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Holborn: Hamburgs letzte große Raffinerie

Vor allem nachts ist die Raffinerie mit ihren riesigen Rohrleitungen und Destillationstürmen ein imposanter Anblick . Foto Holborn

Vor allem nachts ist die Raffinerie mit ihren riesigen Rohrleitungen und Destillationstürmen ein imposanter Anblick . Foto Holborn

Das Unternehmen in Harburg produziert aus fünf Millionen Tonnen Erdöl Benzin, Diesel und Heizöl. Das Rohöl kommt per Pipeline nach Harburg. 500 Tankwagen pro Tag liefern die Endprodukte aus. Holborn deckt die Hälfte des Treibstoffbedarfs im Hamburger Raum.

Montag, 19.09.2016, 16:54 Uhr

Die Raffinerie Holborn war gerade ganz groß im Gespräch. Zur Bekämpfung des Riesenbrandes auf dem Frachter „CCNI Arauco“ in Waltershof konnte das Moorburger Unternehmen die Feuerwehr Hamburg mit den speziellen Geräten unterstützen, mit denen die 1,5 Millionen Liter Löschschaum innerhalb einer Stunde in das Schiff gefördert werden konnten. Kein Problem, die letzte wirkliche Kraft- und Heizstoff-Raffinerie Hamburgs denkt groß. Holborn produziert aus rund fünf Millionen Tonnen Rohöl jährlich Benzin, Diesel und Heizöl. „Wir decken somit ungefähr die Hälfte des gesamten Bedarfs im Hamburger Raum ab“, sagt Holborn-Geschäftsführer Frank Heyder.

Insgesamt beschäftigt das Unternehmen rund 300 Angestellte, Ingenieure, Chemikanten, Laboranten, Kaufleute und Schlosser, von denen viele in drei Schichten rund um die Uhr arbeiten. Das Öl landet auf großen Tankern in Wilhelmshaven. Es kommt aus Ländern wie Nigeria oder Russland, hauptsächlich aber aus der Nordsee. Im Wilhelmshavener Tiefwasserhafen wird es dann in die Pipeline nach Hamburg eingespeist, still und geräuschlos.

„Es ist eine sehr sichere Art und Weise, es passieren keine Unfälle“, betont Heyder. Für die selbe Menge, die so im Jadebusen gelöscht werde, müssten ansonsten mindestens 80 große Tanker jährlich im Hafen einlaufen. „Wir transportieren auf diesem Wege fünf Millionen Tonnen Gefahrgut, weg von Straße und Schiene“, ergänzt Heyder.

Bevor die Endprodukte in Tankstellen landen, steht der äußerst komplexe Prozess der Raffinierung, der Verfeinerung des Rohöls, an. Zunächst gelangt das Öl in zylinderförmige sogenannte Puffertanks, die bis zu 80 000 Kubikmeter fassen. In einem komplexen Verfahren wird das Rohöl, eine schwarze Mischung, die sich chemisch aus Kohlenstoff- und Wasserstoffatomen zusammensetzt, auf knapp 400 Grad erhitzt und dann in den 70 Meter hohen Destillationsturm gepumpt. Hier steigen die leichten Bestandteile wie Benzin und Gas nach oben und werden dort abgezogen.

Im Innern dieser riesigen Metall-, Beton- und Blech-Anlage mit ihren zahlreichen Schornsteinen, Rohrleitungen und baumdicken Pfeilern geht es heiß her. Bei der Destillation wird das Rohöl in seine Bestandteile, die verschiedenen Kohlenwasserstoffe, zerlegt. Dabei entstehen schwere und leichte Destillate, auch Fraktionen genannt. Sie werden in weiteren Schritten unter anderem zu Flüssiggas, Benzin, Diesel und Heizöl verarbeitet.

Die Prozesse sind für einen Laien kaum verständlich, nennen sich Gasölentschwefelung, Naphtafraktionierung oder Cracking. Beim Cracken werden wachsartige Bestandteile des Rohöls in Benzin und Dieselkomponenten gespalten, da durch die Destillation allein nicht das gesamte verwendete Rohöl zu leichteren Kraftstoffen verarbeitet werden kann, denn dafür bleiben zu viele Rückstände im Sumpf übrig.

Nach dem Cracken und Entschwefeln des Rohbenzins werden noch eine Reihe von Veredelungsverfahren durchgeführt, um die Qualität der gewonnenen Produkte weiter zu verbessern. Dabei werden die Molekülstrukturen des Benzins so verändert, dass dieses eine höhere Klopffestigkeit aufweist und nicht unkontrolliert durch Selbstentzündung („Klopfen“), sondern ausschließlich präzise gesteuert im Motor verbrennt. Am Ende der Produktionskette stehen die Endprodukte, die Hälfte ist Diesel und Heizöl, dazu kommen Benzin, Schiffsdiesel oder Propan.

Bis zu 500 Tankwagen verlassen pro Tag das Gelände. Das sind in etwa 60 Prozent der produzierten Menge. 15 Prozent werden in Eisenbahn-Kesselwagen gepumpt, wofür die Raffinerie eigens einen kleinen Bahnhof betreibt. 25 Prozent gehen auf Seeschiffe, die unmittelbar an der anliegenden Süderelbe beladen werden und von hier aus verschiedene Häfen in Europa anlaufen. Auch wenn zu der Holborn Investment Company, eine Kapitalgesellschaft mit Sitz in Zypern, ein Tankstellennetz mit den Marken Tamoil und HEM gehört, werden auch andere bekannte Tankstellen-Ketten beliefert. „Sie unterscheiden sich durch die Additive, die sie dem Kraftstoff beimischen“, so Heyder. Jede Kette stünde somit für eine andere Farbe: Shell gelb, Esso rot, Aral blau.

Heyder macht aber auch keinen Hehl daraus, dass die Erdöl-Raffinerien in Europa schon bessere Zeiten erlebt haben. Das liegt zum einen an den strengen Auflagen, unter denen in Deutschland produziert wird. „Wir haben zur Jahrtausendwende weit über 100 Millionen Euro investiert“, berichtet er. Dafür ist die Emission von Schwefel- und Kohlenstoffdioxid drastisch zurückgegangen.

Nun seien Länder wie Indien auf dem Vormarsch, die solche strengen Auflagen nicht hätten und deren Raffinerien, zehnmal so groß wie die in Hamburg, zu deutlich geringeren Kosten produzieren könnten. Ein weiterer Punkt, warum Shell oder BP in Hamburg längst ihre Produktion eingestellt hätten, sei, dass es immer mehr kraftstoffarme Autos gebe, der Bedarf an Mineralölprodukten insgesamt sinke.

Natürlich glaubt Heyder, dass fossile Brennstoffe noch viele Jahre eine große Rolle im deutschen Energiemix spielen werden. Schließlich deckten sie immer noch 30 bis 40 Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland ab.

Über dem Stuhl hängt seine orangefarbene Arbeitsweste, Heyder, der seit 1988 im Unternehmen tätig ist, seit 2004 als Geschäftsführer, ist häufig unten auf dem Riesengelände und schaut, ob im Labor oder im Leitstand, wo der Raffinierungsprozess an mehr als 30 Bildschirmen überwacht wird, alles reibungslos abläuft.

Oder ob der Dispatcher auch die richtige Menge Kraftstoff für einen der zahlreichen Laster freischaltet. Denn Umweltschutz, Größe, Genauigkeit und Komplexität gehören bei Holborn zusammen.

Offene Werkstür

Von rauchenden Schloten bis zum Start-up, das Apps entwickelt: Harburgs Industriegeschichte ist bunt und vielseitig. In loser Folge wirft das TAGEBLATT einen Blick hinter die Kulissen der Firmen und berichtet, was hinter den Werkstoren passiert.

Frank Heyder leitet die Raffinerie Holborn seit 2004. Foto Sonnleitner

Frank Heyder leitet die Raffinerie Holborn seit 2004. Foto Sonnleitner

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