Zähl Pixel
Archiv

Hier lagert der Rotschlamm

AOS- Geschäftsführer Volker Richter.

AOS- Geschäftsführer Volker Richter.

Die Rotschlamm-Deponie der Aluminium Oxid Stade (AOS) ist in die Kritik geraten. Bei starkem Frost wehte Nordostwind feinen roten Staub über den Beckenrand und bedeckte Felder und Gräben.

Von Lars Strüning Mittwoch, 04.04.2018, 19:39 Uhr

Die Arbeitsgemeinschaft Umweltplanung Niederelbe (AUN) hat Strafanzeige erstattet wegen des Verdachts auf Umweltstraftaten. Nachbarn fragen, ob der Staub Gifte enthält. Ein Besuch vor Ort.

Mitten im Stader Moor erhebt sich ein 15 Meter hoher Deich. Eher unauffällig. Die Deponie, allein das Becken mit dem Rotschlamm misst 147 Hektar, ist komplett eingezäunt. Ein großes Eisentor regelt die Zufahrt – nur für Betriebsangehörige. Drei AOS-Mitarbeiter sind hier draußen tätig, gut drei Kilometer vom Werk an der Elbe entfernt. Unablässig wird der Deich erhöht. Die Betriebsgenehmigung, so AOS-Geschäftsführer Volker Richter, lässt einen 21 Meter hohen Wall zu. Was passiert, wenn die Deponie abgefüllt ist, wagt er nicht zu prognostizieren. Es gebe immer wieder Bemühungen, den Rotschlamm mit seinem Eisenerz und seinen seltenen Erden weiter zu verwerten, aber noch gebe es kein marktreifes Verfahren.

22 Millionen Tonnen sollen sich über die vergangenen knapp 45 Jahre hier angesammelt haben. Der Rotschlamm verfestigt sich, Wasser wird per aufwendiger Drainage abgeführt und zurück zum AOS-Klärwerk geführt – in Gegenrichtung fließt unablässig das Abfallprodukt der Aluminium-Oxid-Herstellung durch die 3,5 Kilometer lange Leitung gen Deponie.

Oben steht eine Wasserlinse, um den Staub zu binden. Möwen nisten sich gerne am Becken ein, sagt Richter, und auch Gänse. Inmitten der kaum zu überblickenden Oberfläche sind Inseln mit Baumbestand zu erkennen. Torf schwamm hier auf, während die Deponie vorbereitet wurde, die Natur entwickelte sich über die Jahre. An den Rändern wurden rote Strände angelegt, so nennt die AOS die Uferbereiche, die den Deich vor zu starken Wellen schützen sollen. Wenn der Wind weht, braust das Wasser auf. Nicht nur das Wasser. Und das sorgt jetzt für Ärger.

Ende Februar und im März herrschten für die AOS extrem ungünstige Bedingungen. Starker Frost über Tage und Nordostwind setzten der Deponie zu. Die Beregnungsanlage, die den Rotschlamm feucht hält, konnte bei den Minustemperaturen nicht eingesetzt werden. Die Werkfeuerwehr und Kollegen konnten trotz Einsatzes bei unwirtlichen Bedingungen nicht alle Flächen vom Rand aus nass spritzen. Roter Staub wurde vom Wind auf die benachbarten Felder getrieben. Ein bemerkenswertes Schauspiel, das die einen kalt ließ, bei anderen aber Ängste erzeugt.

Die AUN will wissen, und mit ihr Bürger aus Groß Sterneberg, ob der Staub giftige Stoffe beinhalte und was die AOS zu tun gedenkt, diesen Zwischenfall in Zukunft zu verhindern.

Der Stoff, beschwört Richter, sei unbedenklich, sonst dürfe er nicht offen gelagert werden. Es handele sich um rote Erde aus Afrika, der der Aluminium-Anteil entzogen wurde. Allerdings unter Zugabe von Natronlauge, die AOS vom Nachbarn Dow bezieht. Der Rotschlamm werde gereinigt und gefiltert, bevor er zur Deponie gepumpt werde, sagt Richter.

Er verweist zudem auf die jährlichen Kontrollen und Deponie-Rundgänge durch das Gewerbeaufsichtsamt Lüneburg. Das ist ebenso eingeschaltet wie das Umweltamt des Landkreises. Alarm geschlagen hat noch keiner. Die AOS lässt derzeit Proben von den betroffenen Feldern von einem unabhängigen Institut untersuchen. Ergebnisse liegen noch nicht vor.

AOS will sich besser auf die extremen Wetterlagen einstellen, verspricht der Geschäftsführer. „Wir müssen Lösungen finden“, sagt er. Für die AOS ist das überlebensnotwendig. Die Lagerung gehört zwingend zum Produktionsprozess. Richter: „Ohne die Deponie können wir den ganzen Laden dichtmachen.“

Der erste Schritt im AOS-Produktionsprozess: Vom Schiff im Bützflether Hafen wird Bauxit aus Westafrika verladen. Über Förderbänder geht der rotfarbene, geröllähnliche Rohstoff auf das Fabrikgelände.

Der erste Schritt im AOS-Produktionsprozess: Vom Schiff im Bützflether Hafen wird Bauxit aus Westafrika verladen. Über Förderbänder geht der rotfarbene, geröllähnliche Rohstoff auf das Fabrikgelände.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.