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Heuckenlock lockt auf die Elbinsel Wilhelmsburg

Diplom-Geografin Lena Pohle von der Gesellschaft für Ökologische Planung (GÖP), leitet das Elbe-Tideauenzentrum und ist Ansprechpartnerin für Führungen durch das Naturschutzgebiet. Foto Sonnleitner

Diplom-Geografin Lena Pohle von der Gesellschaft für Ökologische Planung (GÖP), leitet das Elbe-Tideauenzentrum und ist Ansprechpartnerin für Führungen durch das Naturschutzgebiet. Foto Sonnleitner

Das Naturschutzgebiet Heuckenlock ist einer der letzten Tideauenwälder Europas. Das Süßwasserwatt liegt auf der Flussinsel Wilhelmsburg. Besucher können hier eine ganz spezielle Natur erleben und viel über den europaweit einmaligen Lebensraum lernen.

Mittwoch, 07.06.2017, 19:34 Uhr

Von Martin Sonnleitner

Während fast überall entlang der Elbe Vordeichflächen bewirtschaftet wurden oder aber der Schifffahrt weichen mussten, hat sich im Heuckenlock ein kleines Stück ungezähmter Natur erhalten. Der einmalige Lebensraum, seit 1977 Naturschutzgebiet, befindet sich außerhalb der Hochwasserschutzanlagen Hamburgs und wird daher ungefähr hundertmal pro Jahr durch Spring- oder Sturmfluten vollständig überflutet.

Ausgangspunkt für eine idyllische und auch ein wenig verwunschene Tour auf Wanderwegen ist das Elbe-Tideauenzentrum an der Bunthäuser Spitze. Hier erfahren Erwachsene und Kinder Wissenswertes über diesen seltenen Lebensraum. Die Wanderungen führen dann durch die verschiedenen Vegetationszonen von Süßwasserwattflächen, Tideröhrichten und Auwaldresten.

Das Gebiet erstreckt sich über eine Länge von drei Kilometern, ist bis zu 400 Meter breit, und befindet sich direkt hinter der Süderelbbrücke. Es hat eine Fläche von 120 Hektar und beheimatet etwa 700 Pflanzenarten. „Es ist eine Wanderung durch den letzten Urwald Hamburgs“, sagt Lena Pohle von der Gesellschaft für Ökologische Planung (GÖP), dem betreuenden Naturschutzverband des Gebietes. Die Diplom-Geografin ist Leiterin des Elbe-Tideauenzentrums und Ansprechpartnerin für Führungen.

Eine prägende Besonderheit dieser Landschaft ist das Stromspaltungsgebiet. Ende der letzten Eiszeit stieg der Meeresspiegel, womit ein Gezeitenrückstau verbunden war. In der Folge gab es an der Elbe eine Wasserwildnis mit großen Auwäldern und Sümpfen. Das Heuckenlock ist die bedeutendste Restfläche dieser tidebeeinflussten Landschaft mit seinem europaweit einmaligen Lebensraum der Süßwassertideaue.

Hier haben seltene und bedrohte Pflanzen- und Tierarten eine Heimat. Das Heuckenlock zeigt, dass Artenvielfalt auch nahe Autobahn und Großstadt möglich ist. Schon im Königreich Preußen, zu dem Harburg damals gehörte, galten besondere Vorschriften, um den Tide-Auenwald zu erhalten. Es ging hierbei auch darum, sich im Streit mit Hamburg um den Fluss begehrte Flächen zu sichern. Die Hansestadt kassierte deshalb die Bunthäuserspitze, um die Verteilung der abfließenden Wassermenge zu kontrollieren. Dort steht ein kleiner Leuchtturm, der heute als Aussichtsturm dient.

Im Naturparadies findet sich die seltene Sumpfdotterblume. Es ist auch die perfekte Heimat für zwei nur in der Süßwassertideaue vorkommende Pflanzenarten: den Schierlings-Wasserfenchel und die Wiebel-Schmiele. „Sie wären durch die Elbvertiefung bedroht“, sagt Pohle. Auch die Schachbrettblume hat mit mehr als 400 Pflanzen im Heuckenlock einen Standort gefunden. Durch die besondere klimatische Lage haben sich hier sogar verschiedene Pflanzenarten asiatischer Herkunft, wie der japanische Staudenknöterich oder das indische Springkraut, angesiedelt, nachdem Samen und Früchte durch das Wasser aus dem Elboberlauf herantransportiert wurden. „Die heimische Natur kann sich aber wegen ihrer starken Dynamik einigermaßen halten“, sagt Pohle.

Die stark durch Ebbe und Flut beeinträchtigten Schutzgebiete und der dadurch verursachte wechselnde Wasserstand schufen erst diesen ganz besonderen Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Nach der Sturmflut 1962 wurde der Deich von fünf auf achteinhalb Meter erhöht und die Elbe eingedeicht. Pohle: „Potenzielle Überflutungsflächen wurden somit weggenommen.“ Doch von den Gezeiten der Nordsee beeinflusst, schwillt auch so der Priel zweimal täglich an und überflutet Teile des Heuckenlocks mit Elbwasser. Er ist die natürliche Verbindung zur Elbe. Der Tidenhub im Priel, der als Lebensoase gilt, beträgt 3,50 Meter.

Bei Ebbe ist der Boden somit stets morastig, was erst den Nährboden für den Tide-Auwald ergibt. „Wir befinden uns hier im Überschwemmungsbereich von Flüssen“, so Pohle. Dennoch bleibt der größte Teil des Waldes bei Hochwasser meist trocken. „Man könne aber im Heuckenlock eingeschlossen werden wie im Wattenmeer“, sagt Pohle. „Die meisten Besucher nehmen die Warnschilder deshalb ernst. Bei Springflut und Sturm ist das Areal nicht begehbar.“ Das Gebiet sei wegen der verschiedenen Vegetationsperioden und der Dynamik durch die Gezeiten „eines der abwechslungsreichsten Naturschutzgebiete Hamburgs“, so Pohle.

Im Heuckenlock, das forstlich nicht genutzt wird, sind sich die Bäume weitgehend selbst überlassen, weshalb einige sehr alt werden. Dort stehen überwiegend Pappeln und Weiden, seltener Eschen und Eichen. Nur die knorrigen Kopfweiden müssen regelmäßig geschnitten werden. Die Hohlräume darin bieten Unterschlupf für Insekten und Vögel. Die abgestorbenen Bäume werden nur aus dem Weg geräumt, ansonsten vermodern sie, Käfer, Pilze, Moose und Schnecken finden einen neuen Lebensraum. Es riecht teilweise modrig, teilweise süß, die Buntheit von Flora und Fauna ist beeindruckend. Es gibt künstliche Buchten, sogenannte Schlenzen, hier und da macht sich ein Buntspecht an einem Baum zu schaffen.

Das Heuckenlock ist auch ein äußerst vogelreiches Gebiet. Baum- und Schilfbrüter gibt es hier, Nachtigall, Weißstorch, Graureiher und Kuckuck kommen zur Nahrungssuche, Rohrsänger und Rohrammer brüten im dichten Schilf. Seit 2011 hat ein Seeadlerpaar das Heuckenlock ebenfalls als Brutplatz auserwählt. Auf dem knapp zwei Kilometer langen Wanderweg lässt sich das Naturschutzgebiet auf eigene Faust erkunden. Aus Rücksicht vor Flora und Fauna darf der Weg nicht verlassen werden.

Hinkommen: ÖPNV: Bus 351 Richtung Freiluftschule Moorwerder bis zur Haltestelle Heuckenlock. Auto: A 1, Abfahrt Stillhorn, Richtung Moorwerder (Osten), auf den Stillhorner Hauptdeich, Parkmöglichkeiten am Elbe-Tideauenzentrum.

Führungen: Gesellschaft für ökologische Planung, Moorwerder Hauptdeich 33, 21109 Hamburg, Telefon 0 40/ 75 06 28 31.

Das TAGEBLATT stellt in lockerer Folge schöne Plätze im Süderelbe-Raum vor, die einen Ausflug lohnen. Heute: das Naturschutzgebiet Heuckenlock in Moorwerder im Süden der Elbinsel Wilhelmsburg.

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