Zähl Pixel
Stades scheidende Bürgermeisterin im Interview

„Ich freue mich auf eine spannende Zeit“

„Ich habe gerade mit meinem Mann die Schlüssel für ein 60 Jahre altes Haus entgegengenommen. Das Haus ist so alt wie ich, ein guter Jahrgang, da kann man dann jetzt was draus machen.“ Fotos: Stephan

„Ich habe gerade mit meinem Mann die Schlüssel für ein 60 Jahre altes Haus entgegengenommen. Das Haus ist so alt wie ich, ein guter Jahrgang, da kann man dann jetzt was draus machen.“ Fotos: Stephan

Seit 2011 ist Silvia Nieber Bürgermeisterin der Hansestadt Stade – aber nicht mehr lange. Am Freitag endet offiziell ihre Amtszeit. Am heutigen Montag hatte sie ihren letzten Arbeitstag im Stader Rathaus und jetzt noch vier Tage Urlaub.

Von Wolfgang Stephan Montag, 09.09.2019, 19:30 Uhr

Von Lars Strüning und Wolfgang Stephan

TAGEBLATT: Frau Nieber, wie schwer war es für Sie, nach der deutlichen Wahlniederlage zurück zur Normalität zu finden und dabei so zu tun, als ob nichts wäre?

Silvia Nieber: Ich bin enttäuscht, das ist ja logisch. Aber jede Medaille hat zwei Seiten. Mein Mann und ich freuen uns darauf, zukünftig mehr gemeinsame Zeit miteinander zu haben. Ich bin jetzt seit 19 Jahren – ein Drittel meines Lebens – hauptamtliche Bürgermeisterin. Dann ist es vielleicht auch mal Zeit für etwas Neues.

Und wie schwer war es, die Niederlage zu verdauen, Sie haben ja direkt nach der Wahlschlappe am nächsten Morgen die Dezernentenrunde im Rathaus geleitet?

Warum sollte ich da fernbleiben? Es ändert ja nichts. Ich bin bis zu diesem Freitag, bis zum 13. September, im Amt, bis dahin bin ich verantwortlich für alles, was ich tue und was ich nicht tue.

Haben Sie in diesen Tagen daran gedacht, wäre ich doch in Bad Münder geblieben?

Nein. Nein. Auf gar keinen Fall. Nicht einmal ein Anflug von Gedanken. Stade ist eine tolle Stadt mit großartigen Bürgerinnen und Bürgern ...

… aber bald ohne Silvia Nieber.

Naja, ich wohne hier ja noch. Mein Mann und ich bleiben Stader Bürger, wie vorher auch. Wir leben gerne hier. Und Stade ist für mich eine wertvolle kommunalpolitische Erfahrung, weil hier vieles anders ist als in Bad Münder: Der Umgang miteinander, die Größe, die Power, die in dieser Stadt steckt, das ist schon spannend und interessant.

Wie lange haben Sie gebraucht, um Ihre immerwährende Fröhlichkeit wiederzugewinnen?

Ich bin nicht immer fröhlich, ich bin freundlich. Und um Ihre Frage zu beantworten: Ich verarbeite die verlorene Wahl, es dauert bestimmt noch ein paar Wochen oder gar Monate.

Sie sind acht Jahre im Amt. Was bleibt von Silvia Nieber in Stade?

Kurzgefasst: Steigende Einwohnerzahlen und steigende sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Wir haben mit gut 47 000 Einwohnern angefangen und inzwischen leben fast 50 000 Menschen in Stade. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze ist durch die gute Wirtschaftskraft und die hiesigen guten Bedingungen, die die Stadt bietet, von etwa 23 500 (2011) auf ungefähr 27 000 (2018) gestiegen. Außerdem haben wir mit dem Kaufhaus und dem Parkhaus am Pferdemarkt eine deutliche Verbesserung erreicht. Hier haben wir auch den großen Bürgerwunsch nach einem Lebensmittelangebot in der Innenstadt erfüllt. Weiterhin haben wir jetzt ein einheitliches Parkkonzept mit einer Stunde freiem Parken und eine Industriegleisverlegung, bei der ich dreimal im Wirtschaftsministerium gescheitert bin; sie aber beim vierten Mal erreicht hatte. Hinzu kommen die Grundstücksverkäufe für die Erweiterung von Airbus und die Verlagerung des Finanzamtes.

Ist das schon alles?

Nein, da fällt mir schon noch mehr ein: Wir haben viel in Bildung investiert. Allein für den Bau und Ausbau von Schulen haben wir über 35 Millionen Euro und für Straßen und Brücken 55 Millionen Euro ausgegeben. Und wir haben die Heidesiedlung als Mehrgenerationen-Wohngebiet geschaffen: Als ich ins Amt kam, gab es hier keine Neubaugebiete. Dabei war es mir bei der Heidesiedlung wichtig, nicht einfach nur eine klassische Neubausiedlung, in die junge Familien hinziehen und gemeinsam alt werden, zu schaffen, sondern ein Quartier für Jung und Alt. Und mit dem Bau des Bildungscampus erhält das jetzt bestehende Quartier noch zusätzliches Format und Qualität. Aber auch hinsichtlich des Kulturangebots entwickeln wir uns in eine gute Richtung. Außerdem sind viele gute touristische Entwicklungen durch die neue Stade Marketing und Tourismus GmbH in der Zeit angeschoben worden, wie etwa der Wassertourismus mit Stand-up-Paddling am Holzhafen sowie die neue Elbfähre. Das neue Havenhostel am Hafen wird das Beherbergungsangebot in Stade für Einzelreisende, Familien und Gruppen mit seinem flexiblen Belegungskonzept ergänzen und damit insbesondere den Tourismusstandort stärken.

Gab es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen lag, das sie vielleicht besonders stolz macht?

Die Entwicklung des Stadtteils Riensförde ist ein Projekt, das mir wichtig ist. Diese Stadt braucht Einwohner und diese benötigen attraktive Wohn- und Lebensbedingungen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ist es wichtig, dass Stade attraktiv ist. Wir haben Chefarzt- Bewerbungen gehabt, die nicht ans Elbe Klinikum gekommen sind, weil die Partnerinnen nicht hierher ziehen wollten. Die kannten Stade und seine Qualitäten gar nicht. Daran muss aus meiner Sicht weitergearbeitet werden. Wir stellen unser Licht immer noch ein bisschen zu sehr unter den Scheffel.

Sie kommen aus der Gewerkschaftsbewegung, da liegt es auf der Hand, dass Ihnen das Thema Arbeitsplätze wichtig ist.

Ja, genau. Weil damit Wohlstand und Lebensqualität für die Menschen verbunden ist. Genauso wichtig dabei aber ist das Thema: Wie bekomme ich Familienfreundlichkeit hin? Wenn Väter und Mütter arbeiten gehen, dann brauchen sie eine gut funktionierende Kinderbetreuung. Da sind wir aber noch nicht gut genug; da gibt es immer noch „Baustellen“. Familienfreundlichkeit hat auch etwas mit Wirtschaftsförderung zu tun. Wenn mein Kind in der Betreuung ist, dann kann ich gut arbeiten. Dann bin ich zufrieden, mein Kind ist es und der Arbeitgeber auch.

Das was Sie eben gesagt haben, das haben wir in der Deutlichkeit und mit dieser Überzeugungskraft bei ihren TAGEBLATT-Wahlkampfauftritten nicht gehört.

In dieser Deutlichkeit haben Sie mich nicht gefragt; zudem sollte ich mich ja kurz halten.

Spielten nicht auch taktische Fehler im Wahlkampf eine Rolle, wie die große Siegessicherheit der SPD? Alle sind davon ausgegangen, dass Sie im Amt bleiben.

Ich habe im Wahlkampf wirklich alles gegeben. Morgens habe ich meinen Job im Rathaus gemacht, am späten Nachmittag habe ich an etwa 1000 Haustüren geklingelt. Es wurde behauptet, ich würde mein Amt im Wahlkampf vernachlässigen. Das war aus meiner Sicht nicht ganz fair.

Was aber einige Genossen von Ihnen gemacht haben, um den Kontrahenten von der CDU zu diskreditieren, war auch nicht schön.

Das war nicht mit mir abgesprochen und es hat mich sehr geärgert. Mir wurde aus CDU-Kreisen zugetragen, dass dort im Wahlkampf auch Dinge gemacht wurden, die aus meiner Sicht genauso kritikwürdig wären.

Der stetig wiederholte Verweis auf die eigene Kompetenz impliziert ja auch, dass der andere sie nicht hat.

Ich weiß, was i c h kann und was i c h nicht kann. Über die Kompetenz anderer Mitbewerber erlaube ich mir kein Urteil.

{picture1}

Aber war das nicht abstoßend für den einen oder anderen, dass Sie so auf dem Thema herumgeritten sind?

Ich bin nicht auf dem Thema herumgeritten. Eine wachsende Stadt mit internationalen Wirtschaftsverflechtungen in der Metropolregion Hamburg braucht eine Führungskraft, die über Erfahrung und Kompetenz in vielerlei Hinsicht verfügt. Jedes mittelständische Unternehmen, und wir sind mit über 700 Köpfen größer als der Mittelstand, sucht über komplizierte Assessment-Center-Verfahren seine Mitarbeiter nach den Maßstäben Kompetenz und Erfahrung aus. Insofern überrascht mich Ihre Frage.

Trauen Sie Ihrem Nachfolger die Rolle zu?

Meine Meinung ist hier nicht von Belang. Die Mehrheit der Bürger, die gewählt haben, und das waren leider nur knappe 40 Prozent, trauen ihm das zu.

Würden Sie etwas anders machen im Wahlkampf aus heutiger Sicht?

Ich würde mehr Social Media nutzen, das ist in der heutigen Zeit unerlässlich. Wobei ich immer noch kein Freund davon bin, alles zu posten. Ich wurde immer wieder gefragt, warum ich nicht deutlich gemacht habe, dass der Rat und somit auch Herr Hartlef an der Entscheidung über die Kosten des Parkhausbaus beteiligt war. Mir wurde – auch gerade im TAGEBLATT – unterstellt, dass die Kosten nicht transparent waren, obwohl dies nachweislich nicht stimmt. Heute würde ich mich vehement gegen diese Art und Weise wehren. Dass ich es nicht getan habe, war vielleicht im Nachhinein ein Fehler. Die Wahlkampfstrategie der CDU hat gewonnen.

Welche war das?

Es wurden viele Sonderausschuss-Sitzungen angesetzt, an denen ich teilnehmen musste. Hätte ich die delegiert, hätte man sagen können, die Nieber vernachlässigt ihr Amt. Und dann hat die CDU Social Media deutlich intensiver eingesetzt. Im Hintergrund ist wohl viel mehr gemacht worden, als vordergründig sichtbar war.

Hat nicht auch die Verkehrssituation eine Rolle gespielt in der Wahrnehmung der Menschen? Die täglichen Staus werden der Amtsinhaberin angekreidet.

Ich habe vor vier Jahren, als noch keiner über einen Verkehrsplaner nachgedacht hat, angeregt, dass mal ein Experte den Blick von oben auf die Stadt richte. Damals hatten wir eine gute finanzielle Lage in der Stadt, da wollte ich für 500 000 Euro ein Verkehrsgutachten erstellen lassen; mit einem Maßnahmenkatalog, den man hätte abarbeiten können. Das ist aber nicht umgesetzt worden, weil das Personal fehlte.

Jetzt haben wir so viel über Ihren Nachfolger geredet, was wünschen Sie ihm?

Ihm persönlich alles Gute und viel Erfolg für seine neue Aufgabe.

Erheitert Sie der Gedanke, wenn Sie an die Zusammenarbeit zwischen Sönke Hartlef und seinem Stellvertreter in der Verwaltung, dem Ersten Stadtrat Dirk Kraska, denken? Viele sagen, Kraska wäre Hartlefs größte Baustelle.

Das kann und will ich nicht beurteilen.

Es könnte Sie also amüsieren?

Ich glaube, da suche ich mir andere Themen, um mich zu amüsieren.

Danach hatten wir aber gar nicht gefragt. Uns interessiert viel mehr Ihre Zukunft. Wie sieht die denn aus? Stimmt es, dass Sie ein Haus in Stade-Thun gekauft haben?

Ja, stimmt. Ich habe gerade mit meinem Mann die Schlüssel für ein 60 Jahre altes Haus entgegengenommen. Das Haus ist so alt wie ich – ein guter Jahrgang …

… da kann man was draus machen …

(lacht)… ja, da kann man dann jetzt was draus machen.

Damit ist klar, sie bleiben in Stade?

Ja, klar.

Aber wir können uns nicht vorstellen, dass Sie sich beruflich zur Ruhe setzen.

Ich kann mir das im Moment ganz gut vorstellen. Ich bin seitdem ich 40 Jahre alt bin, ununterbrochen hauptamtliche Bürgermeisterin. Das ist eine lange Berufszeit, in der 60 Arbeitsstunden in der Woche, häufig sogar 70, plus Wochenenden, normal sind. Ich freue mich, dass ich mich jetzt auch mal ausruhen kann.

Sie gönnen sich eine Auszeit und starten dann noch mal durch?

Keine Ahnung, lassen Sie mich einfach mal abwarten. Seit Jahren will ich unbedingt in Nepal wandern gehen. Vom deutschen Wanderverein wird eine Tour angeboten, die immer im November stattfindet. Da wird aber der Haushalt für das nächste Jahr aufgestellt, da kann man als Bürgermeister keinen Urlaub machen. Jetzt aber habe ich die Zeit dazu. Um die Pyrenäen vom Atlantik bis zum Mittelmeer zu queren, braucht man Zeit. Der Wanderweg ist 860 Kilometer lang. In meinem normalen Urlaub mit zwei Wochen komme ich da nicht weit; jetzt kann ich das nachholen.

Also, Sie freuen sich auf die Auszeit?

Jetzt Ja. Mein Wunsch, Bürgermeisterin der Hansestadt Stade zu bleiben, ist leider nicht in Erfüllung gegangen, aber als politisch denkender und engagierter Mensch bleibe ich Stade erhalten. Jetzt freue ich mich auf eine spannende Zeit gemeinsam mit meinem Mann.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.