„Ich verstehe mich mit meiner Art ein bisschen als Botschafter“
Joja Wendt ist nach seinem Konzert die halbe Nacht durchgefahren, um seine zweitägige Konzertpause während seiner Deutschland-Tournee zu Hause bei seiner Familie verbringen zu können. Noch etwas müde trifft er TAGEBLATT-Mitarbeiter Manfred Ertel zum Gespräch.
Das Interview findet in Wendts Studio in Hamburg-Bahrenfeld, einem ehemaligen Pferdestall, statt. Und trotz Müdigkeit ist sie wieder da und zu spüren, seine Begeisterung für Klaviermusik, Jazz und Blues. Und die Lust auf Herausforderungen.
TAGEBLATT: Wie kommt man eigentlich als einfacher Hamburger Jung mit acht Geschwistern zum Jazz?
Joja Wendt: Meine Mutter war klassische Sängerin und sehr in der Klassik drin, sie ist einem inneren Ruf gefolgt. Der musikalische Gegenentwurf zu ihr sozusagen waren damals Jazz und Blues. Das waren die Platten von meinen Eltern, die mich schon sehr früh fasziniert haben.
Wie früh?
Meine ältere Schwester spielte schon mit sechseinhalb Jahren Klavier, ich war da gerade vier und habe angefangen, Sachen auf der Tastatur auszuprobieren. Meine Mutter und auch mein Klavierlehrer sagten später, dass daher wahrscheinlich für mich so ein natürlicher Umgang mit Klaviertasten entstand und ich so etwas wie eine natürliche Technik bekam. Und es war auch mein Ventil. Wenn ich aus der Schule kam und genervt war, habe ich mich immer als erstes ans Klavier gesetzt. Dem Ruf bin ich gefolgt.
Waren Sie deshalb schon früh ein Einzelgänger?
Eher nicht. Wenn man viel am Klavier sitzt, ist man natürlich viel allein. Aber ich war auch mit Freunden draußen unterwegs. Wirklich einen Tunnelblick hatte ich erst zwischen 20 und 30, als ich in Hilversum und New York Jazz studierte. Da bin ich morgens um acht Uhr ans Klavier gegangen und nachts um zwei Uhr wieder aufgestanden. Die Zeit war ich wirklich ein Einzelgänger. Wenn ich da manchmal zufällig einen alten Kumpel auf der Straße auf dem Weg zu einer Party getroffen habe, dachte ich, das gibt’s ja auch noch. Damals war mir völlig entfallen, dass man abends auch noch auf Partys gehen kann.
Die Sehnsucht nach Karriere überlagerte alles?
Nicht ganz. Ich war damals ja schon voll sozialisiert, das gereichte mir vielleicht auch zum Vorteil. Viele Pianisten auf der Bühne haben soziale Defizite, weil sie so viel spielen müssen und isoliert sind. Aber wir waren ja so viele Kinder zu Hause, wir waren viel uns selbst überlassen, jeder war wahnsinnig selbstständig. Wir wurden nicht von Bahnhöfen oder Haltestellen abgeholt, wenn wir von irgendwoher kamen, Helikopter-Eltern gab es noch gar nicht, wir haben uns selber erzogen. Und jeder hat seinen Weg gemacht.
Haben Ihre Eltern nie gesagt, Jung lern‘ doch erst mal was Ordentliches?
Na ja, es gibt wohl keinen Beruf, der so viel Aufmerksamkeit und Arbeit erfordert, um es nach oben zu schaffen, wie ein Pianist, mit so wenig Aussicht auf Erfolg. Das Verhältnis stimmt überhaupt nicht, weil es so viel internationale Konkurrenz gibt und so wenig Jobs. Deshalb kann man eigentlich keinem empfehlen, Pianist zu werden. Und natürlich gab es Bedenken und Ressentiments bei den Eltern, deswegen habe ich ja auch zuerst Jura studiert.
...und nach drei Semestern abgebrochen.
Ich erinnere mich noch ganz genau an das Gespräch mit meinem Vater am Kamin. Ich sagte ihm damals, wenn ich diese Zeit lieber für Musik opfern würde, wäre ich ein sehr viel glücklicherer Mensch. Das hat er sofort verstanden. Er antwortete: Dann möchte ich aber auch, dass du das richtig machst, studierst, ins Ausland gehst und deinen Horizont erweiterst. Und was ihm noch wichtig war: dass ich meine Steuererklärung richtig mache.
Haben Sie je über finanzielle Risiken eines Musikerlebens nachgedacht?
Nie. Mir war klar, dass ich damit mein Geld verdienen will. Meine Mutter hatte mir quasi verboten, in irgendwelchen Hotels nur im Hintergrund zu spielen, sie hat immer gesagt, wenn du spielst, muss das eine klare Zielrichtung haben. Ich habe dann jeden Abend auf Hochzeiten, bei Geburtstagen, in Jazz-Clubs gespielt. Es gab dafür nicht mehr als fünfzig oder hundert Mark, aber ich war damit als junger Mensch unabhängig. Ich war der Einzige in der Familie, der von unserem Vater kein Geld brauchte.
Gab es nie eine Versuchung, an der Seite von Pop- und Rockgrößen durch die Welt zu tingeln?
Am Anfang habe ich gedacht, ich bin Pianist und begleite zum Beispiel Inga Rumpf oder andere große Künstler wie Marius Müller Westernhagen oder Udo Lindenberg, das wäre das Größte. Oder ich spiel’ in Jazz-Clubs. Ich glaubte, das ist das, was man als Pianist erreichen kann. Dann kam der Moment, wo mich Joe Cocker entdeckte, irgendwann Mitte der Achtziger. Er stellte mich in der Alsterdorfer Sporthalle auf die Bühne, und ich musste da alleine klarkommen, in seinem Vorprogramm ein paar Stücke spielen. Aber die Leute sind wahnsinnig abgegangen, und das war der Moment, als mir klar wurde, ey, du kannst ja alleine Tausende Leute unterhalten.
Was ist eigentlich ein Star-Pianist?
Ach, das ist ein furchtbarer Ausdruck, den Werbe- oder Konzertagenturen gern benutzen. Wahrscheinlich weil die Leute denken, der erreicht ein großes Publikum, hat sich mit seinem Instrument einen Namen gemacht, und deshalb muss er ein Star sein. Dabei sagt das alles noch gar nichts aus über Qualität und Ausdruck. Ich weiß nicht, ob der Begriff auf mich zutrifft, ich glaub’ eher nicht.
Gefällt Ihnen Klavier-Virtuose besser?
Das stimmt schon, und sie hat mir immer gelegen, die Virtuosität. Das Klavier und die Musik sind immer der Kernpunkt meiner Konzerte. Das unterhaltsame Drumherum liegt erstens in meiner Natur und erhöht zweitens auch die Aufmerksamkeit für die Stücke, die ich spiele.
Wollen die Leute lieber den Pianisten hören oder den Unterhaltungskünstler erleben?
Mein toller Klavierlehrer hat immer gesagt, ich würde Leute in die Konzerte holen, die sich so etwas sonst nie anhören würden, wie meinen Nachbarn zum Beispiel, der sonst nur die Ramones oder Helene Fischer hört. Ich verstehe mich ein bisschen als Botschafter, weil ich mit meiner Art Leute locken und ihnen Musik näherbringen kann, die mir am Herzen liegt. Jemand, der vorne steht und seine Zuhörer fesseln will, muss auch Charisma dafür haben und Humor, das gilt für Lehrer genauso wie für Politiker oder Musiker. Wenn du diese Gabe hast, kannst du sie auch für deine Botschaft nutzen.
Partnerschafts- und Dating-Experten behaupten, Klavier macht sexy. Stimmt das?
Das wird immer so gesagt. Ich glaube, das kann man so isoliert nicht sehen, denn Frauen sind sehr differenzierte Wesen, die gucken sich das ganze Paket an. Wenn da so ein Nerd mit hängenden Schultern am Klavier sitzt und traurige Weisen spielt, hat der sicher nicht so eine Strahlkraft wie zum Beispiel vielleicht ein super Sportler. Klavierspielen bringt allerdings eine Seite zum Vorschein, die bei einem Mann sonst oft nicht so zu sehen ist, Emotion und Sensibilität. Das fasziniert Frauen.
Wer dübelt bei Ihnen zu Hause eigentlich Bilder und Regale an die Wand oder schraubt Ikea-Regale zusammen?
Das machen wir zusammen. Bei Regalen ist meine Frau Birte sehr gut, ich bin es beim Dübeln. Ich bin eher zielorientiert, sie ist eher prozessorientiert. Das heißt, sie kann die Prozesse wunderbar einhalten, und dann wird das auch was. Wenn ich Regale zusammenschraube, geht das schneller aber oft auch in die Irre, weil ich irgendwas vergessen habe oder es ist falsch herum.
Müssen Sie nicht besonders vorsichtig sein, weil die Finger Ihr Kapital sind?
Doch, ich passe auch auf. Ich merke selbst, wenn ich auf Tournee bin, wie meine Finger leiden. Wenn sich das Nagelbett entzündet, kannst du nicht mehr Klavier spielen. Ich habe gestern mit Pflaster gespielt, weil die so wehgetan haben. Da sieht man, wie fragil alles ist.
Haben Sie Ihre Finger speziell versichert?
Wir haben das tatsächlich mal überlegt. Aber was passiert denn, wenn mir ein Finger fehlt. Dann sind zehn Prozent weg, aber ich kann hundert Prozent nicht mehr arbeiten und bekomme vielleicht ein paar Tausend Euro. Das lohnt einfach alles nicht. Man muss schon selber für den Moment sorgen, falls mal etwas passieren sollte.
Ist Hamburg noch die Musikhauptstadt, von der Sie immer geschwärmt haben?
Berlin hat Hamburg ein bisschen den Rang abgelaufen. In Hamburg gab es jahrelang traditionell einen Nährboden für Musiker, der für kreative Prozesse sehr fruchtbar war, mit dem Kiez, Großneumarkt, der Hamburger Szene oder den Musicals, die viele internationale Musiker hierher brachten, die in ihrer Freizeit auch irgendwo gespielt haben. Es gab so einen Melting Pott wie in New York, Hamburg ist inzwischen ein bisschen klein gegenüber Berlin. Und Berlin hat einen wahnsinnigen Zustrom, eine Art von Kontrollverlust, der Kreativität ermöglicht, die es lange Zeit eher in Hamburg gab.
Bitte ergänzen Sie...
Früh aufstehen ist für mich... normal, ich bin tatsächlich Frühaufsteher.
Sport finde ich... großartig, er gehört zu meinem Leben. Ich bin begeisterter Kite-Surfer im Sommer, ich spiele fast jeden Tag Tischtennis, weil ich immer noch für den TuS Osdorf in der höchsten Hamburger Liga, der Verbandsliga, antrete.
Privatzeit für Konzertbesuche und Kultur... versuche ich mir so viel wie möglich zu nehmen, ist aber manchmal schwierig. Die sind auch Inspirationsquelle.
Privat höre ich am liebsten... Jazz-Musik. Meisten Westcoast- oder Fusion-Jazz
Haushalt ist für mich... muss ich auch machen.
Meine Kinder finden meine Musik... ganz cool, fanden sie übrigens immer, auch in der Pubertät.
Der Pianist Joja Wendt wurde im Juli 1964 geboren und wuchs im Hamburger Stadtteil Osdorf als eines von neun Geschwistern auf – „echtes Patchwork“, wie er lachend sagt. Die Kinder sind von drei Müttern, lebten aber zusammen. Nach dem Abitur auf dem Gymnasium führte sein Weg schnell zur Musik, er spielte mit kleinem Klavier, das er in einem VW-Bus transportierte, und Freunden als Straßenmusiker in der Hamburger City, studierte Klassik und Jazz in Hilversum bei Amsterdam und in New York und wurde von Joe Cocker im Hamburger Jazzclub „Sperl“ am Großneumarkt entdeckt.
Joja Wendt gilt als Deutschlands erfolgreichster Pianist. Er ging unter anderem mit Chuck Berry auf Tournee, spielte mit Pur in der ausverkauften Arena auf Schalke und schrieb Filmmusiken, zum Beispiel für „7 Zwerge – Männer allein im Wald“ und „7 Zwerge – der Wald ist nicht genug“ mit Otto Waalkes. Am 3. Dezember spielt Joja Wendt im Rahmen seiner Tournee in Norderstedt und am 4. Dezember in Hamburg. Vom 10. bis 16. Dezember tritt er mit Stefan Gwildis und Rolf Claussen als Söhne Hamburgs in der Komödie Winterhuder Fährhaus auf.