Als oberster Qualitätsmanager ist Braumeister Olaf Rauschenbach verantwortlich für die Produktion und Technologie aller Marken in Hamburg und im mecklenburgischen Lübz. M. Stephan
Bier ist in Deutschland Nationalgetränk. Im Schnitt trinkt jeder Deutsche 107 Liter pro Kopf und Jahr – und damit nur gut 30 Liter weniger als Mineralwasser. Am 24. Mai 1879 wurde in der Holsten-Brauerei in Altona der erste Sud angesetzt. Holsten Pilsener, Holsten Edel oder lieber ein Holsten Radler Alkoholfrei? Die Produktkette wird immer größer. Zu Besuch in der Holsten-Brauerei: eine der bekanntesten Marken in Nord- und Ostdeutschland. Mona Stephan
Mehr als 5000 verschiedene Sorten werden hierzulande gebraut. Die Biervielfalt in Deutschland ist enorm. „Die Konsumenten wollen nicht, dass alles gleich schmeckt“, weiß Braumeister Olaf Rauschenbach. Für die Vielfältigkeit der Brauereikunst ist der 49-Jährige zuständig. Seine Arbeitsstätte: die Holsten Brauerei in Altona.
In Hamburg hat die Bierbrauerei eine lange Tradition. Bereits 1270 nennt das Hamburger Schiffsrecht Bier als wichtigsten Handelsartikel. Am 24. Mai 1879 wird die Holsten-Brauerei als Aktiengesellschaft in Altona gegründet. Markenzeichen ist schon damals der Ritter auf seinem galoppierenden Pferd. Anfangs für eine Produktion von 60 000 Hektolitern bestimmt, nimmt das Absatzgebiet in den Folgejahren stark zu, so dass die Leistungsfähigkeit schnell auf 100 000 Hektoliter aufgestockt werden kann. Zu dieser Zeit gibt es in Hamburg und Umgebung noch 32 andere Brauereien, von denen die Holsten-Brauerei Anfang des 19. Jahrhunderts einige übernimmt. In den 30er Jahren hat das Unternehmen eine Produktionskapazität von 700 000 Hektolitern.
Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt der Wiederaufbau der zerstörten Brauerei. Weil den Brauhäusern in der britischen Zone aber keine Gerste zugeteilt wird, wird ein Bierersatzgetränk, das sogenannte Molkebier, hergestellt. 1948 herrscht mit 25 Litern der tiefste Stand des Pro-Kopf-Bierverbauchs. Doch es geht bergauf. Die Holsten-Brauerei erwirbt weiter diverse Mehrheitsbeteiligungen an verschiedenen Braustätten. Bereits Ende der 80er Jahre setzt die Holsten-Gruppe einschließlich der nicht-alkoholischen Getränke über 3 Millionen Hektoliter ab. Die Holsten-Brauerei AG erwirbt die Mecklenburgische Brauerei Lübz, sowie die Bavaria-St.Pauli-Brauerei. Mit einem inländischen Marktanteil von knapp zehn Prozent und einem weltweiten Absatz von über 10 Millionen Hektolitern Bier ist Holsten zu dieser Zeit die größte Brauerei-Gruppe Deutschlands. 2004, im 125. Jahr seines Bestehens, wird Holsten dann ein Tochterunternehmen der internationalen Carlsberg-Brauerei. Mittlerweile schafft es das Unternehmen gerade noch so in die Liste der zehn größten deutschen Brauereien. Carlsberg beschäftigt deutschlandweit 700 Mitarbeiter, 500 davon in der Hansestadt.
Es herrscht Hochbetrieb in der großen Abfüllanlage. Bierkisten laufen auf einem langen Band durch den großen Raum, mit Saugnäpfen werden die Bierflaschen aus den Kisten gehoben. Zunächst wird das alte Leergut sortiert, bevor es gewaschen und dann neu befüllt werden kann. Die Flaschensortieranlage erkennt anhand von Form und Farbe, ob es sich um die eigene Marke handelt. Flaschen von anderen Brauereien oder Getränkefirmen werden hierbei aussortiert, gesammelt und später durchgetauscht. Auch kaputte Flaschen oder stark verschmutzte Flaschen werden ausrangiert. Diese landen dann im Altglas und werden zu neuen Flaschen wieder eingeschmolzen. In einem Jahr entstehen allein in Altona rund 100 000 Tonnen Altglas.
In einem 20-minütigen Reinigungsprozess werden die anderen Flaschen dann über Kopf und mit Hochdruck gereinigt und anschließend mit einer Lichtschranke noch einmal auf Dreck und Beschädigung inspiziert. Heraus kommen Zigarettenstummel, Müll und alte Säfte. Die sauberen Flaschen laufen auf einem schmalen Band in Richtung Befüllung. Es klirrt. Einige Flaschen haben sich schief eingeordnet. Vier Flaschen fallen zu Boden. Alle anderen fahren in die Flaschenfüll-Anlage. Im Kreis fahren die Flaschen in die Maschine und werde innerhalb von einer Umdrehung befüllt. Ein erzeugter Druckausgleich sorgt dafür, dass der Sud beim Einfüllen nicht schäumt. Es wird ein kleiner Wasserstrahl auf das Bier gespritzt, damit es kurz aufschäumt, die restliche Luft aus der Flasche drückt und die Flasche luftdicht mit dem Kronkorken verschlossen werden kann. Anschließend wird die Flasche etikettiert und in Kisten zum Abtransport bereitgestellt. Im Keller der Holsten-Brauerei lagern rund 50 000 Kisten Bier, die nur darauf warten, abgeholt zu werden. Erst vor kurzem wurde ein Teil der Abfüllanlage grundlegend saniert. Acht Biersorten von Holsten werden in Deutschland vertrieben, hinzu kommen Produkte fürs Ausland, die Astra-Marken, sowie Carlsberg, Lübzer und Duckstein. Die Brauerei produziert seit 134 Jahren Bier nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516.
Je nach Gärverfahren, Stammwürzegehalt und dem damit verbundenen Alkoholgehalt unterscheiden sich die Biere. Wenn im April auf dem eigenen Gelände das alljährliche Holsten Brauereifest stattfindet, wird es auch wieder ein extra für das Wochenende kreiertes Holsten-Bier geben. So war es auch in den vergangenen Jahren. Gebraut wird es vom Chef persönlich: von Olaf Rauschenbach. „Was Neues zu finden, ist nicht schwer.“ Rauschenbach kennt sich aus. 40 bis 50 unterschiedliche Biere hat er schon entwickelt. Als oberster Qualitätsmanager ist Rauschenbach verantwortlich für die Produktion und Technologie aller Marken in Hamburg und im mecklenburgischen Lübz, parallel dazu arbeitet er stetig an der Produktentwicklung. Wasser, Gerstenmalz, Hopfen und Hefe: Auf die Mischung kommt es an. Für das Holstenfest schwebt ihm schon was vor, er will was wagen. Dunkler könnte es dieses Mal werden. „Wir Brauer sind Spielkinder.“ Das Bier für das Fest zu brauen, dauert drei Wochen. Also bleibt noch ein wenig Zeit, bis die Holsten-Brauerei am 27./28. April erneut ihre Tore öffnet.
seit 2004 100-prozentiges Tochterunternehmen der internationalen Carlsberg-Brauerei
Sitz: Holstenstraße 224
Leitung: Vorstandsvorsitzender Frank Maßen
Gründung: 1879 in Hamburg-Altona
Im Eiltempo sausen die Flaschen durch die Abfüllanlage. Holsten