Zähl Pixel
Archiv

In Wilhelmsburg ackern die Kraftprotze des Hafens

Mal eben einen Lkw hochheben? Kein Problem: Die Schwergutabteilung von TCO bewegt bis zu 50 Tonnen Gewicht . Mit Staplern wird das Gut bewegt.

Mal eben einen Lkw hochheben? Kein Problem: Die Schwergutabteilung von TCO bewegt bis zu 50 Tonnen Gewicht . Mit Staplern wird das Gut bewegt.

An den beiden Terminals der TCO Transcargo GmbH schweben Tag für Tag zigtonnenschwere Lkw, Maschinen und Container durch die Luft. Der mittelständische Hafendienstleister hat sich auf den Umschlag und die Verladung von Schwergut spezialisiert.

Montag, 12.12.2016, 17:49 Uhr

Es wirkt wie ein Kampf zweier gigantischer Monster. Doch geht es hier nicht um King Kong gegen Godzilla in Fantasieland, sondern wir befinden uns ganz reell mitten an der Süderelbe. Genau gesagt ist es ein riesiges Gelände der TCO Transcargo GmbH, und die Monster entpuppen sich als Schwergutstapler, im Fachjargon Reach-Stacker. Es sind riesige Fahrzeuge, die zum Stapeln und Umschlagen von Containern dienen, schwere Gerätschaft mit bis zu 50 Tonnen Hublast und bis rund 100 Tonnen Eigenmasse. Es scheppert, brummt und knallt, krakenhafte Arme mit Hängevorrichtungen hieven voller Karacho zigtonnenschwere Container durch die Lüfte.

TCO-Gründer und -Inhaber Ingo Zemelka redet gegen den Lärm an. Routine, schließlich hat er das Geschäft mit dem Verladen von Ware im Hafenraum von der Pike auf gelernt. Der heute 71-Jährige hat mit 15 als einfacher Tallymann begonnen Ladungen zu kontrollieren. „Damals waren es zehn bis 15 Tonnen Tagestonnage, das machen wir heute in fünf Minuten“, grinst er. 1991 hat Zemelka TCO gegründet, anfangs waren sie zu viert. Heute generierte TCO mit 150 Mitarbeitern über 20 Millionen Euro Umsatz und hat sich in 25 Jahren zu einem veritablen mittelständischen Hafendienstleister entwickelt.

Dabei ist es kaum noch Stückgut, das auf den beiden Terminals mit mehr als 100 000 Quadratmetern Gesamtfläche verladen wird. Es sind schwere Maschinenteile für die Industrie. TCO hole sie europaweit aus den Fabriken ab und mache sie in den 22 eigenen, elektronisch gesicherten Lagerhallen fertig für die Versendung, beispielsweise nach China, berichtet Zemelka. „Eine Halle mit 13 Metern Einfahrtshöhe für 40-Fuß-Container ist schon recht einzigartig.“ Die Anlieferung erfolgt per Schiene und Straße, die Versendung auf dem Seeweg.

TCO zählt knapp 200 Kunden, Import und Export halten sich dabei die Waage. In der Summe fertigt seine Firma pro Jahr 40 000 Standardcontainer ab.

Zwar sind auch Drei-Kilo-Pakete dabei, die für den Flieger verpackt werden, extrem stark ist TCO ebenso im Verteilen von Discountgütern für Supermarktketten wie Lidl, Aldi und Rewe. So werden im Schnitt 50 40-Fuß-Container täglich geleert, somit 20 000 Boxen im Jahr mit Teilen für Gartenmöbeln und allerlei anderer Ware in die Lager und Läden befördert. Den größeren Anteil am Geschäftsvolumen hat die Abfertigung von Importcontainern für Handelskonzerne, einschließlich logistischer Mehrwertleistungen wie die Veredelung von Waren.

Gerade ist ein neuer Gabelstapler geliefert worden, ausgerichtet auf 20 Tonnen. Kosten: 225 000 Euro. Der Fahrer guckt skeptisch. „Ich weiß nicht, ob er das schafft, Chef“, ruft er, wohlwissend, dass er diesem vertrauen kann. „Ich würde nicht investieren, wenn wir keine guten Ergebnisse hätten“, sagt Zemelka, der kürzlich erst acht neue Leute eingestellt hat. Die Experten hierfür, auch die Fahrer der schweren Geräte, bildet die Firma teilweise selber aus. „Unser Credo ist neben der Qualität die termingerechte Lieferung und die sichere Lagerung und Abwicklung“, ergänzt er. Das gesamte Gelände ist flutsicher gepoldert.

Zum Fuhrpark gehören 80 Fahrzeuge bis zweieinhalb Tonnen, „die Arbeitsbienen“, dazu Gabelstapler, die bis zu 32 Tonnen heben können, sowie vier Reach-Stacker, Kosten pro Gefährt: 425 000 Euro. „Uns ist nichts zu groß und nichts zu schwer“, sagt Zemelka. Denn ein besonderer Schwerpunkt von TCO ist Umschlag, Lagerung und Verladung von überhohen, überbreiten und überschweren Gütern. Einziges Hindernis sei die Straßenverkehrsordnung. Heute soll noch ein 34 Tonnen schwerer Kessel verladen werden. Beim Justieren werden rutschfeste Matten benutzt, um die Ware zentimetergenau auf dem Flat-Rack-Container für den Transport auf See auszurichten.

Gerade wird auch eine Eiskratz- und Schneemaschine für Flughäfen für den Versand fertiggemacht. Die Szene erinnert ein wenig an das Einpacken von Weihnachtsgeschenken – in der Tat wird viel Plastik und Folie verwendet.

Doch anstelle eines Lego-Autos wiegt der Pistenbully hier locker mal 17 500 Kilo. „Die deutsche Industrie ist stark im Maschinenbau“, weiß Zemelka auch den Standort des Hamburger Hafens zu schätzen, Zielort ist diesmal der Nahe Osten. „Wir sind vom internationalen Markt abhängig“, bezieht Zemelka auch politisch Stellung und kritisiert jeglichen Protektionismus, wie er in der jüngsten Zeit wieder in Mode zu kommen scheint. Natürlich sei er auch für die neunte Fahrrinnenanpassung. Dann hätten die Elbe und die dazugehörige Wirtschaft „für die nächsten 25 Jahre rosige Zeiten vor sich“, ist sich Zemelka sicher.

Natürlich ist die Geschichte von TCO auch seine eigene Geschichte. Aus einfachen Verhältnissen stammend, ist Zemelka ein Kind des Hafens geblieben, der in Schuppen 54, wo heute die Afrikastraße ist, angefangen hat und heute weltweit auf Messen unterwegs ist, um auch global neue Kunden zu gewinnen.

Zum Portfolio von TCO gehören „alle namhaften Reedereien“, betont Zemelka. Hamburg Süd ist dabei, natürlich die Hapag-Lloyd sowie China Shipping. Bevor Zemelka das Unternehmen gründete, war er zunächst bei der Marine, kehrte anschließend in seinen Lehrberuf zurück und heuerte später bei Hapag-Lloyd an, wo er es in 21 Jahren Betriebszugehörigkeit bis zum Abteilungsleiter schaffte.

Jetzt blickt er, wenn es die knappe Zeit erlaubt, in seinem Büro im ersten Stock eines kargen funktionalen Baus, gleich neben dem Riesengelände, wo die Reach-Stacker ächzen, auf eine stolze Lebensleistung zurück. Im gediegenen Holzregal liegt ein Morgenstern aus Kasachstan. In einem anderen steht ein Frachtsegler aus Messing und Holz von einer Bangladesch-Reise, und auch Holz-Elefanten und Figuren aus Asien spiegeln die große, weite Welt mitten in Hamburg-Wilhelmsburg wider. „Ich habe aus meiner Lehre was gemacht“, sagt er augenzwinkernd.

Offene Werkstür

Von rauchenden Schloten bis zum Start-up, das Apps entwickelt: Harburgs Industriegeschichte ist bunt und vielseitig. In loser Folge wirft das TAGEBLATT einen Blick hinter die Kulissen der Firmen und berichtet, was hinter den Werkstoren passiert.

Ingo Zemelka auf einem schweren Reach-Stacker.

Ingo Zemelka auf einem schweren Reach-Stacker.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.