In Harburgs Herz schlägt noch heute der Gummi
Ein Blick in den Nähmaschinensaal um 1890: Zu dieser Zeit waren die Phoenix-Werke Hauptstandort der deutschen Gummiwarenindustrie.
Wohl kaum ein Industrieareal im Hamburger Süden ist so signifikant wie die 160 Jahre alten Phoenix-Werke. Seit 2004 gehört die ehemalige Gummifabrik zum Konzern Continental. Das Werk hat Harburg als Arbeiterstadt und als Industriestandort geprägt.
Basis der immer noch riesigen Industrieproduktion ist nach wie vor die Herstellung von Gummi jeglicher Art. Wichtigstes Rohmaterial ist dabei der Kautschuk. Unter dem Begriff Compounding entstehen in riesigen Mischanlagen die Vor- oder Endprodukte. Im Jahr 2015 erzielte Contitech insgesamt einen Umsatz von knapp 5,4 Milliarden Euro.
830 Leute arbeiten heute noch am Standort Harburg, wo bei der Phoenix AG einst zu industriellen Boomzeiten noch 8000 Mitarbeiter beschäftigt waren. Den größten Betrieb stellt die Phoenix Compounding Technology GmbH. „Etwa 470 Mitarbeiter produzieren an sechs Mischerlinien rund um die Uhr hochwertige Gummimischungen – bis zu 60 000 Tonnen im Jahr“, sagt Geschäftsbereichsleiter Peter Scholtissek. Die Mischungen werden später zu Schläuchen, Dichtungen, Reifen, Matten oder Schutzmasken. Sie werden ebenfalls zu vielen anderen Produkten, vor allem für die Automobilindustrie, weiterverarbeitet.
Doch bereits Ende der 1970er-Jahre war Schluss mit der einst florierenden Herstellung von Reifen. Frank Gude hat hier 1986 Schlosser gelernt, heute ist er Standortmanager. „Da war Leben“, sagt er mit etwas wehmütigem Blick. Heute verläuft sich vieles zwischen den vielen Werkstoren, dem 100 Jahre alten Schornstein und den Harburg so prägenden roten Backsteingemäuern.
Doch Kautschuk ist immer noch die Basis der weichen, nicht vulkanisierenden Mischungen. Es gebe insgesamt 4000 Gummirezepte, 2000 seien ständig in Gebrauch, erklärt Gude. Am Ende stünden Produkte wie Förderschläuche für Offshore-Anlagen oder Luftfedersysteme für ICEs.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Harburg mit den Phoenix-Werken zum Hauptstandort der deutschen Gummiwarenindustrie. Als die Werkstore 1856 zum ersten Mal öffneten, war es zunächst eine „Fabrik zur Herstellung von Gummihandschuhen und vulkanisiertem Gummi“. Riesige Ballen Rohkautschuk wurden über den Hafen angeliefert, zwei Dampfmaschinen standen im Zentrum der industriellen Fertigung. Das heute unter Denkmalschutz stehende Backsteinensemble an der Hannoverschen Straße wurde 1918 erbaut. Die Architekten verzichteten hierbei auf Schnörkel und bauten sachlich funktional. Das weitläufige Werksareal liegt heute Mauer an Mauer zum Phoenix-Einkaufszentrum. Nicht zuletzt ist die berühmte Sammlung Falckenberg mit ihren 1900 Arbeiten moderner Kunst in einer umgewidmeten Phoenix-Lagerhalle zu finden.
Im Inneren der Werkshallen ist der Geruch nach Gummi immer noch prägend. Am Rand sind meterhoch Gummimatten für die Produktion von Autoreifen aufgestapelt. „Wir kriegen die Vorgaben, wie viel Öl in die Mischung muss oder wie viel Hitze nötig ist“, erläutert Gude. VW-Reifen hätten schließlich eine andere Beschaffenheit als jene von Ferraris. In riesigen Mischern wird der Kautschuk mit Ölen, Beschleuniger und Schwefel vermengt. Auf Förderbändern wird die Mixtur gewogen, dann bei über 150 Grad vier Minuten in einem Schacht vermengt, bevor sie merklich abgekühlt zum Walzwerk kommt. Hier steht ein Mitarbeiter, der geschickt und in Windeseile das an Kuchenteig erinnernde Material herausschneidet.
Dann wird dieses noch mal in die richtige Norm gebracht, es gibt neben Matten auch Streifen jeglicher Breite. Contitech produziert auch Fahrradreifen sowie Dichtungen für Haushaltsmaschinen. Früher wurden noch Badekappen, Wärmflaschen, Tennisbälle und Gummischuhe hergestellt. Heute liefert das Unternehmen immerhin noch das Material für die Sohlen von Adidas-Turnschuhen. Doch ist Contitech auch Spezialist für Primär- und Sekundärfederungssysteme im Drehgestell und beweist somit, dass die Synthese zwischen Nostalgie und Hightech gelungen ist. Gude: „Unsere Prozesse werden permanent verändert, verbessert und schneller gemacht.“
Die Contitech Luftfedersysteme GmbH fertigt auf dem Gelände Gummi-Metall-Teile und Luftfedersysteme für Schienenfahrzeuge. Die etwa 160 Mitarbeiter produzieren für Kunden wie die Zughersteller Bombardier und Alstom, die Deutsche Bahn und Siemens sowie für einen nordchinesischen Eisenbahnhersteller. Hauptsitz des Mutterkonzerns Continental ist in Hannover. Der internationale Automobilzulieferer und Reifenhersteller erzielte 2015 einen Umsatz von 39,2 Milliarden Euro und beschäftigt mehr als 212 000 Mitarbeiter weltweit.
Doch wer heute am 64 Meter hohen Schornstein mitten auf dem Firmengelände, in dem früher auch das Kesselhaus war, vorbei geht, fühlt sich in eine Zeit zurückversetzt, als Phoenix noch für dampfende Schlote stand. Die Phoenix ist ein industrielles Wahrzeichen wie kein anderes Bauwerk im Bezirk. Phoenix hat Harburg als Arbeiterstadtteil und wichtigen Industriestandort entscheidend mitgeprägt.
Offene Werkstür
Von rauchenden Schloten bis zum Start-up, das Apps entwickelt: Harburgs Industriegeschichte ist bunt und vielseitig. In loser Folge wirft das TAGEBLATT einen Blick hinter die Kulissen der Firmen und berichtet, was hinter den Werkstoren passiert.
Arbeiter um 1890 in der Ballvulkanisation : Neben Schuhen und Reifen waren Gummibälle ein absoluter Renner im Produktionsprogramm.