten Akkordeonbauer Hohner in Trossingen macht er einen Reparaturkursus, besucht Fachwerkstätten, wälzt Bücher und lernt, die schönen Stücke zu restaurieren. Schnell hat Wiemann einen Namen in der Szene, in der Harmonikabewegung ist er bundesweit gefragt. Auch bei Hohner wird er als Akkordeonspezialist geführt, aus der ganzen Republik schicken ihm Musikgeschäfte und Privatleute ihre Instrumente zur Reparatur.
Nebenan in seiner Werkstatt zeigt sich, warum Wiemann mit seinen geschickten Fingern so gefragt ist in der Szene. Das Innenleben einer Harmonika ist kompliziert, allein das Stimmen ist schwierig – schwieriger als etwa ein Klavier zu stimmen, erklärt Wiemann. Auf dem Stimmbock sitzen die Stimmstöcke, vier Stück sind das in einem normalen Akkordeon. Auf den Stimmstöcken wiederum sitzen metallene Stimmzungen, paarweise angebracht, eine für die Druckluft, eine für die Zugluft. Beim Stimmen müssen sie gefeilt werden, um den Ton höher oder tiefer zu kriegen, erklärt Wiemann.
Drei Stöcke kann er mit einem elektrischen Gerät stimmen, den vierten aber, der das Tremolo, den typischen Schifferklavier-Sound bringt, muss er nach Gehör stimmen. Das erfordert ein feines Ohr. Und eine Harmonika ist durchaus empfindlich: Bei zehn bis zwölf Grad sollten die Instrumente trocken aufbewahrt werden, erklärt Wiemann. In feuchten oder zu warmen Räumen setzt sich schnell Rost auf den Stimmzungen ab und verstimmt den Ton.
{picture2s} Zu fast jedem seiner Instrumente weiß Wiemann eine Geschichte zu erzählen. So wie die von dem Akkordeon, das er auf einem Flohmarkt in Oldenburg entdeckte. Als er es zuhause aufmachte, entdeckte er im Balg ein Bündel Schulhefte mit schlechten Noten – ein originelles Versteck aus der Schulzeit seines Vorbesitzers: „Ein Akkordeon voller schlechter Noten“, scherzt Wiemann mit feinem Humor.
Heute gehören 200 Harmonikas zu seiner Sammlung, die Älteste stammt aus der Zeit um 1900. Nicht immer lohne es sich, ein Instrument zu restaurieren, weiß Wiemann. Instrumente ohne großen Wert dienen ihm als Ersatzteillager, denn Tasten und andere Kleinteile sind oft nicht mehr leicht zu bekommen. Als er 1989 nach Buxtehude zieht, bringt Wiemann seine Sammlung mit – und sein Hobby, die Musik. Schnell ist er Mitglied im Männergesangverein Amönitas Altkloster-Estebrügge, und 2006 stößt er zum Neu Wulmstorfer Shanty-Chor „De Windjammers“, dessen damaliger Vorsitzender Gerhard Böhring den Spezialisten sofort für die Truppe an Land zieht– als Akkordeonspieler natürlich.
So sehr er seine Akkordeons liebt, so sehr wünscht sich Helmut Wiemann ein neues Zuhause für seine einmalige Instrumentensammlung. Mit seinen 80 Jahren wird er irgendwann aus seinem Haus müssen, weiß Wiemann, und der Erhalt seiner kostbaren Sammlung ist ihm ein Herzensanliegen und ein Beitrag zum Erhalt eines musikalischen Kulturguts. Doch bisher hat er noch keine Unterkunft für seine 200 Harmonikas gefunden. Die Stadt Buxtehude hat bereits abgewinkt mit dem Hinweis, keinen Platz für seine „Schifferklaviere“ zu haben, die lapidare Antwort hat Wiemann ein wenig traurig gestimmt.
Auch der Kiekeberg sieht sich nicht in der Lage, der Sammlung ein neues Zuhause zu geben. Wiemann wünscht sich nun ein Museum, dem er die Sammlung in Form einer Stiftung überlassen würde, oder auch einen privaten Musikfreund und Sammler, mit dem er allerdings über einen Preis verhandeln müsste. Auch würde er gern seine langjährige Erfahrung und Kenntnisse mit den Reparaturen der Instrumente und auch seine Werkstatteinrichtung weitergeben an interessierte Akkordeonspieler. Interessierte können sich bei Wiemann unter der Mobilnummer 01 76/43 39 63 61 melden.